Kulturelle Bildung hinter Gittern? Das Forumtheater im Resozialisierungsprozess jugendlicher Inhaftierter. Eine Potenzialanalyse

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von Sabrina Eschweiler

Erscheinungsjahr: 2026

Peer Reviewed

Abstract

Der Beitrag untersucht die Potenziale des Forumtheaters für den Resozialisierungsprozess von jugendlichen Inhaftierten. Dabei wird das Forumtheater als informelles Bildungsangebot im Feld der Kulturellen Sozialarbeit verortet. Die Analyse zeigt, dass das Forumtheater auf drei Ebenen wirksam werden kann. Auf individueller Ebene stärkt es das psychosoziale Gleichgewicht und die Kompetenzen der Jugendlichen und fördert damit sozial konformes Verhalten. Auf institutioneller Ebene eröffnet es Reflexionsräume für Inhaftierte und Fachkräfte und ermöglicht eine kritische Auseinandersetzung mit repressiven Haftstrukturen. Als Empowermentmethode wirkt es zudem der vorherrschenden Fremdbestimmung und Kontrolle im Vollzug entgegen. Auf gesellschaftlicher Ebene schafft das Forumtheater Dialogmöglichkeiten zwischen Inhaftierten und der Gesellschaft und sensibilisiert für die strukturellen, gesellschaftlichen und politischen Ursachen von Straffälligkeit. Dadurch leistet es einen Beitrag zur Reduktion gesellschaftlicher Stigmatisierung und geht über etablierte Methoden der Sozialen Arbeit hinaus. Der Beitrag plädiert daher für eine stärkere Verzahnung von Sozialer Arbeit und Kultureller Bildung im Jugendstrafvollzug. Eine solche Verbindung kann dazu beitragen, das Handlungsrepertoire der Fachkräfte zu erweitern und die Weiterentwicklung resozialisierender Maßnahmen voranzutreiben.

1. Einleitung

Im Jugendstrafvollzug sind junge Menschen nicht nur rechtlichen Einschränkungen und disziplinarischen Strukturen unterworfen, sondern auch einer Form sozialer Unsichtbarkeit ausgesetzt. Durch die Inhaftierung treffen sie auf eine Welt, die ihre Handlungsspielräume auf ein Minimum begrenzt, ihre sozialen, wirtschaftlichen, physischen oder psychischen Ressourcen schwächt und ihre Ausdrucksmöglichkeiten stark einschränkt. Gerade dort, wo Unterstützung, Entfaltung und Teilhabe besonders wichtig wären, bleiben Räume für Mitgestaltung und Dialog oft verschlossen (vgl. Boxberg 2018:81; Feest 2020: 234-238; Sykes 2007:64-77).

Inmitten dieser restriktiven Strukturen soll auch die Resozialisierung der Inhaftierten ihren Platz finden. Neben seiner Funktion als Sanktionseinrichtung muss der Strafvollzug zugleich Möglichkeiten für Selbstreflexion und soziale Integration bieten (vgl. Cornel 2022:734; Illgner/Gomille 2020:90). In diesem Spannungsfeld kann Kulturelle Bildung einen Gegenpol zu den restriktiven Bedingungen schaffen. Sie bietet nicht nur kompensatorische Unterstützung, sondern eröffnet auch Potenziale für transformative Prozesse (vgl. Wrentschur 2019:337-339). Die Potenziale ästhetischer Praxisformen für diesen Prozess werden jedoch oftmals nicht ausreichend berücksichtigt (vgl. Wißner 2018:493-494).

Ziel dieses Beitrags ist es, die Resozialisierungspotenziale des Forumtheaters im Jugendstrafvollzug aus einer sozialarbeiterisch-kulturpädagogischen Perspektive aufzuzeigen und zugleich zur Diskussion darüber anzuregen, wie Kulturelle Bildung auch in restriktiven Systemen ermöglicht und als Teil einer kritischen, machtsensiblen Praxis gedacht werden kann.

