Kulturelle Bildung – eine Resonanzoase?

Kulturelle Bildung und Resonanz in Zeiten von Beschleunigungs- und Verwertungslogiken – theoretische Perspektiven und kritische Reflexionen aus dem Diskurs der kubi-online Jahrestagung 2025

Artikel-Metadaten

von Jari Ortwig

Erscheinungsjahr: 2026

Abstract

Ausgehend von der Jahrestagung von kubi-online 2025 in Remscheid reflektiert der Beitrag aus Sicht der Tagungsleitung zunächst Hartmut Rosas Resonanztheorie als möglichen Gegenentwurf zu den Beschleunigungs- und Dynamisierungszwängen spätmoderner Gesellschaften. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob und inwiefern Kulturelle Bildung als „Resonanzoase“ verstanden werden kann: als Beziehungsraum, in dem ästhetische Erfahrung und künstlerische Praxis Erfahrungen von Anverwandlung, Transformation und neuen Weltbeziehungen im Sinne der Resonanztheorie stärken können. Zugleich wird die Ambivalenz dieser Metapher kritisch beleuchtet. Resonanz erscheint nicht voraussetzungslos, sondern ist an soziale, ökonomische und biografische Bedingungen geknüpft. Vor dem Hintergrund aktueller Debatten um Teilhabe, Machtkritik und soziale Ungleichheit weist der Beitrag auch auf die Gefahr hin, Resonanz normativ zu verabsolutieren und privilegierte Formen kultureller Erfahrung zu reproduzieren. Kulturelle Bildung als Resonanzraum wird daher als soziale Praxis vorgeschlagen.

„Resonanz bezeichnet eine Form der Weltbeziehung, in der sich Subjekt und Welt gegenseitig berühren und zugleich transformieren.“ (Hartmut Rosa, 2016:298)

 

Hintergrund: kubi-online Jahrestagung

Zur Jahrestagung der Wissensplattform kubi-online war die Akademie der Kulturellen Bildung des Bundes und des Landes NRW in Remscheid 2025 wieder aufgerufen, eine Fachtagung zur Weiterentwicklung des Feldes der Kulturellen Bildung zu konzipieren und auszurichten. Fragen der Wissensplattform nach Wirkung und Qualität kultureller Bildungspraxis und ihrer Relevanz für aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen legten auch für die Jahrestagung eine erweiterte interdisziplinäre Perspektive auf das Feld nahe. Die Tagungsidee entstand aus der Beobachtung heraus, dass Resonanz und hier der Resonanzbegriff des Soziologen Hartmut Rosa in jüngerer Zeit zu einem anschlussfähigen Forschungs- und Praxisbegriff innerhalb verschiedener künstlerischer Sparten geworden ist. Ausgehend von Rosas Resonanztheorie als Antwort auf sogenannte Beschleunigungszwänge unserer Zeit wurde ein Open Call gestartet, um so möglichst verschiedene Ansätze an der Schnittstelle von Kultureller Bildung und Resonanz auf der Fachtagung zu versammeln, in den Austausch zu bringen und damit gemeinsam der Frage nachzugehen, inwieweit Ziele, Konzepte und Prozesse der Kulturellen Bildung mit der Resonanztheorie Hartmut Rosas verknüpfbar und sinnvoll sind. 

Mit Akteur*innen aus Forschung sowie pädagogischer und künstlerischer Praxis erfolgte eine Annäherung an das Thema Resonanz aus verschiedensten Perspektiven (vgl. Tagungsprogramm). Die unterschiedlichen Panels eröffneten dabei u.a. gesellschaftspolitische, ästhetische und bildungsbezogene Fragestellungen im Kontext von Resonanz und verbanden theoretische Reflexionen mit konkreten Praxisbeispielen.

