Denkmal als öffentliche Angelegenheit. Partizipation in der Denkmal- und Kulturerbe-Vermittlung

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von Mark Escherich

Erscheinungsjahr: 2026

Peer Reviewed

Abstract

Wie andere Akteure setzt sich die Denkmalpflege verstärkt mit einer diverser werdenden Gesellschaft auseinander und reflektiert ihr Selbstverständnis, z.B. ihre Rolle als Vertreterin des öffentlichen Interesses. Die Verantwortung für das Kultur- und Denkmalerbe mit der Zivilgesellschaft zu teilen, bedeutet Vermittlung und auch Partizipation zu praktizieren. Für die Denkmalbehörden stellt vor allem Partizipation eine Herausforderung dar, weil sie im Spannungsverhältnis zur weitreichenden gesetzlichen Autorisierung der Ämter steht. Die Bedenken kann der Verfasser nachvollziehen. Trotzdem stellt er die Frage: Geht vielleicht doch beides in der Behörde? Mitbestimmung zuzulassen – ja selbst zu organisieren – und das Recht auf das letzte Wort im Zweifelsfall behalten? Im Rahmen von „teilnehmender Beobachtung“ registriert er seit Langem alltägliche Partizipation in der Denkmal-Inventarisierung der Ämter, die aber nicht explizit gemacht wird. Beispiele hierfür stellt er in seinem Beitrag vor. 

„Partizipation“ gilt nicht nur gesamtgesellschaftlich als hochaktuell, sondern ist auch ein Grundton der modernen Denkmalpflege. Man denke nur an die Altertums- und Geschichtsvereine des 19. Jahrhunderts oder an die Heimatschutzbewegung. Angehörige der Denkmalämter werden nicht müde zu betonen, dass Teilhabe auch heute „allenthalben täglich statt[fände]“ (Die Denkmalpflege 2020:3). Gespräche mit der Politik, mit Vereinen, Verbänden, Runden mit Eigentümer*innen sowie Planenden, Beiräte und jüngst „Denkmalnetze“ gehören zu dieser Praxis. Partizipation als dezidiertes Aufgabengebiet muss aber, abgesehen vom Sonderfall der städtebaulichen Denkmalpflege, als auffällig wenig etablierter und fast unreflektierter Bereich bezeichnet werden. 

Seit der deutschen Einheit flackerte eine theoretische Beschäftigung mit dem Thema nur selten – immerhin mit zunehmender Tendenz – auf: Meilensteine waren die Tagung des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz (DNK) „Kommunizieren – Partizipieren“ 2011, konzipiert von Ingrid Scheurmann, und das Themenheft Partizipation der Zeitschrift „Die Denkmalpflege“ aus dem Jahr 2020. Der vorgeschaltete „Call for paper“ legte die Notwendigkeit eines stärker partizipativen Vorgehens allgemein in der Denkmalpflege nahe, zumindest „wenn man den zentralen Begriff des öffentlichen Interesses nicht nur rein juristisch“ (Die Denkmalpflege 2019:224), sondern konkret und wörtlich nehmen würde. Im Raum steht schließlich auch, dass sich der Wille der Gesetzgeber – von den Bundesländern bis zur UN/UNESCO – immer deutlicher Richtung Beteiligung und Formen direkter Demokratie formuliert. 

Durchaus bezeichnend ist der Abstand zwischen diesen einerseits akademisch und andererseits behördlich geprägten Aktivitäten. Im Juni 2024 folgte mit der Jahrestagung „Teilhabe in der Denkmalpflege“ der Vereinigung der Denkmalfachämter in den Ländern (VDL) ein hoffnungsmachender neuer Impuls, die Möglichkeiten für Partizipation innerhalb denkmalpflegerischer Aufgabenfelder auszuloten. Natürlich hängen diese Entwicklungen mit dem Bewusstsein von Akzeptanz- und Legitimationsproblemen von Denkmalschutz und Denkmalpflege zusammen (vgl. Wendland 2016, vgl. Scheurmann 2021). Lange Zeit wurden diese Akzeptanzprobleme auf ein Kommunikations- und Vermittlungsproblem reduziert. 

