Über den Tellerrand geschaut: Kultur- und bildungspolitische Programme in England und Spanien als Inspirationen für die Denkmalvermittlung in Deutschland
Abstract
Die öffentliche Kommunikation der Denkmalpflege und die internationale Anschlussfähigkeit des Fachdiskurses sind seit dem Europäischen Kulturerbejahr 2018 verstärkt Gegenstand fachlicher Debatten, wurden in der Forschung bislang jedoch wenig untersucht. Dieser Artikel vergleicht historische Voraussetzungen und aktuelle kultur- und bildungspolitische Strukturen der Denkmalvermittlung in Deutschland, England und Spanien, um Ansatzpunkte für die Weiterentwicklung des Fachs in der Bundesrepublik aufzuzeigen. Die Ergebnisse basieren auf einer System- und Diskursanalyse sowie leitfadengestützten Interviews mit lokalen Expert:innen der Kulturerbevermittlung, die im Rahmen der Dissertationsarbeit der Autorin ermittelt wurden. Als zentrale Erfolgsfaktoren erweisen sich niedrigschwellige Informationsangebote zu Grundlagen des Denkmalschutzes, partizipative Formate sowie Strategien des Audience Development. Die internationalen Beispiele zeigten zudem das Potenzial, Denkmalvermittlung stärker in Strategien des nachhaltigen Tourismus und qualitätsvollen Bildungsprogrammen einzubinden. Auch wenn die Übertragbarkeit der internationalen Anregungen durch die systemischen Unterschiede begrenzt ist, können sie Impulse für eine stärkere Förderung der Denkmalvermittlung in Deutschland setzen und dazu beitragen, den Erhalt kulturellen Erbes als gesamtgesellschaftliche Aufgabe zu verankern.
Die Vermittlung von Denkmalpflege und Denkmalschutz an die breite Öffentlichkeit stellt in Deutschland ein vergleichsweise junges Untersuchungsgebiet dar. Trotz einer aktiven Fachdebatte seit den 2010er Jahren und verstärkter Aufmerksamkeit seit dem European Year of Cultural Heritage 2018 (ECHY), bleibt der bisherige Forschungsstand in Deutschland übersichtlich (Krieger 2022).
Der internationale Diskurs im Kontext des ECHY, der zur Reflexion der Kommunikation von Denkmalschutz in Deutschland anregte, bietet einen vielfältigen Bestand wissenschaftlicher Expertise sowie Impulse für die Vermittlungspraxis in Deutschland. Im Rahmen der Dissertationsarbeit der Autorin (Krieger 2025) wurden die Nationen England und Spanien aufgrund ihrer innovativen Verbindung von Denkmalvermittlung mit Bildung und Tourismus als Vergleichsbeispiele ausgewählt.
Dieser Artikel zeigt, mit welchen kultur- und bildungspolitischen Programmen und organisationalen Strategien es in England und Spanien gelingt, die Bevölkerung in die Denkmalpflege einzubeziehen.
Begriffliche Grundlagen und historischer Hintergrund
Internationale Entsprechungen für den Begriff der Denkmalvermittlung liegen nicht unmittelbar auf der Hand. Mit difusión werden in Spanien Maßnahmen der Verständnisbildung mit Fokus auf die Ansprache der allgemeinen Öffentlichkeit ausgedrückt, ähnlich wie im Fall der Vermittlung in Deutschland. Das englische heritage engagement betont den partizipativen Charakter stärker als die Bezeichnungen der anderen Nationen.
Während in England heute ausschließlich ein Nationalgesetz für Denkmalschutz besteht, gibt es in Spanien sowohl nationale als auch regionale Regelungen auf Ebene der Comunidades Autónomas. In Deutschland existieren entsprechende Gesetzgebungen auf Ebene der Bundesländer.
Die Systeme für den behördlichen Denkmalschutz entwickelten sich im individuellen historischen Kontext der Länder. Auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands etablierte sich der staatliche Denkmalschutz besonders früh mit der Abteilung für Altertümer im Jahr 1835 in Preußen (Huse 1996:66). Es folgte Spanien mit der Gründung der Real Academia de Bellas Artes de San Fernando im Jahr 1844 (Bailliet Fernández 2015:34) und schließlich England im Jahr 1882 mit dem Inspector of Ancient Monuments (Parliament of the United Kingdom 1882: §5).
