(Ent)auratisierungen – Videographische Analysen zur Materialität des Bildes in der Kunstrezeption der ersten Schuljahre

Artikel-Metadaten

von Oxana Ivanova-Chessex , Anja Morawietz

Erscheinungsjahr: 2025/2025

Abstract

Kunstrezeption ist heute ein zentraler Bestandteil des Kunstunterrichts der ersten Schuljahre. Für ihre unterrichtliche Umsetzung im Klassenzimmer kommen Reproduktionen von Kunst – etwa Laserkopien oder digitale Projektionen – zum Einsatz. Im Fokus des vorliegenden Artikels steht die Bedeutung der Materialität der reproduzierten Bilder aus der Kunst.

Anhand von ausgewählten Szenen aus Videodaten, die Bildrezeptionen mit Kindern des Kindergartens und der ersten Primarschulklasse in der Schweiz analysieren, wird aufgezeigt, wie Lehrpersonen und Kinder die Beziehung zwischen den Originalen der Kunst, die im Atelier, in der Galerie oder im Museum anzutreffen sind, und deren Reproduktionen im Klassenzimmer gestalten. Die qualitative Videoanalyse schält aus praxistheoretischer Perspektive heraus, dass die sozialen Praktiken in der Kunstrezeption im Klassenzimmer zwischen Re- und Entauratisierungen oszillieren.

Reauratisierung zeigt sich in Praktiken, die die Reproduktion als gleichwertig zum Original inszenieren, während Entauratisierungen die Kunst anhand der Reproduktion als etwas Alltägliches, Zugängliches positionieren. Diese Dynamiken verdeutlichen, wie Reproduktionen von Kunstwerken in sozialen Interaktionen als Gegenstände mit kunstbezogenen Verweisen lesbar werden. Der Artikel reflektiert diese Befunde im Kontext von Walter Benjamins und Hito Steyerls Theorien zur Reproduzierbarkeit von Kunst und formuliert in diesem Zusammenhang kunstpädagogische Implikationen.

Schlussendlich plädiert der Beitrag für eine praxistheoretisch fundierte Sensibilisierung hinsichtlich der situativen Materialität reproduzierter Kunst und für eine Vervielfältigung der Dichotomie zwischen Original und Reproduktion, die unter kritischer Reflexion zur Demokratisierung aktueller Bildpraktiken beitragen kann.

Hinweis: Dies ist die unveränderte Zweitveröffentlichung des Beitrags. Die Erstveröffentlichung und Begleitung des Artikels erfolgte auf collaeb contributions, daher wurde die in der Schweiz gültige deutsche Rechtschreibung beibehalten. Die Autor*innen danken herzlich Nadia Bader und Christin Lübke für ihre wertvollen Anregungen zu diesem Beitrag.

Einleitung

Gespräche über Bilder aus der Kunst stellen einen verbindlichen Teil des Kunstunterrichts dar und stützen sich auf fachdidaktisch etablierte Herangehensweisen zur Einübung der Bildrezeption. In den folgenden Ausführungen befragen wir Formen der Bildrezeption für die frühen Schuljahre, die Bettina Uhlig (2011, 2016) als sogenannte Bildgespräche konzeptualisiert und empirisch beleuchtet. Solche Gespräche, die auch handlungsorientierte Elemente beinhalten können, sollen den Dialog zwischen allen Beteiligten ermöglichen und mit subjektivem, emotionalem Erleben Zugang zum Bild eröffnen. Gleichzeitig ist situativ auch die Vermittlung kunsthistorischer Eckpunkte vorgesehen. In der Regel werden Bilder aus der Kunst im Klassenzimmer als Reproduktionen gezeigt. So druckt die Zeitschrift „Kunst und Unterricht“ (vgl. bspw. Friedrich-Verlag o. J.) seit Jahren Bilder aus der Kunst ab, die für den Unterricht mit dem Laserdrucker farbig vervielfältigt oder für den Beamer gescannt werden können. In neuester Zeit bieten Kunstmuseen online gut aufgelöste digitale Reproduktionen ihrer Sammlungen für die schulische Nutzung an (vgl. bspw. Kunstmuseum Basel o. J.). Solche Reproduktionen stellen einen das soziale Geschehen zentrierenden materiellen Bezugspunkt der schulischen Bildrezeption dar, die sich materiell deutlich von den Originalen der Kunst unterscheiden und zugleich ein Sprechen über Kunstwerke ermöglichen sollen. Die Reproduktionen transportieren ihre eigenen materiellen Besonderheiten, die beispielsweise aus Papierqualität und Farbauftrag des Laserdruckers oder der Lichtprojektion des Beamers sowie der Grösse und der Auflösung bestehen. Sie sollen die jeweiligen 'Originale' aus dem Kunstkontext in Klassenzimmern stellvertretend repräsentieren.