Das aktuelle Nachdenken – das offenbarte unter anderem die erwähnte VDL-Tagung – ist vor allem dem Verhältnis zu weiteren am Denkmal interessierten Akteur*innen gewidmet. So steht die Frage im Raum, ob hier Denkmalbehörden „auf Augenhöhe“ und wirklich ausreichend „als Partner“ agieren (Die Denkmalpflege 2020:3). Eine vorantreibende Rolle hat hier das DNK als Dachverband der institutionalisierten Denkmalpflege in Deutschland eingenommen. Es schreibt seit einiger Zeit den Grundsatz der gemeinsamen Verantwortung für die Denkmale von Staat und Zivilgesellschaft groß.

In der fachinternen Diskussion um Partizipation betonen die Befürwortenden häufig den funktionalen Nutzen von Partizipation. Diese aktiviere bürgerschaftliches Engagement und sie könne die Legitimität hoheitlichen Handelns der Behörden stützen, nicht zuletzt, weil mit ihr meist Vermittlungseffekte verbunden sind (Scheuermann 2021:78, Selitz 2022:240). Zugegebenermaßen eröffnen Information, Anhörung, Einbeziehung – als untere erste Stufen des Partizipations-Schemas (Kröger 2020:15) – wichtige Wege der Kommunikation mit anderen Beteiligten. Zu den maßgeblich, von den Critical Heritage Studies ausgemachten Problemen des „autorisierten Denkmaldiskurses“ (vgl. Smith 2006) – eine diverser werdende Welt, das Schwinden einer legitimierenden Mitte der Gesellschaft und von Verbindlichkeiten allgemein (vgl. Löw 2013) – dringen sie nicht durch. Schlichtem Desinteresse und dem Empfinden von Nichtrepräsentation, Ungerechtigkeit oder gar Ausschluss bei Teilen der Gesellschaft kann, wie Jacob Kröhn formulierte, schlecht „mit einer pädagogisch ausgerichteten Vermittlungsarbeit und einer letztlich Top-Down-orientierten Zusammenarbeit begegnet werden“ (Kröhn 2021:68). 

Ein gehöriger Widerspruch steckt letztendlich im Denkmal-Konzept selbst, das zwar auf gesellschaftlicher Wertzuschreibung zu Gegenständen der baulich-räumlichen Umwelt beruht, aber eine gesellschaftliche Aushandlung – und damit auch vieles, was Mitbestimmung ausmacht – im Moment der Unterschutzstellung einschränkt. Bis zu diesem Punkt erscheint vieles möglich, handelt es sich doch um mehr oder minder historische Objekte, die nicht dezidiert zertifiziert sind und im Sinne von Kulturerbe für Austausch, Auseinandersetzung und Aneignung in der Regel gut verfügbar sind. Danach, in staatlicher Obhut, verlieren sie an Interpretationsfähigkeit.

Partizipation in der Erfassung und Inventarisierung von Kulturdenkmalen

Am meisten abgelehnt wird das Thema Partizipation, wenn es um die Inventarisierung der Denkmale geht. Nach den allermeisten deutschen Gesetzen wird das in den Denkmaldefinitionen benannte „öffentliche Interesse“ hoheitlich und alleinig von den Behörden vertreten. Die zuständigen Inventarisierungsabteilungen der Fachbehörden sind hier von sehr passiv bis kategorisch ablehnend eingestellt. Weil die Sinnhaftigkeit partizipativer Eintragungsprozesse wenig bis nicht gesehen wird, bleiben auch die impliziten, schon vorhandenen partizipativen Arbeitsformen unter dem Radar. Ursache und Folge bedingen sich hier in einem Kreislauf, der das Werkzeug Partizipation kleinhält und der Entfaltung der Potenziale im Weg steht.