Im Panel „Transformation: Grenzen der Resonanzoase verschieben“ etwa standen die Möglichkeiten künstlerischer Praxis im Mittelpunkt, Resonanzräume zu schaffen und Fragen nach Zugängen, Teilhabe und gesellschaftlicher Öffnung neu zu denken. Daran anschließend reflektierte das Panel „Resonanzerlebnisse partizipativ gestalten: zwischen Konzertsaal und Museum“ kulturelle Angebote in ihren institutionellen Strukturen, ihrer Vermittlungsarbeit und den Formen ästhetischen Erlebens. Mit „Resonanzpotenziale von Tanz und Postdigitalität“ wurde der Blick auf die Verbindung von Körperlichkeit, Bewegung und digitalen Räumen gelenkt. Dabei spannte sich der Bogen von analogen Settings der Tanzvermittlung bis hin zu postdigitalen Erfahrungsräumen und deren Möglichkeiten für neue Formen von Resonanz. Das Panel „Schule und Ganztag als Resonanzräume stärken“ widmete sich der Frage, wie Kulturelle Bildung nachhaltige Bildungserfahrungen in diesen Kontexten eröffnen kann. Diskutiert wurde insbesondere die Bedeutung einer produktiven Dialektik von Resonanz und Entfremdung beziehungsweise Distanz als notwendige Bedingung gelingender Bildungsprozesse. Darüber hinaus wurde im Panel „Interkulturelle Kooperationen als Resonanzräume?“ der Wissenstransfer durch künstlerische Mittel in transkultureller Zusammenarbeit und internationaler Kulturpolitik als machtkritische Resonanzerfahrung thematisiert. 

Ergänzende Workshops, Praxiseinblicke, künstlerische Interventionen und weitere Formate luden dazu ein, Zugänge und Grenzen der „Resonanzoase Kulturelle Bildung“ gemeinsam zu reflektieren, kritisch zu diskutieren und Perspektiven für die zukünftige Entwicklung des Feldes auszuloten. 

Der vorliegende Text skizziert eine Auswahl zentraler theoretischer Kontexte, Themen und Verbindungslinien, die für die Konzeption des Tagungsdiskurses ausschlaggebend waren und sich neben anderen Perspektiven im Dossier widerspiegeln.

Resonanz als Alternative zu Beschleunigungs- und Verwertungslogiken unserer Zeit 

Um den interdisziplinären Ansatz des Tagungsthemas und die Relevanz bzw. Verantwortung Kultureller Bildung für die Resonanzfähigkeit von Menschen und damit einhergehende tiefgreifende gesellschaftliche Transformationsprozesse abzubilden, ist es notwendig, weiter „rauszuzoomen“. Hier erscheint es hilfreich, die Entwicklungen unserer Zeit vor dem Hintergrund von Beschleunigungstendenzen zu verorten und das Konzept der „Megamaschine“ (Fabian Scheidler) wie auch Beschreibungen von „Dynamisierungsprozessen“ (Hartmut Rosa), die spätmoderne Gesellschaften prägen, heranzuziehen. Als Gegenkonzept zur Beschleunigung und als Voraussetzung „gelingender“ Weltbeziehungen wird Hartmut Rosas Resonanztheorie zum Ausgangspunkt, um Kulturelle Bildung im Sinne ästhetischer Erfahrung, künstlerischer Praxis und Bildungsprozesse zu reflektieren. Darüber hinaus öffnet die im Tagungstitel implizierte Ambivalenz der Fragestellung den normativen Ansatz Rosas hin zu einer kritischen Befragung von Resonanz und Kultureller Bildung unter den Gesichtspunkten von Rückzug, Kompensation, Privilegien und Teilhabe. 