Betrachtet man im Kontrast zu diesen staatlichen Strukturen die Gründungsjahre der größten gemeinnützigen Stiftungen für Denkmalschutz, wird eine gegensätzliche Entwicklung deutlich. So gründete sich 1895 der National Trust, um auf die rasanten Veränderungen durch die Industrialisierung und den ausbleibenden staatlichen Schutz zu reagieren (National Trust o.J.). Mehr als 80 Jahre später entstanden Hispania Nostra (gegründet 1976; Hispania Nostra o.J.) und die Deutsche Stiftung Denkmalschutz (DSD, gegründet 1985; DSD o.J.a), welche sich durch den vernachlässigten Zustand der Denkmallandschaft formierten. Der historische Vergleich lässt demnach die These zu, dass sich in Ländern, in denen erst spät staatliche Regelungen für den Denkmalschutz eingeführt wurden, frühzeitiger ein überregionales privates Engagement in der Denkmalpflege entwickelte und damit diese Länder heute auf eine fundiertere Basis der Denkmalvermittlung aufbauen können.
Belege für ein nationales Interesse an der Vermittlung von Denkmalschutz sind zu unterschiedlichen Zeitpunkten nachweisbar. In England ist der staatliche Betrieb historischer Orte als Sehenswürdigkeiten bereits um 1840 belegt (Thurley 2013:16). Spanien folgt ein Jahrhundert später mit einem Gesetz von 1936, welches Maßnahmen der Denkmalvermittlung vorsah, um die Zerstörung archäologischer Ausgrabungsstätten durch die Bevölkerung einzudämmen (Boletín Oficial del Estado, 1936:497). Für Deutschland markierte erst das Europäische Denkmalschutzjahr von 1975 mit der Kampagne Eine Zukunft für unsere Vergangenheit einen deutlichen Impuls für die öffentliche Vermittlung von Denkmalpflege (Kirschbaum 2021:2).
Mit der Einführung der European Heritage Days in der ersten Hälfte der 1990er Jahre – in Deutschland bekannt als Tag des offenen Denkmals – wuchs das öffentliche Interesse an verständnisbildenden Aktivitäten für den Denkmalschutz. In Deutschland entstanden die ersten Landesprogramme der Denkmalbildung und -pädagogik (z.B. Sächsisches Staatsministerium für Kultus o.J.). In England gründete sich der spätere National Lottery Heritage Fund (NLHF), welcher mit seinen teilhabeorientierten Stiftungskriterien die Denkmalpflege prägte (Clark 2019:72). In Spanien richtete Andalusien als erste autonome Region eigene Fachbereiche für Vermittlung in seinen regionalen Denkmalbehörden ein (González Sánchez 2011:49).
Diese Entwicklungen legten die Basis für eine verstärkte Aufmerksamkeit für Vermittlung und öffentliche Teilhabe von Seiten der internationalen Forschung ab den 2010er Jahren. Anstoß dazu gaben der aufkommende Diskurs um die kulturelle Diversität in Denkmalpflege und Welterbeschutz, die Denkanstöße der neuen Critical Heritage Studies und die Forderungen der Rahmenkonvention von Faro (Europarat 2005).
Wieviel „Faro“ steckt in den Ländern? Die Rezeption der Rahmenkonvention im Vergleich
Spanien hat als einzige Nation innerhalb des vorliegenden Vergleichs die Rahmenkonvention von Faro unterzeichnet (Europarat 2005; Stand 2025). Diese verankert die Teilhabe am kulturellen Erbe im allgemeinen Menschenrecht auf Beteiligung am kulturellen Leben und betont das Recht aller Menschen, Verantwortung für dessen Erhalt zu übernehmen und es aktiv mitzugestalten.