Dahinter stecken – für den Verfasser durchaus nachvollziehbare – Bedenken, dass die große fachliche und juristische Autorität der wissenschaftlichen Inventarisierung Schaden nehmen könnte und die entsprechenden Abteilungen und mit ihnen das ganze „System Denkmalpflege“ geschwächt würden. Trotzdem stellt sich die Frage: Geht vielleicht doch beides? Mitbestimmung auch hier zuzulassen, ja selbst zu organisieren, und das Recht auf das letzte Wort – etwa beim Schutz von Objekten ohne nennenswerte Fürsprache aus der Gesellschaft – zu behalten?

Anstelle von Antworten möchte ich im Folgenden Beobachtungen bieten, die trotz aller behördlichen Vorbehalte das erwähnte, nicht-explizite Vorhandensein von Partizipation auch in der Inventarisierung illustrieren. Solche gewissermaßen implizite Teilhabe wird von mir seit geraumer Zeit vor allem bei der Denkmalinventarisierung der Baubestände der Nachkriegsmoderne in Ostdeutschland registriert (vgl. Wendland 2012, Escherich 2019, Petsch 2020).

Fallbeispiele: Denkmalwerdungen bei der sogenannten Ostmoderne – Erfassungs- und Eintragungsprozesse

Lange Zeit ein ausgesprochenes Randthema der Inventarisierung, kommt es seit den 2010er-Jahren zu einem spürbaren Anstieg der Beschäftigung mit Bauten und Anlagen der DDR-Moderne und in deren Folge zu Eintragungen dieser Objekte. Die anfänglich zaghaften Bemühungen wurden seit den späten 1990er-Jahren von einer zivilgesellschaftlichen Auseinandersetzungs- und Aneignungskultur überschnitten. Einerseits beförderte eine „Revision der Revision der Moderne“ diesen neuen Blick auf die „Nachkriegsmoderne DDR“, andererseits erwachte, als die Rasanz des ersten Transformations-Schubs in Ostdeutschland nachließ, ein neues und breites Interesse an der DDR-Vergangenheit.

Aufsehenerregend waren anfänglich vor allem Proteste gegen geplante Abbrüche, zuvorderst des Palastes der Republik und des „Ahornblattes“ in Berlin. In den Initiativen kristallisierte sich ein allgemeines Empfinden, dass der Wandel der Lebensräume in Ostdeutschland auch Verlust bedeutet: Verlust der „Erinnerungen an ein Land, in dem bei allen Vorbehalten auch Heimat“ erkannt wird, wie Tobias J. Knoblich 2010 resümierte (Knoblich 2010:7). Heute geht man davon aus, dass sich ein maßgeblich von der Nachwendegeneration getragenes kulturelles Ostbewusstsein zu einer weitgehend dauerhaften Regionalidentität etabliert hat (vgl. Mau 2024).

Das durch das Verlustempfinden ausgelöste menschliche Bedürfnis der Kompensation, übriggebliebenes Anderes ersatzweise zu bewahren, war sicherlich anfangs im Ostmoderne-Diskurs ein wichtiges Motiv. Andererseits fächerten sich die Motivlagen der Engagierten bis heute zunehmend auf, sozial(wohn-)politische Ziele, Ressourcenschonung und Klimaschutz kamen hinzu, wofür der Potsdamer Staudenhof exemplarisch steht. Aus den anfänglichen Protest-Initiativen wurden oft Communities und Netzwerke. Ein Netzwerk mit deutlich überlokalem Anspruch ist „ostmodern.org“, das in Dresden verwurzelt ist. Weitere und mehr lokal agierende Communitys gibt es in Chemnitz, Potsdam, Leipzig, Gera, Halle und auch in deutlich kleineren Städten, je in Abhängigkeit davon, wie stark der Ort von der DDR-Moderne geprägt wurde. Sie entfalten unterschiedlichste Aktivitäten, sorgen über Social Media, Podien, Exkursionen, Tagungen, Publikationen usw. für Austausch unter Interessierten. Sie beteiligen sich an den Debatten um einzelne Beispiele und wirken in den allgemeinen öffentlichen Diskurs hinein. Und es hat sich bei ihnen mittlerweile ein systematisches Wissen zu Bauten und Anlagen sowie deren Kontexten angesammelt, das teils sehr weit über das der Denkmalämter hinausgeht.