„Wir sind augenblicklich Zeugen, wie ein ganzer Planet, der vier Milliarden Jahre für seine Entwicklung brauchte, in einer globalen Wirtschaftsmaschinerie verheizt wird, die Unmengen von Gütern und zugleich Unmengen von Müll produziert, irrsinnigen Reichtum und massenhaftes Elend, permanente Überarbeitung und sinnlosen Leerlauf“, schreibt Fabian Scheidler 2015 in der Einleitung seiner umfassenden Zivilisationsgeschichte und -kritik „Das Ende der Megamaschine“. Er beleuchtet die tief verwurzelten Zerstörungskräfte und Ideologien des Westens als Ausgangspunkt eines zivilisatorischen Prozesses, dessen systemischer Umbruch unausweichlich, der Ausgang für die Menschheit ungewiss ist. Wo der Weg „beispiellose(r) Expansionsbewegung(en) um den ganzen Erdball“ die Zivilisation einst stabilisieren sollte, beobachten und erfahren wir heute eine zunehmende Instabilität des globalen Systems (vgl. Scheidler 2015: 9-15). „Diese ist längst“, so Scheidler in seinem Beitrag auf kubi-online, zu einer „Klima- und Zivilisationskrise geworden, weil in diesem kapitalistischen System die planetaren Grenzen überschritten wurden und massive soziale Ungleichheiten entstanden sind, aber auch gemeinsame Sinnhorizonte aufgegeben wurden“ (Scheidler 2025).

Und obwohl Ansätze und Lösungen zum Ausstieg aus der „Megamaschine“ quasi auf der Hand liegen und sie nicht nur von Aktivist*innen gefordert werden, sondern von Wissenschaftler*innen belegt sind, scheint der Sog dieses eingeschlagenen Weges so stark, dass ein Innehalten, eine Umkehr kaum möglich erscheint.  

Etwa zeitgleich zur „Megamaschine“ geht auch der Soziologe Hartmut Rosa in seiner Theorie der Beschleunigung davon aus, dass der Kern einer „modernen Gesellschaft“ die „Soziale Beschleunigung“ ist, die lediglich dynamisch durch Steigerungsbewegungen zu stabilisieren ist, welche inzwischen zu einem strukturellen Zwang geworden sind. „Die Trias Wachstum, Beschleunigung und Innovationsverdichtung lässt sich dabei als zeitliche (Beschleunigung), sachliche (Wachstum) und soziale (Innovationsverdichtung) Dimension eines einzigen Dynamisierungsprozesses verstehen, der sich seinerseits als ‚Mengensteigerung pro Zeiteinheit‘ definieren lässt“ (Rosa 2016:673). Seiner These nach resultiert hieraus, individuell wie kollektiv, eine veränderte Erfahrung von Zeit: An die Stelle einer gerichteten und befähigenden Vorwärtsbewegung, tritt der Eindruck einer gleichsam bewegungslosen und in sich erstarrten Steigerungsspirale (vgl. ebd.). 

Die von Scheidler und Rosa beschriebenen gesellschaftlichen Dynamiken lassen sich auch auf Erfahrungen individueller Alltagswirklichkeit beziehen: Das Gefühl, dass die Anforderungen des Lebens Aufnahme- und Belastungsgrenzen zunehmend überschreiten, die Zeit für tiefe Beziehungen, Kreativität und demokratische Aushandlungsprozesse nicht mehr auszureichen scheint und Erfahrungen von Wirksamkeit, Verbundenheit und Resonanz hier auf der Strecke bleiben. Die Beziehung des Menschen zur Welt scheint an vielen Stellen gestört, ein „gutes Leben“ trotz der unzähligen Theorien dazu, kaum möglich – ein Phänomen, das Rosa nicht nur als „Folge der Beschleunigung beziehungsweise des Steigerungszwangs moderner Gesellschaften, sondern zugleich (als) deren Ursache (beschreibt), so dass wir es mit einem sich selbst verstärkenden Problemzirkel zu tun haben“ (Rosa 2016:14). Vor diesem Hintergrund lässt sich diskutieren, inwiefern auch Ansätze, die auf Entschleunigung, Resilienz oder alternative Lebensweisen abzielen, in jene gesellschaftlichen Dynamiken eingebunden sind, denen sie entgegenwirken sollen. Ratgeberliteratur, spirituelle Praktiken, minimalistische Lebensmodelle oder Wellnessangebote können unter bestimmten Bedingungen selbst Teil jener Beschleunigungs- und Verwertungslogiken werden, die von Scheidler und Rosa kritisch beschrieben werden. 