Der gleichberechtigte Zugang zum kulturellen Erbe wird im spanischen System durch das Recht der Öffentlichkeit auf kostenlose Besichtigung von Denkmälern nationaler Bedeutung (Bien de Interés Cultural) an mindestens vier Tagen im Monat unterstützt (Boletín Oficial del Estado 1985, Art. 13.2). Hinzu kommen die langjährigen Bemühungen des Staates um Transparenz durch die vollständige Digitalisierung der Denkmalinventare und die Bewusstseinsförderung für Denkmalschutz in Bildung und Tourismus. Zwar sind auf nationaler Ebene aktuell wenig Partizipationsmöglichkeiten vorhanden, jedoch nehmen diese auf lokaler und regionaler Ebene zu. Ein Beispiel hierfür ist das an der Universitat Jaume I angesiedelte Patrimoni-Projekt, das seit 2006 Initiativen in ländlichen Gemeinden bei der Realisierung denkmalvermittelnder Vorhaben begleitet und gezielt selbstbestimmte, partizipative Strukturen stärkt (Portolés-Górriz 2017).
In England ist die Teilhabe der Bevölkerung an der Denkmalpflege gesetzlich über die Mitwirkung in anerkannten Vereinigungen, den Amenity Societies, verankert (Parliament of the United Kingdom 1968, Art. 56.2a). Zudem wird die Übernahme von Denkmalen durch lokale, ehrenamtliche Gruppen staatlich unterstützt und damit der in der Rahmenkonvention geforderten Teilung der Erhaltungsverantwortung entsprochen. Die Erklärungen zur Funktionsweise der Denkmalpflege und die Bereitstellung der gesamten National Heritage List for England (NHLE) auf der Internetseite von Historic England fördern eine gute Transparenz des Systems (Historic England o.J.a). Des Weiteren kann die breite Öffentlichkeit die Einträge der NHLE mit persönlichen Beiträgen ergänzen. Der Staat fördert Programme zur Denkmalvermittlung an Schulen (Historic England o.J.b) sowie die Einbindung partizipativer heritage-Projekte, etwa aus der Archäologie, im Rahmen des social prescribing des englischen Gesundheitssystems (National Trust 2022:21).
Die deutschen Denkmalschutzgesetze sehen bezüglich der Teilhabe am Denkmalschutz die Einberufung von ehrenamtlichen Beratungsgremien, den Denkmalbeiräten, vor. Ob solche Organe existieren und wie sie gestaltet sind, variiert je nach Bundesland und Kommune. Die staatliche Förderung von Programmen zur Denkmalvermittlung erfolgt überwiegend durch die Bundesländer und Kommunen.
Ein erster Schritt zur Ermöglichung gesellschaftlicher Teilhabe ist der einfache Zugang zu Informationen. Ein zentrales und allgemeinverständliches Informationsangebot, wie auf den Internetseiten von Historic England (Historic England o.J.c), besteht in Deutschland bislang nicht (Stand 2025). Vor diesem Hintergrund kommt niedrigschwelligen Angeboten wie dem DENKMAL-ABC von DENKMAL EUROPA eine wesentliche Bedeutung zu (Denkmal Europa o.J.), da sie durch die Erläuterung grundlegender Fachbegriffe eine Basis für gemeinschaftliche Partizipation ermöglichen.
Neben der terminologischen Transparenz ist auch die Einsicht in die konkreten Denkmalbestände von Bedeutung. Gegenwärtig sind die Denkmalinventare in den meisten Bundesländern digital einsehbar (Vereinigung der Denkmalfachämter in den Ländern (VDL) o.J.). Ein Projekt der Deutschen Digitalen Bibliothek und der VDL für die Einrichtung eines bundesweiten Denkmalinventars befindet sich aktuell im Aufbau (Stand 2025, Deutsche Digitale Bibliothek o.J.). Die tatsächliche Wirkung der genannten Angebote hängt jedoch wesentlich von ihrer digitalen Auffindbarkeit ab.
Der Einbezug der Bevölkerung in die Bestimmung der Denkmalwerte: der values-based approach des National Lottery Heritage Fund
Während in den staatlichen Behörden aller drei Nationen die Einschätzung der fachlichen Denkmalpfleger:innen der entscheidende Faktor in der Anerkennung eines Denkmalwertes sind, beeinflusst die Förderpolitik des NLHF in England seit den 2000er Jahren einen zunehmend partizipativeren Ansatz. Im Unterschied zu den definierten Kriterien der Denkmalwertbestimmung in der Arbeit der Behörden überlässt die Stiftung den Antragsteller:innen, was sie als erhaltenswert ansehen:
„We don’t define heritage. We ask you to tell us what you think is important and should be preserved. […].“ (NLHF o.J.)