Das alles wirkt zweifelsohne auf die Inventarisierungsabteilungen ein. Sowohl indirekt, über Stimmungen, Debatten und persönliche Begegnungen, als auch direkter, über die Stadtpolitik, Partizipation in der kommunalen Stadtplanung sowie durch konkrete Hinweise oder Vorschläge. Die folgenden Beispiele sollen illustrieren, wie solche von zivilgesellschaftlichen Erinnerungsbedürfnissen getragenen „Einmischungen“ zu Denkmalwert-Prüfungen und Eintragungen führten.

Greifswald – „Engagement aus der Zivilgesellschaft“

Der Fall der Mensa der Universität Greifswald zeigt, wie wenig eine Eintragungsentscheidung mit den Erkenntnissen klassischer „substanzbasierter“ denkmalkundlicher Untersuchung korrelieren kann: Bei der ausführlichen und vergleichenden Reihenuntersuchung aller 27 ostdeutschen Hochschulmensen, die zwischen 1960 und 1990 errichtet wurden, gehörte die Greifswalder Mensa nicht zu den wissenschaftlich ermittelten Denkmalkandidaten (Abb. 1, vgl. Rudolph 2010).

Zeitungsausschnitt mit der Überschrift "Einzelne fordern: Schützt die Mensa"
Abb. 1: Ostsee-Zeitung, Sybille Marx

 Als dort Anfang 2018 die Schließung bevorstand, standen lediglich Abrissgedanken und die Idee eines Umbaus zu einem Parkhaus zur Debatte, worauf Lokalpolitiker und andere Einzelpersonen die Erhaltung mittels Denkmalschutz forderten (Ostseezeitung 2018). Die dadurch ausgelöste Prüfung im Landesdenkmalamt führte dann zur Eintragung.

Dresden-Gorbitz – „Persönliche Relevanz“

Eine wichtige Motivation für Partizipation in der ostdeutschen Denkmalinventarisierung spielt die Wiederentdeckung der eigenen und prägenden Lebensabschnitte und -erfahrungen in der DDR oder bei der dritten bzw. vierten Generation Ost das – eben erwähnte – geerbte ostdeutsche Regionalbewusstsein. In dem Dresdener Wohngebiet Gorbitz (errichtet ab 1981) warb beispielsweise der damalige Bewohner und Stadtteil-Kümmerer Mathias Körner jahrelang für seinen Stadtteil, erforschte und vermittelte unablässig die Geschichte, richtete in seinem Wohnzimmer ein Plattenbau-Museum ein und erreichte schließlich 2018 die Eintragung von drei Gebäuden: eine Kirche, ein Gaststättenpavillon und ein Wohnhaus in Plattenbauweise – sicherlich keine herausragende Architektur, aber Träger von Erinnerungs-, Identifikations- und Orientierungswerten für die Wohngebietsbewohner, immerhin fast 20.000 an der Zahl (Abb. 2, Sächsische Zeitung 2018).

Zeitungsausschnitt mit Foto unter der Überschrift "Gorbitzer Bauwerke unter Denkmalschutz"
Abb. 2: Sächsische Zeitung, René Meinig

Dresden – „Verantwortungsübernahme“

Der bisweilen sehr funktionale Fokus auf Partizipation in der amtlichen Denkmal-Inventarisierung richtet sich auf das Nutzen des Wissens, das bei Netzwerken und Einzelnen gesammelt wird. „Crowdsourcing“ kann auch als schlichte behördliche Nutzung ehrenamtlicher Arbeit gesehen werden. Von der Anerkennung pluraler Wertzuschreibungen zeugen Stimmen, die nahelegen, dass das Wissen der Citizen Scientists „eine gute Basis wäre, bis dato unbekannte Geschichten über Denkmale in Erfahrung zu bringen“ (Plein 2024:103).