Resonanz als relationaler (Welt-)Beziehungsmodus 

2016 entwirft Hartmut Rosa als Antwort auf seine Kritik der Beschleunigung ein normatives Gegenkonzept für eine gelingende Weltbeziehung, das viele Menschen (bis heute) aufhorchen lässt, denn im Gegensatz zu zahlreichen anderen Lösungsansätzen impliziert es einen Moment konstitutiver Unverfügbarkeit und kann per se niemals Teil der Megamaschine werden: Resonanz. 

Seiner Definition nach ist „Resonanz […] eine durch Affizierung und Emotion, intrinsisches Interesse und Selbstwirksamkeitserwartung gebildete Form der Weltbeziehung, in der sich Subjekt und Welt gegenseitig berühren und zugleich transformieren“ (Rosa 2016:298). Dabei ist Resonanz kein emotionaler Zustand, sondern ein Beziehungsmodus, der voraussetzt, dass Menschen, die Resonanz erleben, gleichermaßen verbunden mit sich selbst und ihrer Umwelt im Sinne ihres Gegenübers sind. Als eine „Ich-Du“-Beziehung im Gegensatz zu einer „Ich-Es“-Beziehung, in der das Gegenüber objektiviert wird, beschreibt der Philosoph Martin Buber bereits 1923 eine unmittelbare Begegnung, in welcher der Mensch am Du zum Ich wird (Buber 1983:3). Eine solche Erfahrung, ob Rosa oder Buber zufolge, setzt nicht nur zeitliche Kapazitäten und möglichst sichere Räume voraus, sondern insbesondere die Beziehungsfähigkeit von Menschen, die durch frühe Bindungserfahrungen und Traumata maßgeblich beeinflusst und durch körperliche und geistige Beeinträchtigungen erschwert sein kann, aber nicht unmöglich ist. „Resonanzbeziehungen setzen voraus, dass Subjekt und Welt hinreichend ‚geschlossen‘ bzw. konsistent sind, um mit je eigener Stimme zu sprechen, und offen genug, um sich affizieren und erreichen zu lassen“ (Rosa 2016:298).

Neben persönlichen Konstitutionen und Erfahrungen prägt die Menschen in der sogenannten westlichen Welt eine dualistische Weltanschauung, nach der Subjekt und Objekt, also zwei voneinander getrennte Entitäten, sich manchmal auch polarisierend, gegenüberstehen, während spirituelle und indigene Traditionen oftmals von einem non-dualen Welterleben ausgehen, bei dem Trennungen zwischen Subjekt und Objekt, Ich und Du, aufgehoben sind (vgl. Loy 2019:15-24).

Gehen wir aber weiter von einem dualistischen Weltbild aus, das das Alltagserleben der meisten westlich geprägten Menschen dominiert, ist Resonanz nicht nur ein Indikator für Verbundenheit, sondern auch für Transformation in Beziehung. Mit seinem Konzept der „Mediopassivität“ (Rosa 2019) beschreibt Rosa die Fähigkeit, in Beziehungen aktiv und zugleich passiv (im Sinne von empfänglich) zu sein und damit Berührung und Berührbarkeit (Affizierung), vielleicht auch Verletzlichkeit zuzulassen. Gerade an dieser Stelle werden Parallelen zwischen Resonanzerleben und ästhetischer Erfahrung wie künstlerischer Praxis deutlich.