Während in der fachdidaktischen und sozialwissenschaftlichen Forschung einige empirische Untersuchungen zur interaktiven Umsetzung der Bildrezeption vorliegen (Hofmann 2016; R. Schmidt 2016; A. Schmidt 2016), ist die Materialität des reproduzierten Bildes im Klassenzimmer bisher kein Fokus von Analysen gewesen. Dabei ist die Frage, welche Bedeutung die materielle Umwandlung und räumliche Dekontextualisierung des Bildes aus der Kunst, auf seinem Weg aus dem Atelier bzw. aus dem Ausstellungskontext ins Klassenzimmer besitzt. Denn digitalisiert und dann als Laserkopie oder als Lichtbild über den Beamer in der Schule angekommen, muss die Reproduktion in der Rezeption erst als ein Kunstwerk hervorgebracht werden. Hier anknüpfend wird im vorliegenden Artikel die Frage fokussiert, wie im Klassenzimmer mit der Materialität von Bildern aus der Kunst umgegangen wird. Um diese Frage zu beantworten, loten wir jene Praktiken von Akteur*innen aus, welche die Kunst als Original und deren für pädagogische Zwecke angefertigte Reproduktionen zueinander ins Verhältnis setzen. Hierfür untersuchen wir Videodaten, die mit einer 360-Grad-Videokamera aufgenommene plenare Gespräche zu reproduzierten Bildern aus der Kunst in den ersten Schuljahren festhalten. Die Daten sind im Rahmen eines qualitativ-empirischen Forschungsprojektes erhoben, das sich explorativ sehr breit mit der Entfaltung der Gespräche beschäftigt. Neben der Fragen nach Subjektstatus der Kinder in Bildgesprächen (Ivanova-Chessex & Morawietz 2025) ist die Analyse von sozialen Hervorbringungen der Materialität des Bildes, die im vorliegenden Artikel im Fokus steht, einer der Schwerpunkte des Projektes. Die Datenanalyse erfolgt in Anlehnung an das von Kerstin Rabenstein und Julia Steinwand (2016) vorgeschlagene Verfahren der Rekonstruktion sozialer Praktiken anhand von Videodaten. In diesem Verfahren werden die Videodaten zunächst schriftlich in knapper Form sequenziert (ebd.:248). Darauf folgt die Zusammenstellung einer Serie von Sequenzen, die inhaltliche Dichte in Bezug auf eine Forschungsfrage zeigen, in sogenannten „Tableaus“ (ebd.:249). Die Sequenzen eines „Tableaus“ werden dann in „szenischen Beschreibungen“ (ebd.:248) detaillierter sprachlich gefasst, was bereits erste Deutungen mit sich bringt, die der eigentlichen Datenanalyse vorausgehen. Anschliessend erfolgt in Datensitzungen die Sequenzanalyse, die in unserem Fall objektiv-hermeneutisch informiert ist (Wernet 2006). Die Datenanalyse geht von den szenischen Beschreibungen aus, bezieht jedoch immer auch das Videomaterial mit ein. Die Interpretation entwickelt sich aus Protokollen der Datensitzungen und über das Verfassen von „Fall-Geschichten“ (Rabenstein & Steinwand 2016:255). Die praxeologisch (Reckwitz 2003) perspektivierte Datenanalyse schält im gegebenen Fokus heraus, inwiefern die Materialität des reproduzierten Bildes, in spezifisch geordneten Praktiken des Zeigens, des Wahrnehmens und des Deutens künstlerische, soziale, pädagogische und didaktische Bedeutung erhält.

Nach einem Einstieg (1) wird im vorliegenden Artikel zunächst die darzustellende Analyse im Feld der sozialwissenschaftlichen Forschung zu Materialität von Objekten, die in Lernprozessen eingesetzt werden bzw. Anschauungsobjekten im Unterricht, verortet und praxeologisch perspektiviert (2). Anschliessend wird anhand von zwei Fallbeispielen aus der Bildrezeption mit Kindern im Schulkontext (Schweizer Kindergarten und 1. Klasse) dargelegt, wie Lehrpersonen und Kinder das Verhältnis zwischen dem Kunstwerk und einer zu Unterrichtszwecken angefertigten Reproduktion gestalten. Weiter wird gezeigt, was hierbei als Kunst in Erscheinung tritt (3). Einmal findet Bildrezeption zu einer laserkopierten Reproduktion des mit Öl auf Holz gemalten Portraits von Jane Seymour aus dem Atelier von Hans Holbein dem Jüngeren (1540) statt. (Anmerkung: Das Portrait illustriert, dass die Vervielfältigung und (begrenzte) Reproduzierbarkeit bereits zu Holbeins Zeiten eine gängige Praxis darstellte, denn es existieren mehrere Portraits von Jane Saymour aus dem Atelier von Holbein und die Autor*innenschaft des genannten Bildes ist laut dem ausstellenden Mauritshuis nicht sicher geklärt.) Im anderen Fallbeispiel steht eine Laserkopie von einer Farbfotografie (C-Print) im Zentrum, die Erwin Wurm (1997) von seinen Performances aus der Serie One Minute Sculpture anfertigt. Abschliessend werden die Analyseergebnisse in Bezug auf  die Ausführungen von Walter Benjamin (2007/1939) und Hito Steyerl (2009) zur technischen und digitalen Reproduzierbarkeit eines Kunstwerkes reflektiert und kunstpädagogische Überlegungen hinsichtlich der Bedeutsamkeit der Materialität der reproduzierten Kunst im Unterricht formuliert (4).

Materialitäten im Klassenzimmer – eine praxistheoretische Perspektivierung

Materialitäten gelangen in den letzten Jahren zunehmend in den Fokus der sozial- und kulturwissenschaftlichen Unterrichtsforschung (Wieser 2022). Diese beschäftigt sich mit Interrelationen zwischen Körperlichkeiten und Materialitäten sowie situativen Hervorbringungen von Bedeutungen der Dinge im Unterricht. Auch rekonstruiert sie die Wirkung von Dingen auf die Herstellung von Unterrichtsordnungen (Rabenstein 2017:16-19). In der praxistheoretisch informierten Perspektive sind damit nicht (nur) Dinge an sich von Interesse, sondern vor allem soziale Bedeutungen von Dingen und sozialen Situationen, die situativ im Unterricht entstehen. Körper und Dinge werden demzufolge als Teilnehmende an Schulsituationen betrachtet (Hirschauer 2016), wobei der analytische Blick von den menschlichen Akteur*innen dezentriert wird und auch der Frage nachgegangen wird, „wie vorstrukturierte situative Gelegenheiten (inklusive ihrer materiellen Settings) […] Menschen handeln lassen“ (ebd.:51). Der teilnehmende Status der Dinge wird so gesehen erst analysierbar, wenn die Dinge auch als Aktant*innen betrachtet werden, die menschliches Handeln rahmen (ebd.:52). In einer solchen praxistheoretischen Perspektivierung wird das analytische Interesse gerichtet „auf das Ordnen des Sozialen in den Geflechten alltäglicher Praktiken, an denen nicht nur Menschen und (ihre) Körper, sondern auch natürliche Dinge und kulturelle Artefakte teilhaben“ (Alkemeyer & Buschmann 2016:118).