Das erwähnte Dresdener Ostmoderne-Netzwerk geht bisweilen einen ganzen Schritt weiter und übernimmt die denkmalkundliche Erfassung und Auswahl selbst (Abb. 3, 4). Nennen möchte ich den Laien-Wissenschaftler Daniel Fischer und seine eigeninitiierte und akribische Erfassung aller DDR-Typenschulen in Dresden. Die Herausfilterung und die Denkmaleintragung der 49. Schule, ein Exemplar des Typs „Dresden Atrium“, in Dresden-Plauen ging direkt auf ihn zurück (Tröger 2013).

Foto mit Menschengruppe vor Gebäude
Abb. 3: ostmodern.org, Christine Starke
Foto mit Gebäudekomplex
Abb. 4: Abteilung Denkmalschutz und Denkmalpflege im Amt für Kultur und Denkmalschutz Dresden

Erfurt – „Mitbestimmung der Bürgerschaft“

Oft fällt den Unteren Denkmalschutzbehörden eine kommunikative Schlüsselrolle zu, allein schon weil sie den Erbe-Diskursen in den Städten und Kreisen in der Regel sehr nahe bzw. intensiv in diese involviert sind.

Ein Versuch, die zivilgesellschaftliche Dimension von Wertzuschreibungsprozessen zuzuspitzen und mit der eigenen Rolle als kommunale Denkmalbehörde offensiv umzugehen, war die Voting-Ausstellung „entbehrlich oder erhaltungswürdig?“ im August und September 2020 in Erfurt (Abb. 5, Grass 2020, Karmeyer 2022). Das Format der Voting-Wall sollte durchaus etwas irritieren: Die Erfurter über Architektur, vielleicht sogar über Nicht-Denkmal oder Denkmal abstimmen lassen? Immerhin haben wir als Denkmalschutzbehörde die Aktion verantwortet, womit die Denkmalfrage unterschwellig mit im Raum war.

Foto mit Präsentierendem und zuschauender Gruppe
Abb. 5: Stadt Erfurt, Dirk Urban

Zehn Baubeispiele der zum damaligen Zeitpunkt noch nicht behördlich evaluierten DDR-Moderne der 1960er bis 1980er-Jahre wurden in Bild und Wort sowohl vor als auch zur Debatte gestellt. Mittels roter (für entbehrlich) und grüner (für erhaltungswürdig) Klebepunkte konnte votiert werden (Abb. 6). Insgesamt beteiligten sich in etwa sechs Wochen ca. 250 Besucher*innen. Die Auszählung ergab, dass bei allen zehn Objekten eine mehr oder minder klare Mehrheit – zwischen etwa 60 und 90 Prozent – für Erhaltung stimmte, ein natürlich nicht repräsentatives Ergebnis, allein schon aufgrund der „gefilterten Teilnehmerschaft” in einem musealen Ausstellungsraum im Vorderhaus des städtischen Kulturhofes Krönbacken in der Erfurter Innenstadt. Die zehn Bauten und Anlagen wurden in der Folge vom Landesdenkmalamt auf ihre Denkmaleigenschaft geprüft. Für fünf von ihnen wurde sie festgestellt.

Foto mit Klebepunktaktion
Abb. 6: Stadt Erfurt, Denkmalschutzbehörde

Zusammenfassung

Eine systematische Erfassung und Auswahl der potenziellen Denkmale aus dem Gesamtbestand der DDR-Bau-Moderne findet immer noch nicht ernsthaft in den Fachbehörden statt. Ausnahmen sind Berlin und beim Sonderthema der baubezogenen Kunst Brandenburg. Bei den oben genannten Beispielen hätte es die sogenannten anlassbezogenen Denkmalwert-Prüfungen ohne die Einmischungen von außen nicht gegeben und es hätten auch die Eintragungen nicht stattgefunden; die Denkmale also nie gegeben.

Bemerkenswert an diesen und ähnlichen Fällen ist, dass die auslösenden Prozesse bisher beim behördlichen Inventarisierungsvorgang schlicht unter den Tisch fallen, anstatt dass sie explizit gemacht und konzeptionell eingehegt werden. Das hieße z.B., solche lokalen Aktivitäten, Debatten, kleine und große Diskurse als Ausdruck des „öffentlichen Interesses“ im Sinne der Definition in den Gesetzen zu werten und darüber hinausgehend selbst als Behörde sozialwissenschaftliche Daten zu erheben. Nach dem eher quantitativ ausgerichteten Erfurter Modellprojekt versuchte dies jüngst das mehr qualitativ arbeitende „Schützen, was wir lieben? Was Mannheim über Denkmal denkt“-Projekt von der Hochschule Mannheim und dem Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg.