Diese offene Verfahrensweise ermöglicht einen Bottom-up Prozess in der Wertezuschreibung von potenziellen heritage assets. Die Entscheidung über die Annahme gestellter Anträge wird durch die regionalen Area Committees des NLHF vorgenommen, die durch ihren dezentralen Charakter eine angemessene Einschätzung der Anträge gewährleisten sollen (NLHF 2023). Der weite Interpretationsspielraum bezüglich der Denkmalwerte wird jedoch durch weitere Förderkriterien der NLHF gerahmt, welche für eine Projektförderung konkrete Ansprüche hinsichtlich der Ausarbeitung von Inklusions- und Audience Development-Strategien stellen. Die umfassende planerische Vorleistung für einen Antrag kann den Zugang zur Teilhabe wiederum erschweren (NLHF 2025:8).
Als Förderinstitution ist der NLHF nicht an die Regulationen gebunden, welchen die staatliche Denkmalpflege, vertreten durch Historic England, unterliegt. Dennoch ist der Einfluss der Institution weitreichend genug, dass er neben der verstärkten Einbindung partizipativer Prozesse auch zur Hinterfragung der Autorität fachlicher Expertise in der Denkmalwertbegründung führt, wie Kate Clark beschreibt:
„When deciding what to fund, the application process also, controversially, changed the relationship with heritage specialists by placing the onus on applicants and communities to make a values-based argument rather than relying on the judgment of specialists with a background in the traditional heritage disciplines.“ (Clark 2019:72f.)
Der values-based approach gibt der Perspektive der Bevölkerung eine höhere Relevanz und regt gleichzeitig zu einem Umdenken im Rollenverständnis zwischen Expert:innen und der breiten Öffentlichkeit an.
Soziale und gemeinschaftliche Bedeutungen werden in den deutschen Denkmalschutzgesetzen zwar als konstituierende Kriterien für den Denkmalwert einbezogen, benötigen allerdings die Verbindung mit weiteren Eigenschaften wie bau- oder kunsthistorischen Aspekten für eine Denkmalwertbegründung. Eine stärkere institutionelle Anerkennung der Meinung von Nicht-Expert:innen könnte für die Denkmalpflege einen Weg darstellen, um Interesse, Wertschätzung und Unterstützung in der Bevölkerung zu erhöhen.
In diesem Zusammenhang könnten bestehende Formen der Mitsprache, wie die Denkmalbeiräte, ausgebaut werden und eine weitere Verbreitung erfahren. Bei den etablierten Beteiligungsverfahren der Stadtplanung lassen sich hierzu Orientierungspunkte für neue Initiativen finden.
Community-Ownership Strategien und finanzielle Unterstützung als kulturpolitisches Element in England
In den diversen englischen Initiativen für community ownership findet sich ein weiterer Trend, der für Deutschland von Relevanz sein könnte. Seit den 2010er Jahren wurden in England durch Gesetzesänderungen Möglichkeiten für Bürgerverbände geschaffen, lokale Denkmale selbst zu erwerben (Parliament of the United Kingdom 2011). Für die entsprechende Begleitung der gemeinnützigen Initiativen als neue Eigentümer durch die fachliche Denkmalpflege legte Historic England zeitnah einen eigenen Leitfaden auf (Historic England 2015). Zu Beginn der 2020er unterstützte der staatliche Community Ownership Fund die Finanzierung solcher Vorhaben zusätzlich (Ministry of Housing, Communities & Local Government 2021). Neben der verstärkten Partizipation der Bürger:innen am Denkmalschutz selbst konnten diese Vereinigungen zudem die Identifikation der weiteren Bevölkerung mit dem jeweiligen Denkmal steigern.
Eine mögliche Adaption dieser Idee bedürfte zunächst rechtlicher Anpassungen von deutscher Seite. Neben dem bestehenden Vorkaufsrecht für Kommunen könnte auch ein solches für gemeinnützige Bürgerverbände geschaffen werden, wie es in England mit dem Community Right to Buy aktuell diskutiert wird (Stand 2025, Locality o.J.). In Anlehnung an den Community Ownership Fund könnten Bund, Länder oder einzelne Kommunen Fonds für Bürgerinitiativen anlegen, die Denkmale erwerben und betreiben wollen. Dies wäre auch durch ein Crowdfunding-Programm möglich, das von der öffentlichen Hand verwaltet wird und von dem verschiedene Projekte profitieren könnten. Als Förderkriterium wäre beispielsweise die Absicht der Vereine zum Aufbau partizipativer Strategien durch Denkmalvermittlung denkbar.