Kerstin Rabenstein (2017) folgend gehen wir im vorliegenden Beitrag von zwei Prämissen aus: Zum einen verstehen wir die materielle Dimension des Unterrichts stets als mit diskursiven Praktiken verwoben. In die Hervorbringung eines spezifischen Sinns der Materialitäten fliessen sowohl „doings“ als auch „sayings“ (Schatzki 2002:77) ein. Die Bedeutung der Dinge, auch der Kunstreproduktionen in der Bildrezeption, schliesst damit an aufgerufene oder angedeutete Diskurse und Normen an (Rabenstein 2017:21). Ob das Anschauungsobjekt einer Bildrezeption (im Klassenzimmer meist die Reproduktion von Kunst) als Kunst gelesen wird, ist zunächst offen – die Bedeutung entsteht in der situativen materiell-diskursiven Rahmung. Denn die Bedeutung und der Sinn des Bildes sind im Künstler*innen-Atelier, im Museum und im schulischen Kontext nicht die gleichen. Zum anderen wird davon ausgegangen, dass Dinge nicht per se einen fachlichen oder pädagogischen Sinn besitzen, sondern dass deren fachliche Füllung mit Bedeutung sowie deren Pädagogisierung und Didaktisierung erst im Unterrichtskontext erfolgt (ebd.:20). In unserem Fall ist das zu besprechende Bild in seiner sozialen Bedeutung weder per se als ein fachlich bzw. fachdidaktisch gefülltes Anschauungsobjekt, noch als eine Repräsentation der Kunst oder als Kunst selbst lesbar. Die pädagogisch-didaktische und kunstbezogene Bedeutung des Bildes wird vielmehr erst in einem materiell-diskursiv gerahmten sozialen oder institutionellen Setting hervorgebracht und verhandelt. Die Bildrezeption im Klassenzimmer bezieht sich damit auf einen mit Sinn zu versehenden Gegenstand, das heisst die Reproduktion eines Bildes aus der Kunst. Der Ort, der Kontext, die Zeit des Originalbildes aus der Kunst, der in der Reproduktion bis zu einem gewissen Grad mittransportiert wird, trifft im Klassenzimmer auf spezifische schulische Ordnungen, Leistungserwartungen und schulisch normalisierte Logiken des Zeigens, Sehens und Interagierens. Um diesen Schnittstellen auf die Spur zu kommen, widmen wir uns im Folgenden empirisch der spezifischen Materialität der Bildrezeption und ihrer Bedeutung im Kunstunterricht der Primarstufe.

Das reproduzierte Bild aus der Kunst und seine Materialität(en) – Empirische Annäherungen im Schulkontext

Im Folgenden stellen wir auf der Grundlage von Szenen aus zwei Anlässen der Kunstrezeption im Kindergarten und der 1. Primarschulklasse (mit vier- bis achtjährigen Kindern) in der Schweiz vor, wie ausgewählte Kunstwerke und deren Reproduktionen im Unterricht spezifisch relationiert werden. In den Mittelpunkt der Betrachtung rücken Praktiken der Lehrpersonen und Kinder, die zwischen Auratisierungen und Entauratisierungen der im Unterricht materiell präsenten Reproduktionen der Kunst oszillieren und dadurch spezifische Bedeutungen des Bildes und seiner Materialitäten aufscheinen lassen.

Auratisierungen – Ein Gespräch zu einer Reproduktion des Portraits von Jane Seymour aus dem Atelier von Hans Holbein d. J.

Die nachfolgenden zwei Szenen der Bildrezeption beziehen sich auf die Laserkopie eines digitalisierten Portraits von Jane Seymour aus dem Atelier von Hans Holbein dem Jüngeren aus dem Jahr 1540, das ursprünglich mit Öl auf Holz gemalt wurde. Das plenare Gespräch findet in der ersten Primarschulklasse in der zweiten Hälfte des Schuljahres statt.

Szene 1: „Ich habe das Bild gross gemacht“

Zu Beginn der Stunde kündigt die Lehrperson an, dass es ihr heute darum geht, „zusammen ein Kunstwerk anzuschauen und dann etwas dazu selber zu machen“. Nachdem die Schüler:innen unter Anleitung der Lehrperson über ein Fragment des Bildes mit der Darstellung der Hände von Jane Seymour gerätselt und überlegt haben, wer auf dem Gesamtbild abgebildet ist, und ob das Bild alt sei, leitet die Lehrperson zur nächsten Handlung über: Die Lehrperson bückt sich hinter ihren Stuhl und hebt einen A2-Karton in den Kreis hinein. Vorerst ist nur die Rückseite des Kartons zu sehen. Die Lehrperson stellt sich vor ihren Stuhl, dreht den Karton um und merkt gleichzeitig an: „Ich habe das Bild gross gemacht, damit wir es gut sehen“ (vgl. Abb. 1). (Anmerkung: Nachfolgend verwenden wir als Illustrationen Standbilder, die aus den auf 180-Grad-fixierten-Daten resultierten, welche für eine bessere Praktikabilität der Analyse angefertigt wurden.) Zwei auf den Karton geklebte A3-Farbkopien fügen sich zum laserkopierten Portrait von Jane Seymour zusammen. Einen kurzen Moment hält die Lehrperson den Karton vor ihre Körpermitte, mit beiden Fingerspitzen am oberen Rand gefasst. Dann steht sie auf und geht mit dem Bild im Kreis herum, trägt das Bild auf Augenhöhe der Kinder und hält vor jeder Person kurz an. Von einigen Kindern sind Äusserungen zu hören, wie „Aha“, „Das ist alt“, „Das ist ein König“.