Die Vermutung liegt nahe, dass eine Inventarisierung, die ihre Methodik um Ansätze der empirischen Sozialforschung ergänzt, Erinnerungs- und Identifikationsbedürfnisse in der Gesellschaft nachvollziehbar analysieren und gerechter würdigen kann. Auf diesem Weg wäre Partizipationspraxis ein naheliegendes Vehikel – vielleicht gerade in der Region Ostdeutschland. Nach dem Soziologen Steffen Mau bietet möglicherweise die hier mehr basisdemokratische Verfasstheit der Gesellschaft eine Basis für zukünftig immer mehr partizipative politische Aushandlung (Mau 2024:125).

Verwendete Literatur

  • Die Denkmalpflege (2019): Call for Papers für die Zeitschrift „Die Denkmalpflege“ 1/2020- »Thema: Partizipation und Denkmalpflege«, Heft 2/2019, Deutscher Kunstverlag München.
  • Die Denkmalpflege (2020): Themenheft Partizipation der Zeitschrift „Die Denkmalpflege“, Heft 1/2020, Deutscher Kunstverlag München.
  • Escherich, Mark (2015):Denkmalpflege und DDR-Nachkriegsmoderne seit 1989. In: Die Denkmalpflege 1-2, 2015, S. 25–28.
  • Escherich, Mark (2019): Late modern beyond the icons. Industrialisierte Alltagsarchitektur nach 1960 erforschen und denkmalkundlich inventarisieren. In: Melenhorst, Michel et al. (Hrsg.): „100 YEARS BAUHAUS. What interest do we take in Modern Movement today?”. 3rd RMB and 16th Docomomo Conference, Technische Hochschule Ostwestfalen-Lippe and Docomomo Germany. Lemgo 2019, S. 383–393.
  • Escherich, Mark (2023): Denkmalinventarisation bei den industrialisierten Baubeständen der DDR-Moderne. In: von Engelberg, Eva et al. (Hrsg.): Alltägliches Erben (Veröffentlichungen des Arbeitskreises Theorie und Lehre der Denkmalpflege e.V.). Heidelberg: Universität Heidelberg/Universitätsbibliothek, arthistoricum.net, S. 118–124.
  • Grass, Michael (2020): Denkmalpopulismus? In: Marlowes, 29. September 2020. Online: https://www.marlowes.de/denkmalpopulismus/ (letzter Zugriff am 24.11.2024).
  • Karmeyer, Frank (2022): Klares Votum für den Erhalt von Erfurter DDR-Bauten. In: Thüringer Allgemeine, Ausgabe Erfurt, 06.05.2022.
  • Knoblich, J. Tobias (2010): Die Stadt und ich. Über Städtebau und Identität. In: Städtebaulicher Denkmalschutz in der Integrierten Stadtentwicklung, hrsg. von der Bundestransferstelle Städtebaulicher Denkmalschutz im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr, Bau- und Stadtentwicklung Berlin (Informationsdienste Städtebaulicher Denkmalschutz 35). Berlin, S. 7–14. Online: https://www.staedtebaufoerderung.info/SharedDocs/downloads/DE/WeitereProgramme/Denkmalschutz/Informationsdienste_35.pdf?__blob=publicationFile&v=2 (letzter Zugriff am 24.11.2024).
  • Kröger, Kristina (2020): Partizipation in der Denkmalpflege – ein Plädoyer dafür! In: NIKE-Bulletin 4/2020, S. 14–17.
  • Kröhn, Jacob (2021): Beteiligungsansätze in Wertzuschreibungsprozessen der Denkmalpflege, unveröffentlichte Masterarbeit Otto-Friedrich-Universität Bamberg, 2021.
  • Löw, Martina (2013): Vielfalt und Repräsentation Über den Bedeutungsverlust der symbolischen Mitte. In: Soziologie 42, 2013, S. 29−41; https://publikationen.soziologie.de/index.php/soziologie/article/view/759/564 (letzter Zugriff am 25.11.2024).