2. Resozialisierung im Jugendstrafvollzug

Die Fokussierung auf Resozialisierung ist kein Zufall, sondern im Gesetz klar verankert. § 2 JStVollzG NRW formuliert zwei zentrale Ziele: Einerseits sollen Jugendliche dazu befähigt werden, künftig ein Leben ohne Straftaten in sozialer Verantwortung zu führen, andererseits dient der Vollzug der Jugendstrafe dem Schutz der Allgemeinheit. Letztlich gilt jedoch, dass langfristige Sicherheit nur durch gelingende Resozialisierung erreicht werden kann. Sie ist daher keine Option neben anderen, sondern das vorrangige Vollzugsziel (vgl. Beulke/Swoboda 2020:321-325; § 2 S. 1 JStVollzG NRW).

Aus fachlicher Sicht besteht jedoch keine Einigkeit darüber, was genau unter Resozialisierung zu verstehen ist. Meist wird darunter die Wiedereingliederung einer Person in die Gesellschaft verstanden (vgl. Cornel 2022:734; Kawamura-Reindl/Schneider 2015:69-70). Doch Resozialisierung ist weit mehr als ein linearer Anpassungsprozess, der allein vom Individuum ausgeht. Sie ist ein komplexes Wechselspiel zwischen Individuen und Gesellschaft und kann als Teil eines lebenslangen Sozialisationsprozesses begriffen werden (vgl. Cornel 2022:734). Im Vollzugsalltag zeigt sich jedoch ein Spannungsverhältnis. Das soziale Klima und die Gefängnisumwelt können Entwicklungsprozesse maßgeblich beeinflussen und die Wirksamkeit sowie die erzielten Ergebnisse beeinträchtigen. Nicht selten trägt die Haft selbst zur sozialen Desintegration bei und erschwert damit die Resozialisierung (vgl. Feest 2020:234-238; Guéridon/Suhling 2018:246).

Die Vielzahl an Einflussfaktoren macht die Gestaltung von Resozialisierungsmaßnahmen zu einer komplexen Herausforderung. Es braucht daher innovative Ansätze, die diese unterschiedlichen Aspekte möglichst umfassend berücksichtigen. An dieser Stelle setzt Soziale Arbeit an. Sie vermittelt zwischen institutionellen Bedingungen, gesellschaftlichen Anforderungen und den Lebenswelten der Jugendlichen und eröffnet damit zentrale Handlungsräume für gelingende Resozialisierungsprozesse (vgl. Dörr/Klomann 2019:236-237).

3. Schnittstellen Sozialer Arbeit und Kultureller Bildung im Resozialisierungsprozess

Vor diesem Hintergrund kann Soziale Arbeit als Reaktion auf psychosoziale Bewältigungsprobleme verstanden werden, die aus gesellschaftlicher Ausgrenzung und individuellen Belastungen entstehen. Sie wird dort tätig, wo soziale Desintegration am Einzelnen spürbar und Unterstützung benötigt wird. Dabei richtet sie den Blick auf die konkrete Lebenslage des Menschen, der in seinem sozialen Umfeld beeinträchtigt ist und unterstützt ihn dabei, seine Beziehungen, Rollen und Perspektiven neu zu ordnen (vgl. Böhnisch/Schröer 2015:120-131; Bukowski/Nickolai 2018:112). Resozialisierung wird somit nicht als bloße Wiedereingliederung in die Gesellschaft verstanden, sondern als vielschichtiger sozialpädagogischer Prozess, der individuelle, institutionelle und gesellschaftliche Faktoren berücksichtigt (vgl. Böhnisch/Schröer 2013:25-47; Böhnisch 2017:116-117).