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Abbildung 1: „Ich habe das Bild gross gemacht“

Werden die Reaktionen der Kinder auf die Reproduktion berücksichtigt, so lässt sich die beschriebene Szene als eine Auflösung des vorangehenden Rätselspiels mit einem Bildfragment einordnen. Die Auflösung ist das Gesamtbild, das wegen der abgebildeten historischen Kleidung, der Juwelen und dem Malstil wie ein Werk eines 'alten Meisters' wirkt. Dennoch dürfte es für alle Beteiligten klar sein, dass es sich um eine Reproduktion handelt: Die Lehrperson erwähnt die Transformation des Bildes in ihrer Einleitung explizit – sie habe das Bild „gross gemacht“. Das Bild ist von Massen des Originals 26,4 x 18,7 cm (vgl. Fussnote 4) auf das A2-Format (42 x 59,4 cm) vergrössert worden. Aber nicht nur die geänderten Masse, sondern auch die Bildqualität, die Gesamtkonstruktion mit einer kartonierten Grundlage, auf der zwei Farbkopien zu einem Bild zusammengefügt sind, der fehlende Rahmen oder das fehlende 'Relief' der Ölfarbe lassen sich als Verweise auf eine für pädagogische Zwecke angefertigte Reproduktion des von Holbein d. J. geschaffenen Portraits lesen. Anders als im musealen Ausstellungskontext, dem „Mauritshuis“ in den Haag (NL), mit seinem klassischen Ausstellungsarrangement, bei dem ein visueller Freiraum um das Kunstwerk geschaffen wird und Nachbarobjekte mit Bedacht gesetzt werden, konkurriert die Reproduktion im Klassenzimmer mit vielen visuell auffälligen Objekten, wie dem Overheadprojektor, dem Schulmobiliar, Wandbildern und den grossen Fenstern, auch wenn die soziale Interaktionssituation auf das Bild zentriert wird. Zudem verweist die Art der Darbietung des Bildes durch die Lehrperson auf den schulischen Kontext und den Reproduktionscharakter des Bildes. Verschiedene Faktoren tragen dazu bei, das Bild als eine Reproduktion eines Kunstwerks erscheinen zu lassen: Die Art, wie das Bild von der Lehrperson angefasst und getragen wird, sowie die Zeitspanne der Bildbetrachtung, die von der Lehrperson gesteuert ist. Ein als Reproduktion lesbares Bild mit einer für Unterrichtszwecke angepassten Materialität und dem Arrangement der Bildbetrachtung bzw. Bilddeutung steht damit in einem gewissen Widerspruch zur der zu Beginn angesagten pädagogischen Intention „zusammen ein Kunstwerk“ anzuschauen.

In Bezug auf diese Szene könnte im Anschluss an Walter Benjamin (2007/1939) von einem „Verfall der Aura“ (ebd.:16) eines technisch reproduzierten Kunstwerkes gesprochen werden. Dem reproduzierten Portrait würde demzufolge drohen, „sein einmaliges Dasein an einem Ort“ (ebd.:12), seine „Echtheit“ (ebd.:13) und „die Autorität der Sache“ (ebd.:14) zu verlieren. Repräsentiert durch einen Farblaserdruck verwebt sich das Kunstwerk mit schulischen Alltagspraktiken und verliert zugleich an Aura, Kontext, Einmaligkeit und malerischen Qualitäten. Dennoch rahmt die Lehrperson die von ihr angefertigte Reproduktion sprachlich als ein „Kunstwerk“. Das Bild wird von ihr im Unterricht mit offensichtlicher Sorgfalt gehandhabt: Sie gibt das von ihr reproduzierte Bild nicht in die Hände der Kinder, hält es mit Fingerspitzen am Rand, entscheidet, wann, wie und wo es angeschaut wird. Hierdurch wird das Bild, zumindest zeitweise, als etwas aus dem Schulkontext Herausfallendes behandelt und gewissermassen re-auratisiert. Die Reproduktion und das Kunstwerk, das durch die Reproduktion repräsentiert wird, werden von der Lehrperson jedoch nicht deklarativ voneinander unterschieden. Auf performativer Ebene kommt hingegen deutlich zum Ausdruck, dass die Lehrperson – unbewusst oder bewusst – an einer auratischen Aufladung des schulischen Anschauungsobjekts, der Reproduktion, arbeitet. Zugleich bleibt die Materialität der Reproduktion – wenn auch nicht explizit benannt – offensichtlich.

Szene 2: „Genau, es [das Bild] ist sehr alt. Es ist über 500 Jahre alt“

Nach dem Rundgang mit dem Bild kehrt die Lehrperson auf ihren Platz zurück, nimmt beim Gehen den Faden bezüglich des Alters des Bildes wieder auf und fragt den neben ihrem Stuhl sitzenden Schüler: „Wassilis, was denkst du, ist das Bild alt oder neu?“. Wassilis und einige andere Kinder antworten im Chor: „Alt.“. Die Lehrperson stellt das Bild kurz vor ihren Füssen ab, es immer noch am oberen Rand mit Zeigefinger sowie Daumen haltend, und setzt sich hin. Das Bild wandert nun auf ihren Schoss, während sie es mit je einer Hand am linken und rechten Rand hält. Ihr Kopf ist genau über dem Kopf von Lady Seymour zu sehen (vgl. Abb. 2). Die Kinder links und rechts der Lehrperson beugen sich zum Bild, währen die Lehrperson die präzisierte Antwort nennt: „Genau, es ist sehr alt. Es ist über 500 Jahre alt. Die Uroma von meinem Sohn ist 100 Jahre alt. Und fünfmal so alt (hält die rechte Hand mit fünf Fingern in die Luft), wie die Uroma ist, so alt ist dieses Bild (zeigt mit ihrem Finger auf das Bild). Also sehr, sehr alt.“ Sie stellt das Bild wieder auf den Boden vor ihre Füsse. 