Affizierung und Differenz im produktiven Spannungsverhältnis künstlerisch-ästhetischer Erfahrungsräume

„Die Kunst ist zur wichtigsten Resonanzsphäre der Moderne geworden“ (Rosa 2026:475) schreibt Hartmut Rosa, denn Kunst folgt ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten und steht dem Menschen damit als eine Entität gegenüber, die mit ‚eigener Stimme‘ spricht (ebd.). Die Unverfügbarkeit des künstlerischen Moments, „ein[] unkontrollierbare[r] Balanceakt zwischen Bestimmtheit und Unbestimmtheit“ und dem künstlerischen Ringen darin, wird getragen von seinem Prozesscharakter und einer künstlerischen Haltung in Form einer generellen Offenheit für Unerwartetes, eine Offenheit, die im Zwischenraum von Person, Situation und künstlerischem Material entsteht (vgl. Reyer/Anklam 2025). Hier liegt nahe, der mediopassiven Qualität eines Resonanzmomentes das Flow-Konzept von Mihály Csíkszentmihályi (1975) gegenüberzustellen: „Flow ist demnach ein Zustand, in dem Handeln und Geschehen ineinander verschmelzen“ (Reyer/Anklam 2025), wo Tätigkeit und Bewusstsein eins werden und sich das Zeitempfinden als eine Art „im Fluss sein“ verändert. Csíkszentmihályi beschreibt diesen Zustand anhand eines „Flow-Kanals“, in dem Fähigkeiten und Anforderungen, Passivität und Aktivität perfekt ausbalanciert sind, was eine Erweiterung des Bewusstseinszustands erzeugt, der wiederum die Flow-Erfahrung und ein Glücksgewühl mit sich bringt (Mihály Csíkszentmihályi, 1975:125). Interessant ist, dass sowohl Resonanzempfinden als auch der Flow als Kohärenz verschiedener Bewusstseinsebenen beschrieben werden, die mit einem veränderten Zeitempfinden einhergehen. Dieses scheint wiederum ein Indikator dafür zu sein, wie der Mensch sich und die Welt wahrnimmt, mit ihr in Beziehung steht, geistig wie körperlich. 

In westlich geprägten spätmodernen Gesellschaften ist das „In-der-Welt-Sein“ vielfach durch kognitiv-analytische Muster und Denkprozesse geprägt, während körperliche und emotionale Erfahrungsdimensionen nicht selten marginalisiert werden. Vor diesem Hintergrund erscheint es plausibel, dass Menschen mit der Geschwindigkeit und Komplexität gegenwärtiger Lebensrealitäten an Grenzen ihrer Verarbeitungs- und Handlungskapazitäten gelangen. Im Kontext des Tagungsdiskurses wird deutlich, dass eine stärkere Einbindung leiblicher und emotionaler Wahrnehmung alternative Formen der Weltbeziehung ermöglichen könnte, die weniger von Beschleunigung und Überforderung als von Responsivität, Selbstregulation und bewussterem Umgang mit Anforderungen geprägt sind. Mit dem Blick auf steigende psychosoziale Probleme, die inzwischen viele Bereiche des menschlichen Zusammenlebens beeinflussen, ist auch das Denken als Kompensationsstrategie in Form einer gesteigerten Gehirnaktivität und der damit einhergehenden ‚Entkörperung‘, um nicht mit den eigenen Gefühlen in Kontakt zu kommen, nicht außer Acht zu lassen. Es sind also verschiedene Faktoren, die eine verzerrte zeitliche Wahrnehmung zu begünstigen scheinen, während sie Verbundenheit, Resonanz und Flow verhindern. Ästhetische Erfahrungen und Resonanzerleben ereignen sich in Erfahrungsräumen, die Körper und Geist, Sinne und Emotionen gleichermaßen ansprechen, wodurch die zeitliche Wahrnehmung weniger verzerrt zu sein scheint. 

In ihrer Untersuchung von Resonanzerfahrung und ästhetischer Erfahrung bezieht sich Ute Schlegel-Pinkert auf den Begriff der „Anverwandlung“ nach Frank Armbrüster, demnach ästhetisches Empfinden und Berührtsein dadurch gekennzeichnet sind, dass sich durch die Zuwendung zu den eigenen Sinnesempfindungen die Wahrnehmung aus Zweckbezügen löst und damit ein intensives Erleben der eigenen Person und des in-der-Welt-seins einhergeht (Schlegel-Pinkert 2025). Hier sind zwei Richtungen denkbar: zum einen die Ästhetik als Auslöser für einen Zustand, in dem Ich-Erfahrung und Welt-Erfahrung eine Einheit eingehen (Brandstätter 2013/2012). Oder zum anderen der Moment, in dem das als „das Schöne“ Wahrgenommene für die Beziehung zwischen Subjekt und Objekt selbst steht (Rosa 2026:481). Dies würde bedeuten, dass die Einheit von Ich-Erfahrung und Welt-Erfahrung den Blick für Ästhetik, für das Schöne hervorbringt und vice versa. 

