Zwischen Selbstermächtigung und gesellschaftlicher Transformation: Historische und aktuelle Dimensionen von Radikalität
Abstract
Im Video-Interview reflektiert die Kulturphilosophin Mirjam Schaub aus historisch-philosophischer, kulturwissenschaftlicher und gegenwartsbezogener Perspektive das Phänomen der Radikalität mit seinen unterschiedlichen Ausdrucksformen. Radikalität wird – ausgehend vom lateinischen Begriffsursprung, „an die Wurzel gehen“, und unter Rückgriff auf Helmuth Plessner und Gilles Deleuze – nicht als heroischer Opfermut, sondern als transformatorische Kraft verstanden, die Ausdruck dafür ist, sich selbst nicht erpressbar zu machen. Radikalität ist demnach eine kritische Suchbewegung nach den tieferen Ursachen und Bedingungen gesellschaftlicher und individueller Verhältnisse und eröffnet die Möglichkeit zur tiefgreifenden Umgestaltung – und zwar im Dialog mit eigenen und/oder gemeinsamen übergeordneten Ideen.
Schaub betont die Relationalität und Vielschichtigkeit radikalen Denkens und Handelns und grenzt Radikalität klar von Extremismus und Fanatismus ab: Radikalität bleibt auf den eigenen Körper bezogen, zielt auf unbedingte Selbstpositionierung und verantwortliche Autonomie, während Extremismus durch strategische Gewalt gegen Andere und durch Disruption gekennzeichnet ist.
Im Zusammenhang mit Bildung hebt Schaub hervor, dass Radikalität insbesondere in krisenhaften Phasen als Moment intensiver Selbstbildung und Selbstermächtigung eine unverzichtbare Rolle spielt. Insbesondere dem Jugendalter attestiert sie eine besondere Affinität zu Radikalität als Möglichkeit der Distinktion und Ablösung. Darüber hinaus zeichnet die Philosophin das Potenzial radikaler Prozesse im kollektiven Handeln und in der Erfahrung gemeinschaftlicher Praxis nach: Radikalität trägt, klug gestaltet, dazu bei, dass Gleichheit und soziale Verantwortung ermöglicht werden, aber auch Resilienz gegenüber Anpassungsdruck unterstützt wird.
Kulturelle Bildung beschreibt Schaub als wichtigen Erfahrungsraum, in dem Menschen durch spielerisches und experimentelles Handeln Prozesse des Selbst- und Weltverhältnisses erfahren sowie Rollendistanz erleben können. Auch dies steht in unmittelbarem Zusammenhang zu transformativen Potenzialen. In kollektiven Bildungsprozessen können Gegenerfahrungen zu Individualisierung und Ohnmacht gemacht werden, die gerade in Krisenzeiten und gesellschaftlichen Umbrüchen als radikale, aber smarte und gemeinschaftsorientierte Praxen Freiheit erhalten und Demokratie stärken können.
Struktur des Video-Interviews
- Einleitung: Radikalität aus kulturphilosophischer Perspektive
- Begriffsgenealogie: Von der Radix zu relational-multiplen Radikalitäten
- Abgrenzungen: Radikalität, Extremismus, Fanatismus und Disruption
- Radikalität, Selbstbildung und kollektive Verantwortungsübernahme
- Kulturelle Bildung und Spiel als Erfahrungsraum für Transformation und Resilienz
- Politische und gesellschaftliche Notwendigkeit von Radikalität