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Abbildung 2: Das über 500 Jahre alte Bild

Die Frage nach dem Alter des Bildes lesen die Beteiligten offensichtlich als die Frage nach dem Alter des originalen Kunstwerkes, denn alle sind sich einig, „das Bild“ sei alt. Das Als-Ob-Spiel, das sich bereits zuvor in der vorsichtigen Handhabung der Reproduktion angekündigt hat, setzt sich hier fort. Die Betonung, mit der die Lehrperson auf das (spektakuläre) Alter des Bildes verweist, kann als eine performative Auratisierung des Bildes interpretiert werden, auch wenn das Bild hier im Klassenzimmer auf dem Schoss der Lehrperson steht. Die räumliche Position der Reproduktion, deren materielle Gestalt und ihre Handhabung im Klassenzimmer oszillieren zwischen dem profanen Objekt (dem auf Karton aufgezogenen Laserdruck) und dem auratisierten Bild, das auf ein Kunstwerk verweist. Hinzu kommt die Zeitlichkeit, die als ein zentrales Merkmal eines Kunstwerkes präsentiert wird – das Auratische der Kunst wird sprachlich über 'das Alter des Bildes' hergestellt. Die Lehrperson nimmt in ihren Erklärungen zum Alter des Bildes eine gewisse Trivialisierung vor, um eine Anschlussfähigkeit an die Lebenswelten der Kinder zu ermöglichen und zugleich die Dimension des 'hohen Alters' des Kunstwerkes zu verdeutlichen: Das Bild sei viel älter als die eigene Uroma. Auch in dieser Szene wird deutlich, wie an der Herstellung der Aura des Bildes gearbeitet wird – diesmal vor allem mit Mitteln der zeitlichen Einordnung.

Die beiden Szenen zusammenfassend zeigt sich ein spezifisches Oszillieren zwischen einem Kunstwerk und einer für pädagogische Zwecke angefertigten Reproduktion, in dem Letztere in Als-Ob-Praktiken zur Repräsentantin des Kunstwerkes wird. Die die Bildrezeption leitende Lehrperson changiert dabei zwischen den normalisierten Vorstellungen von der Materialität eines Kunstwerkes – hier einer (alten) Ölmalerei – und der Offensichtlichkeit der Materialität einer Laserdruck-Reproduktion. Diesem Widerspruch wird durch Praktiken entgegengewirkt, welche die für Unterrichtszwecke angefertigte Reproduktion etwas in Richtung des originalen Kunstwerks bewegt und die Aura des Kunstwerkes zumindest anteilig und zeitweilig aufscheinen lassen. Die Reproduktion wird in Als-Ob-Praktiken, die sowohl von der Lehrperson als auch von Kindern mitgetragen werden, zu einem Kunstwerk oder zumindest zu einem spezifisch auratisch aufgeladenen Objekt (gemacht). Der Modus des Als-Ob-die-Reproduktion-das-Kunstwerk-wäre wird zum einen durch sprachliche Ankündigung und Benennung des Gegenstandes als Kunstwerk eingeleitet. Der Verweis auf das Alter des Bildes verortet das inszenierte Kunstwerk in der Zeitgeschichte. Diese Auratisierung im Als-Ob-Modus wird auch durch einige nicht-sprachliche Handlungen unterstützt: Die Berührungshoheit liegt bei der Lehrperson, die Kinder fassen das Bild nicht an,– sie hält das Bild mit Fingerspitzen am Rand, ohne die farbige Darstellung anzufassen. Die Als-Ob-Fiktion wird über dieses exklusive Visualitätsgebot mit dem Ausklammern des Haptischen und Taktilen unterstützt, was eine unmittelbare Verbindung zu musealen Praktiken der Bildrezeption herstellt. Die Lehrperson nutzt die ihr zur Verfügung stehenden Mittel, um die Exklusivität des Bildes in einem unruhigen, mit Gegenständen gefüllten Schulzimmer zu kreieren. Ihr – womöglich intuitives – Handeln lenkt den Fokus der Aufmerksamkeit, setzt am eigenen Status als Autoritätsperson im Schulkontext an und zentriert die Aufmerksamkeit der Kinder auf das materiell präsente, zeitweise auratisch aufgeladene Bild.

Entauratisierungen – Ein Gespräch zu einer laserkopierten Fotografie der Performance von Erwin Wurm

Die im Folgenden geschilderten zwei Szenen stammen aus der Bildrezeption mit Farblaserkopien einer Fotografie, die Erwin Wurm 1997 von seinen Performances „One Minute Sculptures“ als C-Prints angefertigt hat. Die Bildrezeption findet in einem Kindergarten in der Schweiz mit fünf- bis sechsjährigen Kindern in der zweiten Hälfte des Schuljahrs statt. Die Fotografie der Performance ist hier in siebenfacher Ausführung als Farblaserkopie für die Hände der Kinder bestimmt.

Szene 3: „So herum, weil, die zwei Stelzen und die zwei Bälle tut er so balancieren, auf dem Kopf.“

