Scheitern in der Theaterpädagogik. Untersuchungen eines Phänomens in theaterpädagogischen Produktionsprozessen an Stadttheatern anhand einer qualitativen Analyse von Expert*inneninterviews
Abstract
Die Masterarbeit von Lea Reißmann veröffentlicht kubi-online als PDF Textanhang, um Interessent*innen dieses ausgezeichnete Wissen zu erschließen und zum Wissenstransfer beizutragen. Das einführende Abstract haben die Gutachterinnen Prof. Dr. Joy Kristin Kalu und Prof. Dr. Melanie Hinz verfasst:
Seit 2018/19 gibt es an der UdK Berlin den grundständigen Studiengang Lehramt Theater/ Darstellendes Spiel, der sich in einen dreijährigen Bachelor und einen zweijährigen Master gliedert. In diesem Studium werden die künstlerischen, pädagogischen und wissenschaftlichen Kenntnisse und Fähigkeiten vermittelt, um Jugendliche im Schulunterricht an die Darstellenden Künste heranzuführen. Die hier vorgestellte Bachelorarbeit von Lea Reißmann entstand in diesem Fach, sie fokussiert allerdings das Feld der außerschulischen Theaterpädagogik und widmet sich der theaterpädagogischen Arbeit in Theaterclubs an Stadttheatern. Die Arbeit veröffentlicht kubi-online als PDF-Textanhang, um Interessent*innen diesen sehr guten Einblick in die Herausforderungen theaterpädagogischer Praxis am Theater und die ausgezeichnete Analyse diesbezüglicher Interviews mit Praktiker*innen zur Verfügung zu stellen. Das einführende Abstract hierzu haben die Gutachterinnen Joy Kristin Kalu und Melanie Hinz verfasst.
„Scheitern in der Theaterpädagogik. Untersuchungen eines Phänomens in theaterpädagogischen Produktionsprozessen an Stadttheatern anhand einer qualitativen Analyse von Expert*inneninterviews“ widmet sich dem Phänomen des produktiven Misslingens in theaterpädagogischen Produktionsprozessen. Lea Reißmann leistet einen Brückenschlag zwischen einer theoretischen Perspektivierung aktueller Diskurse des Scheiterns und dem analytischen Abgleich mit der theaterpädagogischen Praxis. Ihre Arbeit bietet eine strukturierte Analyse dreier umfangreicher und präzise moderierter Expert*inneninterviews, die aus der pädagogischen Theaterpraxis am Theater berichten und Felder des Scheiterns in dieser Arbeit beschreiben und einordnen.
„Der vorliegenden Analyse des Scheiterns geht die Forschungsfrage voraus, wie das Phänomen theatralen Scheiterns diskursiv gefasst und spezifisch im Praxisfeld der Theaterpädagogik in Theaterclubs verortet werden kann. Hierbei stützt sich die Arbeit auf Expert*inneninterviews, die den Bereich von Produktionsprozessen in Theaterclubs innerhalb der Institution Stadttheater fokussieren. Diese empirische Arbeit richtet sich an Theaterpädagog*innen, Theaterlehrer*innen und weitere Theatermacher*innen sowie Vermittler*innen, die in Kontexten von kultureller Bildung agieren. Der erste Teil der Arbeit umfasst eine theoretische Annäherung an das Phänomen des Scheiterns in unterschiedlichen Diskursen. Um die vielschichtigen Charakteristika des Scheiterns in theaterpädagogischen Produktionsprozessen adäquat zu beschreiben, werden in einer interdisziplinären Herangehensweise soziologische, bildungswissenschaftliche und theaterwissenschaftliche Diskurse, sowie Beispiele aus der professionellen Theaterpraxis und dem Praxisfeld des Theaterunterrichts an Schulen für den Theorieteil herangezogen.“ (Reißmann, PDF, S. 2)
Auf der Basis dieser Theorien und Beispiele erarbeitet Reißmann im zweiten Kapitel einen Arbeitsbegriff des Scheiterns für den spezifischen Arbeitsbereich der Theaterpädagogik, der als Grundlage der Interviewanalyse im zweiten Teil fungiert:
„Die Verknüpfung der unterschiedlichen Diskurse deutet darauf hin, dass das Scheitern sowohl von den institutionellen Strukturen als auch von individuellen Bedingungen der Akteur*innen geprägt wird. Aus theaterpädagogischer Perspektive stellt Scheitern nach Michael Wrentschur eine Form der Differenzerfahrung dar, welche Irritationen und Reflexionsprozesse initiieren kann. Die Verknüpfung von [Hans-Christoph] Kollers bildungstheoretischen Theorien zu transformativen Bildungsprozessen mit [Melanie] Hinz’ Verständnis theaterpädagogischen Lernens, verweist auf das umwälzende Potenzial von Scheitern, welches Bildungsmomente in künstlerischen Produktionsprozessen schaffen kann. Diese Begriffserweiterung, die Scheitern nicht nur als Verfehlung von Zielen versteht, erlaubt das Phänomen als produktives Moment theaterpädagogischen Arbeitens zu erfassen.“ (PDF, S. 21)
Das Herzstück der Arbeit bildet die sehr gute qualitative Erhebung dreier Expert*inneninterviews im 4. Kapitel, die durch die gründliche Einführung in die Methodik qualitativer Interviewanalyse nach Philipp Mayring im 3. Kapitel vorbereitet wird. Der Verfasserin gelingt eine aussagekräftige Auswertung der Interviews im Hinblick auf ihre Fragestellung. Durch die Überschneidungen der Erzählungen der drei Interviewten zeichnen sich nicht nur in subjektiver Weise Momente des Scheiterns ab, sondern es wird deutlich, dass diese durchaus systemisch für Feldlogiken am Stadttheater sind: Der Kampf um Ressourcen, das Ringen um Theaterbegriffe oder auch die Frage nach dem Ausstieg im fortschreitenden Prozess verweisen auf entsprechend strukturell bedingte Parameter des Scheiterns in diesem spezifischen Feld theaterpädagogischer Prozesse.
Als Teil der Auswertung der Interviews nimmt Reißmann eine Erweiterung des TZI-Modells (Modell der themenzentrierten Interaktion von Ruth Kohn in seiner Weiterentwicklung durch Sandra Anklam, Verena Meyer und Thoma Reyer) vor, die eine hilfreiche Differenzierung des Scheiterns auf der Interaktions-, Organisations- und Ressourcenebene erlaubt (vgl. PDF, S. 31-33). Auf dieser Basis kann die Verfasserin „die Situierung des Scheiterns innerhalb eines Wirkungsgefüges aus künstlerischen sowie pädagogischen Dimensionen der Theaterpädagogik darlegen“ (PDF, S.44).
In ihrem Ausblick eröffnet Reißmann schließlich den Blick auf Potenziale einer weitergehenden Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Scheiterns in theaterpädagogischen Prozessen insbesondere auf der Ebene der Probenforschung (vgl. ebd.).