Eine Möglichkeit, solche subjektorientierten Zugänge in der Praxis zu gestalten, bietet das Feld der Kulturellen Bildung. In der wissenschaftlichen Diskussion hat sich der Begriff Kulturelle Bildung jedoch zu einem sehr breit auslegbaren Containerbegriff entwickelt. Die Theaterpädagogik ist dabei eines von vielen möglichen Teilgebieten (vgl. Thole/Hübner 2022:430). Für die Soziale Arbeit ist bei der Begriffsbestimmung vor allem die Frage nach dem angestrebten Interventionscharakter entscheidend (vgl. Wrentschur 2019:338). Wenn künstlerische Ausdrucksformen gezielt eingesetzt werden, um die eingeschränkten Handlungskompetenzen jugendlicher Delinquenten im Strafvollzug zu erweitern, kann von kultureller Sozialarbeit gesprochen werden. Sie findet dort Anwendung, wo ästhetische Praxis in helfender Absicht genutzt wird und kulturarbeiterische Themen unter die Funktionslogik und Handlungsprinzipien der Sozialen Arbeit subsumiert werden. Kulturarbeit wird in diesem Sinne instrumentalisiert, um sozialarbeiterische Ziele zu erreichen (vgl. Treptow 1988:86-87). In diesem Kontext kann Theater als Mittel zur Initiierung von Prozessen wie der Resozialisierung betrachtet werden (vgl. Fehrmann et al. 2020:220). Dabei handelt es sich um ein informelles Bildungsangebot, bei dem das Lernen beiläufig, oft unbewusst und unausdrücklich erfolgt (vgl. Dietzen 2004:33). Die Potenziale der kulturellen Sozialarbeit lassen sich am Beispiel des Forumtheaters im Jugendstrafvollzug exemplarisch aufzeigen.

Das Forumtheater greift auf theatrale Ausdrucksformen zurück, die auf unterschiedlichen Ebenen wirksam werden können (vgl. Wrentschur 2019:58-71). Soziale Arbeit kann sich dies zunutze machen, um alternative Ansätze der Resozialisierung zu erproben, die über die Wirksamkeit klassischer Methoden, Konzepte und Modelle hinausgehen (vgl. Zeier-Draxl 2004:17).

4. Forumtheater als Teil kultureller Sozialarbeit

Das Forumtheater ist eine von Augusto Boal entwickelte Methode, die zu seinem Konzept des Theaters der Unterdrückten gehört. Es stellt eine besondere theaterpädagogische Praxis dar, die darauf abzielt, Menschen in ihrer Lebenswelt ernst zu nehmen und ihnen gleichzeitig neue Ausdrucks- und Handlungsmöglichkeiten zu eröffnen. Im Gegensatz zu klassischen Interventionen handelt es sich um einen offenen, partizipativen Prozess (vgl. Boal 1989:68-69; Wrentschur 2019:60-61; Wrentschur/Moser 2014:401-402).

Wenn in diesem Zusammenhang von Partizipation die Rede ist, dann ist die aktive Beteiligung bzw. Mitgestaltung an gesellschaftlichen und politischen Prozessen gemeint. Dabei geht es nicht um eine von außen gesteuerte Einbindung, sondern um das selbstbestimmte Einbringen eigener Perspektiven und Erfahrungen. Wesentlich ist dabei die Austragung von Meinungsverschiedenheiten und Konflikten, durch die demokratische Teilhabe erweitert und Verwirklichungschancen gestärkt werden, jedoch stets in direkter Anknüpfung an die Lebenswelt der Menschen (vgl. Boal 1989:68-69; Wrentschur 2019:238-239).

Im Forumtheater dient dafür eine sorgfältig gestaltete Theaterszene als Ausgangspunkt. Sie zeigt einen sozialen oder politischen Konflikt und basiert auf den realen Erfahrungen der Beteiligten (vgl. Jost 2020:78). Diese Szene kulminiert in einem Moment des Scheiterns der Hauptfigur, wodurch beim Publikum der Impuls zum Eingreifen ausgelöst wird. Das Publikum wird dabei von Beginn an als aktiver Teil des Geschehens verstanden (vgl. Boal 1989:68-83; Staffler 2009:87-90). Durch einen Zuruf können sie die Szene unterbrechen und selbst in Rollen einsteigen. Anschließend wird die Szene mit dem neuen Vorschlag wiederholt, sodass der alternative Lösungsweg konkret erlebbar wird (vgl. Staffler 2009:87-93). Das Ziel besteht nicht darin, die eine richtige Lösung zu finden, sondern ein breites Spektrum innovativer Handlungsoptionen zu erarbeiten, die in einer anschließenden Forumsdiskussion gemeinsam reflektiert werden (vgl. Haug 2012:61; Staffler 2009:87-93).