Eine Gruppe von Kindern sitzt auf Stühlen im Gesprächskreis. Die Lehrperson hat die Kinder gerade mithilfe der Leitfigur, einer kleinen Stoffmaus, informiert, dass sie gleich eine ungewöhnliche Fotografie zu Gesicht bekommen werden. Die Lehrperson holt sieben Farblaserkopien der Fotografie hinter ihrem Stuhl hervor, verteilt immer zwei Kindern zusammen eine Kopie, fragt, was auf dem Bild zu sehen und wie das Bild wohl zu halten ist beziehungsweise, wie die abgebildete Person auszurichten wäre. Unter den Kindern wird es unruhig: Zwei Kinder beginnen um das Blatt Papier zu streiten, andere Paare halten die Reproduktion gemeinsam in den Händen. Die Kinder drehen das Blatt in verschiedene Richtungen und diskutieren über seine Ausrichtung (vgl. Abb. 3). Nach kurzer Zeit ruft Emma aufgeregt: „Wir haben es herausgefunden!“ Dabei hält sie die Laserkopie so, dass das Plenum das Bild gut sehen kann. Sie hat es so ausgerichtet, dass der Kopf der performenden Person nach oben zeigt, und es aussieht, als hätte sie Bälle und Kübel auf ihrem Kopf aufgetürmt. Gleichzeitig deutet Emma mit dem Finger auf die Bälle und den Plastikkübel und sagt: „So herum, weil, die zwei Stelzen [Kübel] und die zwei Bälle tut er so balancieren, auf dem Kopf.“ Sogleich widerspricht Laura, indem sie ihre Laserkopie ebenfalls dem Plenum zeigt und sagt: „Nein so!“. Hier ist das Bild so ausgerichtet, dass es aussieht, als stehe die performende Person mit dem Kopf auf den Kübeln und Bällen – ein akrobatischer Akt. Matteo hält das Blatt ebenfalls für alle sichtbar in die Kreismitte und sagt: „So.“. Die Lehrperson führt die knappe Antwort etwas aus: „Du sagst, er mache den Handstand auf seinen Sachen?“. Matteo nickt. 

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Abbildung 3: Aushandlungen zur Ausrichtung des Bildes

Die beschriebene Szene zeigt, wie sich mit dem Entscheid, den Kindern Laserkopien der Kunst Erwin Wurms in die Hände zu geben, ein Spannungsfeld auftut zwischen dem Umgang mit dem fotografischen C-Print, den Erwin Wurm von seiner Performance anfertigt und ausstellt und dem Umgang mit Farblaserkopien der Fotografie im pädagogischen Zusammenhang. Die Fotografie verweist zwar nur auf die Performance als vergänglichen Anteil der „One Minute Sculpture“, erhält im Ausstellungskontext jedoch zugleich den Status eines 'Originals'. Die Laserkopien hingegen wurden für pädagogische Zwecke angefertigt und sollen als Anschauungsobjekte von den Kindern in die Hände genommen werden. Auf das pädagogische Vorgehen, den Kindern ein Bild einer „One Minute Sculpture“ in die Hände zu geben, sprechen die Kinder engagiert an. Dies zeigt sich in der oben beschriebenen Szene deutlich, wenn die Kinder ihre Gedanken zur Ausrichtung des Bildes weniger über verbale Äusserungen, als über das Hantieren mit der Laserkopie erarbeiten und verständlich machen. Durch diesen Umgang mit dem Bild aus der Kunst vermittelt die Lehrperson ein Verständnis von Kunst, in dem die Kunst vervielfältigbar ist und in die Hände der Rezipient*innen gelangen kann. Diese Praxis zeigt eine klare Abgrenzung zum Umgang mit auratischen Originalen der Kunst im Ausstellungskontext und legt die Betonung auf einen haptischen sowie körperlichen Zugang für die Kinder, der mit Reproduktionen niederschwellig möglich ist.

Mit Walter Benjamin (2007/1939) argumentiert, wird hier mit einer Vervielfältigung der digital verfügbaren Fotografie der Performance und einer spezifischen pädagogischen Handhabung der Farbkopien explizit auf den „Verfall der Aura“ (ebd.:16) hingearbeitet. Der Gewinn dieser Entauratisierung besteht, wieder Benjamin folgend (2007/1939), in der Ablösung der Kunst „von ihrem kultischen Fundament“ (ebd.:24), in einer Demokratisierung und der Erhöhung der Zugänglichkeit der Kunst beziehungsweise der Bilder aus der Kunst für verschiedene Bevölkerungsgruppen. Diesen Gedanken mit Hito Steyerl (2009) auf digitalisierte Bilder bezogen weiterführend, kann nicht nur auf die „poor images“ als Produkte der digitalen Vervielfältigung hingewiesen werden, die als „a ghost of an image, a preview, a thumbnail, an errant idea […] compressed, reproduced, ripped, remixed, as well as copied and pasted“ (ebd.:Abs. 1) existieren. Sondern diese Bilder erhalten eine neue Art des Wertes, wenn sie im Internet mit Höchstgeschwindigkeit um die Welt reisen: Sie ermöglichen Aneignung und Teilhabe an der Bildproduktion (Verbreitung von Bildern und Bildkritik) für die breite Bevölkerung, in unserem Fall auch für Kinder.

Szene 4: „Achtung, fertig, eine Minute läuft.“

Zum Abschluss der Unterrichtseinheit sind die Kinder angehalten, alle gleichzeitig eine Imitation der „One Minute Sculpture“ zu versuchen. Die Lehrperson lässt sich dabei von Wurms „One Minute Sculptures“ aus menschlichen Körpern und Gegenständen leiten, die spielerische Selbsterfahrung und körperliche Leistung verbinden. Hierfür hat sie leere Plastikflaschen und -becher sowie zwei Sorten kleiner Bälle bereitgestellt. Nach einer kurzen Phase des Ausprobierens, wie die Alltagsgegenstände zwischen Kopf und Wand stabilisiert werden können, weist die Lehrperson die Kinder im Plenum an, ihre Gegenstände eine Minute lang in Position zu halten, so wie dies auf der Reproduktion anhand der Performance von einer Einzelperson zu sehen war. Den Beginn der gemeinsamen Aktivität markiert die Lehrperson mit: „Achtung, fertig, eine Minute läuft.“ Die Kinder lassen sich auf die Aufgabe ein. Ein Kind ruft stolz: „Ohne Halten!“ Einem anderen Kind fallen die Gegenstände zu Boden und es muss sie einsammeln und neu ansetzten. Zwei Kindern gelingt es offensichtlich auch, die Becher und Flaschen mit dem Kopf an die Wand zu drücken (vgl. Abb. 4). Sie stützen die Hände demonstrativ auf die Hüfte, vermutlich um zu zeigen, dass sie die Hände nicht zum Stabilisieren der Gegenstände brauchen. Die Lehrperson ruft nach dreissig Sekunden: „Halbzeit, super macht ihr das!“ Kurz darauf meint sie: „Ihr seid aber ein schönes Kunstwerk!“