Rosa geht davon aus, dass die künstlerische Praxis eine Kraft voraus- und freisetzt, die nicht mit Techniken oder Fähigkeiten in Zusammenhang steht, sondern eine Kraft, die „außersubjektiv“ ist. Er begreift Kunst als Ressource und als Brücke, sich mit der Welt zu verbinden (vgl. Rosa 2016:477f). Künstlerischer Ausdruck kann als ein Prozess verstanden werden, in dem innere Wahrnehmungen, Erfahrungen und Bedeutungen verkörpert, in die Welt getragen und im Sichtbarwerden sozial bezeugt werden. Andersherum „beschreibt Anverwandlung (im Gegensatz zur Aneignung) den Prozess, durch den äußere Impulse internal verarbeitet werden, so dass sie zu einem authentischen Teil des eigenen Selbst werden. In der künstlerischen Gestaltung wird dieser Prozess besonders deutlich: Materialien, Techniken und Impulse werden nicht einfach benutzt, sondern in einem künstlerischen Akt zu einem persönlichen Ausdruck transformiert. Über diese Erfahrung können sich auch Perspektiven auf sich oder andere und somit Persönlichkeitsaspekte transformieren“ (Reyer/Anklam 2025).

Bei einer solchen Perspektive spielen neben der Anverwandlung, d.h. der Offenheit zu berühren und berührt zu werden und sich dadurch zu verändern, die ästhetische Distanz und Rahmung eine wesentliche Rolle. Ästhetisches Erleben bzw. ästhetische Praxis konstituiert sich aus dem Wechselspiel von Affizierung und Differenz im Sinne einer Distanz, aber auch durch Irritation (Schlegel-Pinkert 2026). Distanz und Irritation in der künstlerischen Rezeption und Praxis ermöglichen das Experimentieren mit Emotionen und Beziehungsmustern, Ansichten und Aussagen innerhalb verschiedener, auch nicht sprachlicher Ausdrucksformen, Rollen- und Perspektivwechsel.

Künstlerische Praxis eröffnet Erfahrungsräume, in denen Menschen mit Ambivalenzen, Widersprüchen und Fremderfahrungen experimentieren können, ohne unmittelbar funktionalen Anforderungen zu unterliegen. Die ästhetische Rahmung schafft dabei eine Form von Distanz, die Irritation überhaupt erst bearbeitbar macht. Ute Schlegel-Pinkert verweist darauf, dass sich ästhetische Erfahrung gerade im Wechselspiel von Affizierung und Differenz konstituiert: Menschen werden berührt, bleiben aber zugleich in einer reflektierenden Distanz zum Erlebten. Diese „ästhetische Distanz“ ermöglicht es, Emotionen, Perspektiven und Beziehungsmuster probeweise zu durchleben, ohne von ihnen überwältigt zu werden.

Ähnliches beschreibt Hartmut Rosa mit seinem Begriff der „Ästhetischen Resonanz“, welche zu einem Experimentierfeld für die Anverwandlung unterschiedlicher Muster der Weltbeziehung wird: 

„Was moderne Menschen in die Museen und Kinos, in die Konzertsäle und Opernhäuser treibt, was sie Romane, Gedichte und Dramen lesen lässt, als hinge ihr Leben davon ab, ist der Umstand, dass sie auf diese Weise spielerisch und explorativ ganz unterschiedliche Arten und Formen der Weltbeziehung – die Einsamkeit und Verlassenheit, die Melancholie, die Verbundenheit, den Überschwang, die Wut und den Zorn, den Hass und die Liebe – zumindest pathisch einüben und ausprobieren können und dass dabei ihre eigene Bezogenheit auf die Welt moderiert und modifiziert wird.“ (Rosa 2016:483)