In diesem ästhetischen Erfahrungsraum werden bestehende Machtverhältnisse, Zuschreibungen und Handlungsmuster sichtbar gemacht und zugleich in Bewegung gesetzt. Durch die Verbindung von Darstellung, Reflexion und partizipativer Einmischung entsteht ein Raum, in dem gesellschaftliche Wirklichkeit nicht nur interpretiert, sondern auch probeweise verändert werden kann (vgl. Boal 1989:56-66; Fritz 2013:123-133; Wrentschur 2019:118-119). Boal selbst spricht von einer Probe auf Wirklichkeit, in der Unterdrückung nicht bloß benannt, sondern kollektiv bearbeitet wird (vgl. Boal 1989:66-69). Für Jugendliche im Strafvollzug, die in besonderer Weise zu den gesellschaftlich marginalisierten Gruppen zählen und häufig mit Ausgeschlossenheit, Stigmatisierung, Autonomieverlust und Unterdrückung konfrontiert sind, eröffnet das Forumtheater einen Raum, in dem Erfahrungen artikuliert, Handlungsspielräume erweitert und neue Formen sozialer Teilhabe erprobt werden können (vgl. ebd.:68-69; Laubenthal 2019:150-154; Wrentschur 2003:o. S.).

5. Resozialisierungspotenziale des Forumtheaters im Jugendstrafvollzug

Das Forumtheater bietet Jugendlichen im Strafvollzug einen Raum, in dem Unterdrückung sichtbar gemacht und neue Handlungsoptionen erprobt werden können (vgl. Boal 1989:68-69). Für die Soziale Arbeit stellt sich somit die Frage, wie sich dieses Potenzial im Sinne der Resozialisierung nutzen lässt. Um das Resozialisierungspotenzial des Forumtheaters fachlich zu verorten, dient Böhnischs Bewältigungsansatz als Ordnungsrahmen. Dieser richtet den Blick auf das Zusammenspiel individueller, institutioneller und gesellschaftlicher Bedingungen, welche die Handlungsfähigkeit beeinflussen (vgl. Böhnisch/Schröer 2015:124-130). Entlang dieser Ebenen lassen sich die Potenziale des Forumtheaters herausarbeiten und somit seine Anschlussfähigkeit an die Soziale Arbeit sichtbar machen.

Individuelle Ebene – Forumtheater zur Förderung persönlicher Entwicklung

Im Rahmen der Resozialisierung steht auf individueller Ebene die Erreichung sozialer Konformität im Vordergrund (vgl. Cornel 2022:735). Aus der Perspektive Böhnischs kann delinquentes Verhalten als Bewältigungsverhalten betrachtet werden, das den Versuch beschreibt, kritische Lebenskonstellationen zu meistern. Lebenssituationen werden dann als kritisch empfunden, wenn das psychosoziale Gleichgewicht, bestehend aus Selbstwertgefühl, sozialer Anerkennung und Selbstwirksamkeit, gestört ist (vgl. Böhnisch 2017:19-21; Böhnisch/Schröer 2013:20). Gerät dieses Gleichgewicht aus der Balance, entstehen Gefühle innerer Ohnmacht und Hilflosigkeit. Daraus erwächst ein körperlich wie seelisch spürbarer Druck, der nach Entlastung verlangt (vgl. Böhnisch/Schröer 2015:125). In diesem Verständnis wird delinquentes Verhalten eingesetzt, wenn konformistische Ressourcen nicht ausreichen, um das Gleichgewicht wiederherzustellen und die Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen. Es stellt somit einen kompensatorischen Lösungsversuch dar, um Anerkennung, Selbstwirksamkeit und Selbstwert zu erlangen. Um konforme Bewältigungsstrategien zu fördern, bedarf es demnach der Stärkung dieser Komponenten (vgl. Böhnisch/Schröer 2013:20-30; Böhnisch 2017:21-25).

Das Forumtheater eröffnet Jugendlichen die Möglichkeit, aktiv und spielerisch in den Verlauf einer Szene einzugreifen. Im Anschluss können sie beobachten, wie sich die dargestellte Szene verändert und so unmittelbar erfahren, welche Wirkung ihr Handeln auf das Geschehen und die beteiligten Personen entfaltet (vgl. Wrentschur/Moser 2014:401). Zu beobachten, wie ihre eigenen Vorschläge funktionieren, kann bei den Jugendlichen das Bewusstsein für die eigene aktive und erfolgreiche Problemlösungskompetenz fördern (vgl. Mazzini/Wrentschur 2004:185). Das unmittelbare Erleben von Handlungserfolg ist ein zentraler Aspekt, der die Überzeugung der eigenen Selbstwirksamkeit wesentlich fördert (vgl. Wißner 2018:485-486).