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Abbildung 4: „One Minute Sculpture“ im Klassenzimmer

Durch den Ausruf des Starts mit den Worten „Achtung, fertig, eine Minute läuft“ wird die Auseinandersetzung mit dem Bild aus der Kunst in dieser Szene durch die Logiken eines Sportanlasses gerahmt und mit Wettbewerbselementen wie Loben der körperlichen Leistung oder dem Ausrufen der Halbzeit untermalt. Die Kinder zeigen in dieser Unterrichtsphase sportlichen Ehrgeiz. Zugleich knüpft diese Rezeption an einen Kernaspekt der Kunst Erwin Wurms an – seiner Bindung an Körperlichkeit und das Vollbringen einer Leistung. Es ist jedoch nicht anzunehmen, dass Wurm für seine „One Minute Sculptures“, die auch auf eine Minute der Durchführung beschränkt sind, den Start der Minute mit „Achtung, fertig, los“ bekannt gibt. Mit dieser Aufgabe signalisiert die Lehrperson den Kindern die Nähe und Zugänglichkeit der künstlerischen Praktiken und auch, dass sie Kunst mit dem eigenen Körper erzeugen können. Die körperliche Nachahmungspraxis bezeichnet sie als schön und setzt sie mit einem Kunstwerk gleich – „ihr seid aber ein schönes Kunstwerk!“. In der Körpererfahrung der Kinder verbinden sich also die Elemente pädagogisch legitimer und üblicher Praxen des Sportwettbewerbs oder -unterrichts mit der Spezifik der Rezeption von Bildern aus der Kunst. Der Kindergarten und die Kunst nähern sich über das Medium des Körpers an.

Zusammenfassend wird das Bild aus der Kunst in diesem Gespräch über weite Strecken pädagogisch begründet ent-auratisiert. Die Lehrperson lehnt sich kaum an Praktiken an, die in Ausstellungskontexten üblich sind und in denen ein auratisch aufgeladenes Original nur aus sicherem Abstand betrachtet werden darf. Viel eher stellt sie Kunst als etwas Zugängliches dar und ermöglicht den Kindern über ausgewählte Vorgehensweisen und Themen, die ihr altersangemessen scheinen, Zugang zum Bild. Diese zeichnen sich in Szene drei durch den Körperkontakt mit dem Bild aus: Das Bild wird als Laserkopie für die Hände der Kinder vervielfältigt. Sie sollen damit hantieren können, so dass sich der Deutungsprozess neben der sprachlichen Beschäftigung mit dem Bild über die körperliche Auseinandersetzung entfalten kann. Hierbei verliert das Bild, das auf ein künstlerisches Werk verweist, an auratischer Einmaligkeit, an seiner zeitlichen, örtlichen und hierdurch sozial-historischen Kontextualisierung und wird in der oben dargelegten Szene in erster Linie zu einem alltäglichen, pädagogischen Objekt. In Szene vier erhalten die Kinder mit der Aufgabe, selbst eine „One Minute Sculpture“ durchzuführen, die Chance die Performance körperlich selbst zu erfahren. Mit dem 'Startschuss', mit Wettbewerbselementen und Lob rahmt die Lehrperson die Kunst mit Logiken eines Sportanlasses, der den Kindern aus Schule und Freizeit weitgehend bekannt ist. Mit dem Lob der Lehrperson, die Kinder seien ein schönes Kunstwerk, vermittelt sie ein Bild von Kunst, die an jedem Ort und von jeder Person gemacht werden kann. Hiermit wird implizit vermittelt, dass jeder Körper zu Material für Kunst werden kann und entfernt sich weiter sowohl von auratisch aufgeladenen Kunstwerken als auch von einer auratisierten Künstler*innen-Figur. Erwin Wurm hat allerdings in seinen One Minute Sculptures der Entauratisierung der Kunst schon Vorschub geleistet, denn die körperliche, performativen Erfahrung der Kunst ist ja tatsächlich vom Künstler mit-intendiert - wenngleich vielleicht eher im Ausstellungsraum als im Schulzimmer.

Damit schreitet die Entauratisierung der Kunst in diesem Unterrichtssetting voran. Gleichzeitig erhöht die Lehrperson für die Kinder die Erfahrbarkeit der Kunst und des Kunstschaffens.

Zwischen Re- und Entauratisierungen – Kunstpädagogische Akzentuierungen

Die Bildrezeption im Klassenzimmer ist durch die Materialität des Bildes geprägt, das oft als Farblaserkopie Eingang ins Klassenzimmer findet. Kunst wird für unterrichtliche Zwecke in digitalisierte immaterielle „poor images“ (Steyerl 2009:Abs. 1) überführt und schliesslich als Laserkopien wieder materialisiert. Mit diesem Vorgang wird Kunst aus ihrem 'angestammten' Kontext des Ateliers, der Galerie oder des Kunstmuseums genommen, der die Bedeutung der Kunst als 'Kunst' durch spezifische Einschreibungen relativ stabil zu halten vermag. Die veränderte Materialität, die mit der Reproduktion von Kunst für das Klassenzimmer einhergeht, sowie ihre Neukontextualisierung, führen zu Bedeutungsverschiebungen, die intendiert sein können, sich jedoch auch willkürlich einstellen. Dabei verschränken sich interaktiv hergestellte Bedeutungen der Kunst im Original und als Reproduktion. Subtile – bewusste oder unbewusste – Bezugnahmen auf Aspekte, die eine „Aura“ (Benjamin 2007/1939:14) des Bildes aus der Kunst herstellen oder verschieben können, spielen in der Kunstrezeption im schulischen Kontext eine wichtige Rolle.