Als zentrales Tagungsresümee wurde deutlich, dass Transformationsprozesse gerade in der Kulturellen Bildung selten durch Harmonie oder permanente Bestätigung entstehen. Vielmehr entwickeln sie sich aus einer produktiven Spannung zwischen Resonanz und Distanz, zwischen Vertrautheit und Fremdheit, zwischen Affizierung und Irritation. In seiner Resonanzpädagogik meint Jens Beljan, Bildung lasse sich „als eine prozesshafte und dynamische Dialektik zwischen Entfremdung und Resonanz beschreiben“ (Beljan 2017:36). Resonanz entsteht demnach nicht trotz, sondern gerade auch durch Erfahrungen des Nicht-Verstehens, der Verunsicherung und der Unterbrechung gewohnter Wahrnehmungs- und Handlungsmuster.

In diesem Zusammenhang wurde auch darauf hingewiesen, dass Irritation nur dann  transformatorisch wirke, wenn sie in einem hinreichend sicheren Rahmen stattfindet. Bildungsprozesse benötigen daher ein Spannungsverhältnis aus Offenheit und Halt. Entwicklungspsychologische Ansätze zeigen, dass Menschen insbesondere dann bereit sind, sich auf Fremdes und Unverfügbares einzulassen, wenn ein grundlegendes Gefühl von Vertrauen und Beziehungssicherheit vorhanden ist (vgl. Bowlby 2018/1988:11-13). Resonanzräume, ob in Kunst oder Bildung, sind also immer auch Beziehungsräume, in denen Sicherheit und Offenheit gleichermaßen gewährleistet sein müssen.

Kulturelle Bildung – Resonanzoase und soziale Praxis?

Die im Titel der Tagung formulierte Frage, ob Kulturelle Bildung als „Resonanzoase“ verstanden werden kann, verweist auf eine grundlegende Ambivalenz, die sowohl in Hartmut Rosas Resonanztheorie als auch in aktuellen Debatten um kulturelle Teilhabe angelegt ist: Resonanz beschreibt Rosa als eine relationale Form der Weltbeziehung zwischen Subjekt und Welt. Menschen stehen nicht isoliert der Welt gegenüber, sondern bilden sich in Beziehung zu ihr aus – durch Berührung, Antwort und Transformation. Resonanzachsen entstehen dort, wo diese Beziehungen dauerhaft tragfähig werden: in sozialen Beziehungen, in Naturerfahrungen, in Religion, Politik, Kunst oder Bildung. Resonanzräume und Resonanzsphären sind demnach gesellschaftliche Kontexte, in denen Menschen die Möglichkeit haben, solche Weltbeziehungen zu entwickeln (Rosa 2016:331).

Gerade deshalb ist Resonanz immer auch sozialkritisch zu lesen. Rosa selbst weist darauf hin, dass Resonanzachsen gesellschaftlich ungleich verteilt sind (Rosa 2016:753). Die Fähigkeit, stabile Resonanzbeziehungen auszubilden, hängt, laut Rosa, maßgeblich von sozialen, ökonomischen und kulturellen Bedingungen ab. Diese haben wiederum Auswirkungen auf die Beziehungsfähigkeit der Menschen im Sinne einer Empathie- und Abgrenzungsfähigkeit – eine wesentliche Voraussetzung, um „mit eigener Stimme zu sprechen und offen genug (zu sein), um sich affizieren und erreichen zu lassen“ (ebd.). Resonanz ist damit keineswegs voraussetzungslos: Wer z.B. unter prekären Lebensbedingungen lebt, Diskriminierung erfährt, traumatisiert ist oder dauerhaft unter Beschleunigungs- und Leistungsdruck steht, verfügt häufig über deutlich geringere Möglichkeiten, resonante Weltbeziehungen zu entwickeln. 