  • Mau, Steffen (2024): Ungleich vereint. Warum der Osten anders bleibt. Berlin: Suhrkamp.
  • Ostsee-Zeitung (2018): Einzelne fordern: Schützt die Alte Mensa. In: Ostsee-Zeitung, Ausgabe Greifswald, 13.03.2018.
  • Petsch, Martin (2020): Praxis und Perspektiven der Inventarisation. In: Moderne Architektur der DDR. Gestaltung, Konstruktion, Denkmalpflege, Red. Roman Hillmann, hrsg. von der Wüstenrot Stiftung. Leipzig: Spector Books, S. 177–192.
  • Plein, Irene (2024): DenkMal miteinander – Teilhabe in der Denkmalpflege Teil 2 – Vermittlung, bürgerschaftliches Engagement und Bürgerbeteiligung. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg – Nachrichtenblatt der Landesdenkmalpflege 53, 2024, S. 98-109.
  • Rudolph, Benjamin (2010): Zum Mensabau in der DDR zwischen 1960 und 1989. Eine Bestandsaufnahme. In: Aus der Arbeit des Thüringischen Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie (Arbeitsheft des Thüringischen Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie 36). Erfurt: Beier & Beran, S. 106–147.
  • Sächsische Zeitung (2018): Gorbitzer Bauwerke unter Denkmalschutz. In: Sächsische Zeitung, Lokalausgabe Dresden vom 25.09.2018.
  • Scheurmann, Ingrid (2021): Partizipation in der Denkmalpflege. Wunsch, Wirklichkeit oder Bedrohung? In: Blokker Johanna et al.: Politiken des Erbens in urbanen Räumen. Bielefeld, S. 75–88.
  • Selitz, Lisa (2022): Zur transformativen Ausgestaltung des urbanen Erbes. In: Bogner, Simone et al. (Hrsg.): Instabile Konstruktionen (Schriftenreihe des DFG-Graduiertenkollegs 2227 Identität und Erbe 2). Weimar: Bauhaus-Universitätsverlag, S. 234–247.
  • Smith, Laurajane (2006): Use of Heritage. London: Routledge.
  • Tröger, Tanja (2013): Neubauschule im Rang eines Denkmals. In: Dresdener Neueste Nachrichten vom 19.11.2013.
  • Wendland, Ulrike (2012): Nachkriegsmoderne in Sachsen-Anhalt. Eine denkmalpflegerische Zwischenbilanz. In: Escherich, Mark (Hrsg.): Denkmal Ost-Moderne. Aneignung und Erhaltung des baulichen Erbes der Nachkriegsmoderne. Berlin: Jovis, S. 86–95.
  • Wendland, Ulrike (2016): Denkmalpflege 2018. Transparenz, Partizipation, Allianzen. In: Meier, Hans-Rudolf (Hrsg.): Denkmalpflege als Zukunftsprinzip! (Forum Stadt – Vierteljahreszeitschrift für Stadtgeschichte, Stadtsoziologie, Denkmalpflege und Stadtentwicklung 43). Stuttgart: Forum Stadt, S. 207–216.

Anmerkungen

Die Studie erscheint parallel unter dem Titel „Partizipation als Vehikel auf dem Weg zu einer sozialwissenschaftlich arbeitenden Denkmalinventarisierung“, in: Tagungsdokumentation der VDL-Jahrestagung 2024 des Landesamtes für Denkmalpflege Baden-Württemberg „DenkMal miteinander – Teilhabe in der Denkmalpflege“.

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Mark Escherich (2026): Denkmal als öffentliche Angelegenheit. Partizipation in der Denkmal- und Kulturerbe-Vermittlung. In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE: https://kubi-online.de/index.php/artikel/denkmal-oeffentliche-angelegenheit-partizipation-denkmal-kulturerbe-vermittlung (letzter Zugriff am 01.06.2026).

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