Der NLHF und seine qualitativen Ansprüche an Vermittlungsleistungen – etwa barrierearme Zugänge, den aktiven Einbezug der Bevölkerung und die Förderung des Audience Development – waren ab den 2000er Jahren ein entscheidender Katalysator für eine etablierte Denkmalvermittlung in England (Clark 2019:72).
Bis auf den 2022 neu geschaffenen Preis für Vermittlung des Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz (DNK o.J.b) gibt es in Deutschland bislang keine gezielte Förderung für denkmalvermittelnde Projekte (Stand 2025). Geldgebende Institutionen könnten mit dem verstärkten Einbezug von Vermittlungsleistungen in ihre Förderkriterien richtungsweisenden Einfluss ausüben, indem sie Zielgruppenorientierung, partizipative Formate, verständnisbildende Maßnahmen und Evaluation einfordern.
Staatliche Impulse für Denkmalvermittlung: Bildungsplan und Tourismusförderung in Spanien
Spanische Interviewpartnerinnen werteten den Stand der staatlichen Denkmalvermittlung besonders positiv, da sie strukturelle Maßnahmen zu deren Verbesserung wahrnehmen konnten (Krieger 2025). Auslösend für diese Entwicklung waren eine Reihe gezielter kulturpolitischer Strategien in Bildung und Tourismus.
In Spanien verabschiedete das Ministerio de Educación, Cultura y Deporte (MECD, heute Ministerio de Cultura) die nationale Strategie Plan Nacional de Educación y Patrimonio (2015 – 2025), die auf die Integration von kulturellem Erbe in allen Bildungsbereichen des Landes abzielte (MECD 2015). Unterstützt durch das eigens gegründete Forschungsinstitut des Observatorio de Educación Patrimonial de España (OEPE) an der Universidad de Valladolid konnten die Bewertungsskalen Q-Edutage und Q-Herilearn entwickelt werden.
Diese standardisierten Evaluationsraster ermöglichen es, Vermittlungskonzepte im Bereich der Denkmalbildung anhand von definierten Qualitätsindikatoren hinsichtlich ihres Konzepts zu prüfen und neu geplante Projektideen anzupassen (OEPE o.J.). Die Skala Q-Edutage konzentriert sich auf die Passung von Designs und Zielstellung von Bildungsprogrammen, welche über Items aus den Gebieten der Didaktik, Teilnehmerorientierung und Evaluation analysiert wird (Fontal Merillas et al., 2019). Q-Herilearn analysiert digitale Lernangebote und strukturiert ihre Indikatoren entlang der Dimensionen des Verstehens, Wertschätzens sowie der Pflege und Weitergabe des kulturellen Erbes (Fontal Merillas et al., 2024).
In Deutschland existieren bereits vielfältige Einzelformate für die Vermittlung der Denkmalpflege von öffentlichen Akteur:innen an Schulen und Kindergärten, die über verschiedene Bundesländer und Träger verteilt sind. Ergänzt werden diese durch Programme zivilgesellschaftlicher Akteure wie denkmal aktiv der DSD. Mit dem Anliegen, Informationen zu entsprechenden Angeboten bundesweit zu bündeln, wurde die Plattform Angebote der baukulturellen Bildung der Bundesstiftung Baukultur aufgebaut (Bundesstiftung Baukultur o.J). Diese ist auf das weitere Spektrum der Architekturvermittlung ausgerichtet, schließt aber denkmalbezogene Angebote mit ein.
Zur Adaption des spanischen Modells wäre die Ausarbeitung eines nationalen Rahmenplanes der Denkmalbildung denkbar, der unter Berücksichtigung der Kultur- und Bildungshoheit der Bundesländer als Grundlage für individuelle Strategien der Länder und Kommunen dienen könnte.