Vor diesem Hintergrund wird die Metapher der „Resonanzoase“ in ihrer Ambivalenz produktiv, denn sie steht einerseits für Schutz, Regeneration und die Möglichkeit des Innehaltens innerhalb einer gesellschaftlichen „Entfremdungswüste“. In einer Gegenwart, die durch kapitalistische Systeme, Digitalisierung, Beschleunigung, Krisenerfahrungen, Traumata und Vereinzelung geprägt ist, könnte Kulturelle Bildung Räume öffnen, in denen andere Zeitlichkeiten, andere Formen von Beziehung und andere Modi des Weltbezugs ausprobiert und Grenzen untersucht werden können – Erfahrungen, die in funktionalisierten Alltagsstrukturen oft verlorengehen.

Andererseits trägt die Oasenmetapher eine exklusive Dimension in sich. Oasen sind niemals voraussetzungslos zugänglich. Sie markieren privilegierte Räume und werfen damit unweigerlich die Frage nach Teilhabe auf: Wer erreicht diese Oase überhaupt? Wer fühlt sich angesprochen? Wer bleibt ausgeschlossen? An diesem Punkt wird die Resonanztheorie anschlussfähig für aktuelle Diskurse um Macht, Privilegien und kulturelle Teilhabe, aber auch um Beziehungsfähigkeit.

Kritische Perspektiven der Kulturellen Bildung haben in den vergangenen Jahren verstärkt darauf hingewiesen, dass kulturelle Institutionen trotz Öffnungsbemühungen häufig weiterhin sozial selektiv wirken. Forschungen zur kulturellen Teilhabe oder neueren postkolonialen und diskriminierungskritischen Ansätzen zeigen, dass kulturelle Praxis niemals unabhängig von sozialer Herkunft, Bildungsbiografien, Sprache, Behinderung oder rassistischen Ausschlussmechanismen betrachtet werden kann. Was als legitime kulturelle Praxis gilt und gesellschaftlich anerkannt wird, ist selbst Ergebnis historisch gewachsener Wertehierarchien und kultureller Machtverhältnisse, die sich oftmals selbst reproduzieren (vgl. Mörsch 2025).

In diesem Zusammenhang besteht die Gefahr, Resonanz als normativen Begriff zu verabsolutieren. Wenn Resonanz zum Maßstab eines „gelingenden Lebens“ wird – wie Rosa formuliert („Ein gutes Leben ist dann eines, das reich an Resonanzerfahrungen ist und über stabile Resonanzachsen verfügt“, Rosa 2016:747ff.) –, stellt sich unweigerlich die Frage, wessen Resonanzformen damit gemeint sind. Werden bestimmte ästhetische Praktiken, Bildungswege oder kulturelle Erfahrungen privilegiert, während andere Formen des Weltbezugs unsichtbar bleiben? Ohne eine machtkritische Perspektive könnte Resonanztheorie Gefahr laufen, privilegierte Formen kultureller Erfahrung zu idealisieren und strukturelle Ungleichheiten auszublenden.

Gerade deshalb ist die Frage nach Kultureller Bildung als Resonanzoase nicht eindeutig zu beantworten und dadurch überaus relevant. Kulturelle Bildung als Resonanzraum kann sich in einem kompensatorischen „Wohlfühlort“ erschöpfen. Sie kann aber auch soziale Praxis sein, durch welche Co-Kreation, Machtkritik und (Neuro-)Diversität erlebt und gelebt werden; ein Beziehungsraum, in dem Resonanz und Dissonanz nebeneinanderstehend eine Rahmung finden, wo Ambivalenz- und Ambiguitätstoleranz eingeladen und gefördert werden. Diese Möglichkeiten setzen jedoch voraus, dass es Menschen gibt, die den nötigen eigenen inneren Raum haben und diesen zur Verfügung stellen. Kulturelle Bildung als Resonanzerleben steht und fällt mit den Menschen und ihren Beziehungen zueinander.