Die aktive Einbringung eigener Ideen sowie deren anschließende Diskussion in der Gruppe bilden wesentliche Merkmale des Forumtheaters. Darauf folgt stets ein Feedback vonseiten der Gruppe (vgl. Boal 2006:20-24). Gerade für Jugendliche ist die Bewertung durch Gleichaltrige von großer Bedeutung (vgl. Zimmermann et al. 2018:78). Werden die Ideen der Jugendlichen von anderen anerkannt und unterstützt, können sie sich in ihren Meinungen und Handlungen bestätigt fühlen und gleichzeitig erfahren, dass diese Wertschätzung verdienen (vgl. Wrentschur/Moser 2014:406; Syrbe 2020:99). Diese Vorgehensweise schafft eine respektvolle Umgebung und fördert zugleich das Gefühl der sozialen Anerkennung (vgl. Mazzini/Wrentschur 2004:181-182; Wrentschur 2019:93-99).

Insbesondere im Jugendalter ist der Selbstwert häufig gering ausgeprägt (vgl. Jungbauer 2025:223). Durch die Inhaftierung werden die Jugendlichen zusätzlich mit negativen Selbstbildern und sozialer Isolation konfrontiert, was ihre Unsicherheiten vertiefen kann (vgl. Bereswill 2015:339-344; Laubenthal 2019:151). Das Forumtheater hat jedoch das Potenzial, einen Erfahrungsraum zu eröffnen, in dem Jugendliche ihre Fähigkeiten und ihren individuellen Wert reflektieren können. Durch die Betrachtung der Szenen und das Feedback der Gruppe kann ihre Lebenssicht irritiert und neue Perspektiven angeregt werden. So können eigene Reaktionen hinterfragt, Ressourcen erkannt und persönliche Stärken bewusster wahrgenommen werden (vgl. Baim et al. 2002:163; Wrentschur 2019:532).

Jugendliche im Strafvollzug tragen jedoch oft eine Last aus negativen Emotionen wie Angst, Ohnmacht oder Wut mit sich. Diese Gefühle sind nicht nur Ausdruck ihrer individuellen Geschichte, sondern verschärfen sich durch die restriktiven Bedingungen des Haftalltags (vgl. Böhnisch/Schröer 2015:125-126; Bereswill 2015:339-349). Dadurch kann der ohnehin schon vorhandene innere Druck, der durch die Dysbalance des psychosozialen Gleichgewichts entsteht, zusätzlich verstärkt werden (vgl. Böhnisch/Schröer 2015:125). Um zu verhindern, dass diese Belastungen in aggressives, selbstdestruktives oder delinquentes Verhalten umschlagen, sind schon in der Haft Räume notwendig, die die subjektive Verarbeitung unterstützen und in denen Gefühle Ausdruck finden können (vgl. Bereswill 2015:339-344; Böhnisch/Schröer 2013:27-31).

Im Forumtheater haben die Jugendlichen die Gelegenheit, ihre Gefühle in einem kontrollierten Rahmen durch die Darstellung von Rollen und Szenen zum Ausdruck zu bringen (vgl. Deu 2008:42-44; Sandberger 2008:93). Eine direkte Thematisierung traumatischer Erlebnisse ist dabei nicht erforderlich. Die indirekte Bearbeitung wird durch die Darstellung fiktiver Szenen erreicht, wodurch eine schonendere Auseinandersetzung des Einzelnen mit seinen persönlichen Erfahrungen ermöglicht wird. Der Theaterraum wird so zu einer sicheren und strukturierten Umgebung (vgl. Emunah 2020:217-218). Die theatrale Darstellung von Emotionen kann eine tiefe emotionale Auseinandersetzung anstoßen. Durch das Spiel können die Jugendlichen ihre Emotionen erkunden, wodurch sich ihre Fähigkeit verbessert, diese wahrzunehmen und zu regulieren (vgl. ebd.: 9-10; Sandberger 2008:42; Wrentschur 2019:610-727). Eine Fähigkeit, die sich gerade im Jugendalter noch entwickelt und zugleich delinquentem Verhalten vorbeugen kann (vgl. Zimmermann et al. 2018:79).