Im Hinblick auf die materiell-diskursive Hervorbringung von Kunst anhand von Reproduktionen im Klassenzimmer lässt sich mittels der empirischen Daten ein Oszillieren zwischen einer Re- und Entauratisierung der Kunst nachzeichnen. Als Reauratisierung lassen sich in den Fallbeispielen zur schulischen Bildrezeption Praktiken rekonstruieren, die das Materielle der Laserkopie zu überspielen versuchen bzw. die Reproduktion der Kunst in einem Als-Ob-Modus mit dem Original aus der Kunst gleichsetzend handhaben. Hierbei spielen normative Vorstellungen und das implizite praktische Wissen (Reckwitz 2003:292) darüber eine Rolle, wie ein Kunstobjekt oder ein Bild aus der Kunst zu behandeln wäre und was als (wertvolle) Kunst gedeutet und anerkannt wird. Als Entauratisierungen der Kunst konnten in den Fallbeispielen Praktiken herausgearbeitet werden, in denen die Materialität der reproduzierten Kunst als etwas Niedrigschwelliges und an die Lebensrealitäten der Beteiligten leicht Anschliessbares genutzt wird. Kunst in Form der Reproduktion wird im Klassenzimmer dann als für alle zugänglich hervorgebracht sowie als vervielfältigbar oder mit den Körpern von Schüler*innen verschmelzend dargestellt. So bewegt sich die Rezeption von Bildern aus der Kunst im Schulunterricht im Spannungsfeld zwischen dem Anspruch, sich mit Kunst und ihren disziplinären Kontexten zu beschäftigen, und dem Anspruch, die Kunst für Kinder in zugänglicher Weise zu vermitteln. Deshalb integriert die Kunstrezeption mit jungen Kindern im Schulunterricht auch haptische und körperliche Zugänge sowie institutionelle Ordnungen.

In beiden Fallbeispielen wird das reproduzierte Bild aus der Kunst für unterrichtliche Zecke aufbereitet, z.B. vergrössert auf eine Kartonfläche aufgeklebt oder vervielfältigt. Hierdurch wird ein Bild aus der Kunst zu einem pädagogischen oder pädagogisierten Objekt, über das Vorstellungen von Kunst, künstlerischen Praktiken und Bedeutung von Kunst vermittelt werden, ohne dass die Kunst im Original 'anwesend' ist.

Die empirischen Erkundungen lassen für kunstpädagogisches Handeln evident werden, dass eine Schärfung der pädagogischen Sensibilität für die situative Materialität von Reproduktionen von Kunst zentral ist. Für eine solche Weiterentwicklung der Konzeptualisierung der Bildrezeption könnte das Verständnis von Bildern aus der Kunst als „eine relationale Einheit unterschiedlicher Objekte, Praktiken, institutioneller Kontexte“ (Feige 2022:189) hilfreich sein. Unter dieser Perspektive kann die dichotome Gegenüberstellung des auratischen Originals und dessen Reproduktion verlassen werden. Von der situativen Hervorbringung der Bedeutung von Bildern auszugehen, eröffnet Freiheiten in der Bildrezeption, die für spezifische Bedürfnisse der Rezipient*innen oder die allgemeine Demokratisierung der Bildrezeption und des Bildschaffens fachdidaktisch gezielt genutzt werden können. Mit dieser These schliessen wir an den Vorschlag zum Umgang mit technisch reproduzierter Kunst bzw. poor images von Helena Schmidt (2019) an. Einerseits sieht Schmidt poor images als „Rohstoff für ein zeitgenössisches Bildhandeln“ (ebd.:9). Sie betont die Möglichkeit der Transformation, des Wandels und eines gezielten Nutzens der reproduzierten Bilder. Andererseits sieht sie poor images „als Gegenstand für kritisch-theoretische Reflexion der aktuellen Kunst und Bildlichkeit“ (ebd.) und plädiert vor diesem Hintergrund für die Ausbildung von visual literacy (ebd., Herv. i. O.), die es ermöglicht, „visuelle Phänomene unserer Zeit […] lesen, einordnen und kritisch hinterfragen zu können“ (ebd.).

Eine praxistheoretisch informierte Beschäftigung mit der Materialität des Bildes in der Bildrezeption verlangt zudem im Anschluss an Sigrid Schade und Silke Wenk (2011:8) eine Abwendung von der Vorstellung, dass Bilder „unabhängig von kulturellen, subjektiven, historischen und anderen Kontexten immer das Gleiche bedeuten“ (ebd.). Vielmehr geht es um eine Aufmerksamkeit für sozial hergestellte und herzustellende Sinnhaftigkeiten im Zusammenhang mit Materialitäten des reproduzierten Bildes aus der Kunst in unterrichtlichen Settings. Bilder aus der Kunst würden auf diese Weise nicht als ein neutrales Anschauungsobjekte betrachtet, sondern als „kurzlebige visuelle Entitäten“ (Schütze 2021:1) gesehen, die erst in der Rezeption unter Anbetracht eines spezifischen Kontextes Bedeutung oder Bedeutungen erlangen. 

Verwendete Literatur

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Genutzte Bildverweise:

Anmerkungen

Dies ist die unveränderte Zweitveröffentlichung des Beitrags. Wir danken der Redaktion von collaeb contributions herzlich für die Bereitstellung und Freigabe des Beitrags für kubi-online. Der Originalbeitrag ist unter folgender DOI registriert: https://doi.org/10.5281/zenodo.15641690.

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Oxana Ivanova-Chessex , Anja Morawietz (2025/2025): (Ent)auratisierungen – Videographische Analysen zur Materialität des Bildes in der Kunstrezeption der ersten Schuljahre. In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE: https://kubi-online.de/index.php/artikel/entauratisierungen-videographische-analysen-zur-materialitaet-des-bildes-kunstrezeption (letzter Zugriff am 22.09.2025).

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Dieser Artikel wurde dauerhaft referenzier- und zitierbar gesichert unter https://doi.org/10.25529/G24C-DZ96.

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