Die spanische Regierung fördert die Vermittlung kulturellen Erbes jedoch nicht nur im Bildungsbereich, sondern verknüpft dessen Potenzial auch mit nachhaltigen Entwicklungsstrategien auf dem Gebiet des Tourismus. Bereits seit der Formulierung des Plan estratégico general 2012 – 2015 verbindet Spanien gezielt touristische und denkmalpflegerische Ziele (MECD 2012). Durch die Einbindung digitaler Instrumente wie interaktiver Apps und die kooperative Zusammenarbeit lokaler Akteure aus Kultur, Denkmalpflege sowie Wirtschaft sollen Tourismusprogramme partizipativ entwickelt werden, um eine hohe Nachhaltigkeit und Wirksamkeit zu erzielen (Ministerio de Industria y Turismo 2022). Die Programme zielen dabei nicht zwingend nur auf Reisende aus dem Ausland ab, sondern richten sich auch an die Lokal- und Regionaltourist:innen. Die einschneidenden Beschränkungen während der COVID-19-Pandemie und der Stillstand der internationalen Tourismusbranche verstärkten die Fokussierung auf die Ansprache der lokalen Bevölkerung zusätzlich.
In England wurden Tourismus und Denkmalvermittlung zuletzt mit dem High Streets Heritage Action Zones Programme von Historic England (2020 – 2024) verbunden. Das Programm fokussierte sich auf die Revitalisierung leerstehender Einkaufsstraßen in historischen Innenstädten und erreichte dies durch eine Kombination von Restaurierungsmaßnahmen, der Entwicklung kultureller Vermittlungs- und Veranstaltungsformate sowie Strategien zur stärkeren Einbindung der Anwohnerschaft und der Wirtschaft (Historic England o.J.d).
In Deutschland scheint die Verbindung zwischen Denkmalschutz und touristischem Standortmarketing abseits der UNESCO-Welterbezentren noch weniger stark ausgebaut zu sein. Eine stärkere Kommunikation zwischen den staatlichen Stellen des Denkmalschutzes und des Tourismus könnte, wie im Fall der englischen Historic Houses, denkmalpflegerische Inhalte mit zielgruppenorientiertem Marketing verbinden. Auf diese Weise könnten Angebote geschaffen werden, die als niedrigschwellige Freizeitaktivitäten wahrgenommen werden und potenziell neues Publikum für Denkmale und ihren Erhalt zu interessieren.
Ein bundesweites oder länderbasiertes Förderprogramm, welches wie das spanische Strategiepapier Turismo Sostenible de España 2030 Denkmalvermittlung durch die Verfahren der heritage interpretation gezielt in nachhaltige Tourismus-Strategien einbindet (Ministerio de Industria y Turismo 2022), wäre eine große Bereicherung für die Sichtbarkeit der denkmalpflegerischen Bemühungen in Deutschland.
Professionalisierung und Qualifikationen für Denkmalvermittler:innen
Trotz des hohen Bedarfs an fachgerechter Vermittlung von Denkmalschutz existieren nur begrenzte Qualifikationsmöglichkeiten, welche die Akteur:innen gezielt auf diese Aufgaben vorbereiten. Die Mehrheit der Befragten aller drei Nationen gab an, ihre Vermittlungskompetenzen in erster Linie durch praktische Erfahrung erworben zu haben. Diese Beobachtung deckt sich mit Manel Miró Alaix Einschätzung über den europäischen Stand der Kulturerbevermittlung (Miró Alaix 2022:43).
Spezifische Weiterbildungsmodelle für die Vermittlung kulturellen Erbes wurden bisher nur in Spanien realisiert. Angeregt durch zivilgesellschaftliche Initiativen wurde im Januar 2022 die nationale Anerkennung der Kulturerbevermittlung Interpretación del patrimonio als eingetragene Weiterbildung erwirkt (Jiménez Luquin 2022). Parallel dazu bot die Universidad de Sevilla ab dem Wintersemester 2022 erstmalig den weiterbildenden Studiengang Interpretación del Patrimonio Cultural y Natural an, der berufsbegleitend Kompetenzen in der Vermittlung von Natur- und Kulturerbe trainiert (Universidad de Sevilla 2022).
In England ist Vermittlung in den Studiengängen des Heritage Management und der Museum Studies, mit wenigen Ausnahmen, als Wahlmodul eingebunden. Eine Vorbildfunktion könnte hier Schottland einnehmen, wo an der University of Highlands and Islands mit dem Online-Masterstudiengang Interpretation: Management and Practice dem Thema Denkmalvermittlung ein vollständiger Kurs gewidmet ist (University of Highlands and Islands o.J.).
Studiengänge der Denkmalpflege in Deutschland thematisieren die Verständnisbildung gegenüber der Öffentlichkeit noch zu wenig. In den Fällen, in denen Denkmalvermittlung im Curriculum enthalten ist, wird sie bisher überwiegend im optionalen Teil des Lehrplans angeboten (Stand 2025). Diese Situation wurde ebenfalls von Interviewteilnehmer:nnen in Deutschland kritisiert. Die Expert:innen formulierten einen deutlichen Wunsch nach der Schaffung einer Weiterbildungsmöglichkeit für Denkmalvermittlung (Krieger 2022:77).
Die große Lücke im Qualifikationsangebot wurde zuletzt auch auf europäischer Ebene erkannt. Angesiedelt an der Göteborgs universitet, befasste sich das Projekt Towards a European Heritage Interpretation Curriculum (TEHIC, 2022 – 2025) mit der Ausarbeitung eines interdisziplinären Massive Open Online Course (MOOC) -, welcher die Erfahrungen von professionellen Kulturerbevermittler:innen und Vertreter:innen verwandter akademischer Disziplinen verbindet. Mit dem neuen Angebot soll die bisher geringe Wahrnehmung von heritage interpretation als Tätigkeits- und Forschungsbereich gesteigert werden (TEHIC o.J.).
Internationale Impulse zeigen Handlungsmöglichkeiten für Deutschland auf
Auch wenn sich die institutionellen und staatlichen Rahmenbedingungen in England, Spanien und Deutschland unterscheiden, lassen sich dennoch gemeinsame Tendenzen in der Ausrichtung auf mehr Transparenz, Bürgernähe und den Ausbau der Denkmalvermittlung erkennen.
Zentrale Bausteine für eine steigende gesellschaftliche Unterstützung der Denkmalpflege sind die Erschließung neuer Zielgruppen mithilfe von Audience Development-Strategien, die Etablierung eines niedrigschwelligen bundesweiten Informationsangebotes und nicht zuletzt eine Zunahme von Angeboten zur Teilhabe und Mitbestimmung.
In Deutschland fehlt es an Aus- und Weiterbildungsangeboten der Denkmalvermittlung, die von behördlichen, universitären und praxisnahen Sachverständigen gemeinsam zu entwickeln wären. Spanische und englische Weiterbildungsmodelle sowie das europäische TEHIC-Projekt können hier als Inspiration dienen.
Die internationale Analyse verdeutlicht das Potenzial der verstärkten Beteiligung der Denkmalpflege an Initiativen für nachhaltigen Tourismus, da reisebezogene Aktivitäten, neben schulischen Vermittlungsangeboten, die größte Reichweite unter potenziellen Zielgruppen versprechen.
Dennoch bleiben die präsentierten Innovationen zunächst Anregungen, die nur begrenzt direkt nach Deutschland adaptiert werden können. Denn, wie die Autor:innen der britischen Studie Heritage for inclusive growth feststellten:
„It is unlikely that the approach taken in any of these one places will be immediately replicable and transferrable to another. […] the nature of heritage is that it is specific to a local place, and each has different needs and priorities […] In addition, the existing institutional and community relationships required […] will vary between places […].“ (Antink, Cox, Cooke, Stenning & Locke 2020:98f.)
Denkmalvermittlung lässt sich durch länderspezifische Kampagnen, Förderungen, Qualifikationen und rechtliche Grundlagen unterstützen. Ihre Wirkung effektiv entfalten können diese jedoch nur in Verbindung mit Programmen, welche angemessen auf ortspezifische Faktoren und individuelle Beziehungen zwischen den Stakeholdern reagieren.
Um den Erhalt gemeinschaftlicher Kulturgüter mehr in das gesellschaftliche Bewusstsein zu rücken und in einem stärkeren Maß als kollektive Aufgabe zu etablieren, braucht es die gemeinschaftliche Anstrengung der Akteur:innen auf allen Ebenen.