Doch das Forumtheater geht weit über die Arbeit an Emotionen hinaus. Gerade im Jugendalter, in dem Peer-Beziehungen eine zentrale Rolle spielen, ermöglicht es Begegnungen, die im Gefängnisalltag sonst kaum möglich sind (vgl. Feest 2020:234-238; Jungbauer 2025:181-182; Wrentschur/Moser 2014:401-402). Unterdrückungssituationen können nur im gemeinsamen Prozess erkundet und verstanden werden und genau hier entfaltet die Methode ebenfalls ihre Wirkung (vgl. Boal 2006:20-24; Staffler 2009:87-88). Wenn Jugendliche gemeinsam Szenen entwickeln, entstehen Vertrauen, Zusammenhalt und das Gefühl, mit den eigenen Problemen nicht allein zu sein. Das Kollektiv selbst wird so zur Ressource (vgl. Baim et al. 2002:12; Wrentschur/Moser 2014:406). Durch dieses Miteinander übernehmen sie Verantwortung für das Gruppengeschehen und trainieren gleichzeitig ihre soziale Rollenkompetenz (vgl. Sandberger 2008:77).

Im Gegensatz zum klassischen Theater, das scharf zwischen aktiven Spielenden und passiven Zuschauenden trennt, verwischt das Forumtheater diese Grenze und macht Teilhabe unmittelbar erfahrbar (vgl. Wrentschur/Moser 2014:401-402). Die Jugendlichen können dadurch in Rollen schlüpfen, die sie in ihrem Alltag nicht oder nur ungern spielen würden. Der Wechsel zwischen Täter- und Opferrolle kann das Bewusstsein und Verständnis für die emotionalen Zustände anderer schärfen. Dadurch können sowohl Empathie als auch die Fähigkeit, Konflikte aus mehreren Perspektiven zu betrachten, wachsen (vgl. Baim et al. 2002:163). Dies sind wichtige Schutzfaktoren gegen Delinquenz. Das Forumtheater kann somit einen Beitrag zur emotionalen Stabilisierung und zur Stärkung sozialer Kompetenzen leisten. Dabei handelt es sich um wichtige Faktoren, die die Resozialisierung begünstigen können (vgl. Bliesener 2018:269-272).

Institutionelle Ebene – Forumtheater als Raum für Selbstermächtigung im restriktiven Kontext

Aus der Theorie von Böhnisch ergibt sich jedoch, dass zur Erklärung von Entstehung und Aufrechterhaltung von Delinquenz die Fokussierung auf das Individuum nicht ausreicht (vgl. Böhnisch/Schröer 2015:126-127). Vielmehr ist delinquentes Verhalten stets in seiner Wechselwirkung mit sozialer Umwelt und Milieustrukturen zu betrachten. Denn in der sozialen Welt werden die Konflikte ausgetragen, in denen die innere Hilflosigkeit thematisiert sowie Selbstwert, Selbstwirksamkeit und Anerkennung gewonnen oder verweigert werden (vgl. Böhnisch/Schröer 2013:31-32). Für Jugendliche im Strafvollzug kommt dabei den institutionellen Bedingungen eine zentrale Rolle zu. Diese sind jedoch durch restriktive und hierarchische Verhältnisse geprägt, die die individuelle Autonomie und die soziale Handlungsfähigkeit erheblich einschränken (vgl. Boxberg 2018:81; Laubenthal 2019:147; Sykes 2007:64-77). Besonders problematisch ist, dass im Jugendalter im Zuge der Identitätsentwicklung und Autonomiebildung ein besonders hohes Bedürfnis nach Autonomie und Grenzerfahrung sowie der Wunsch nach Freiheit auftreten (vgl. Jungbauer 2025:209-213). Im Strafvollzug kollidieren diese Bedürfnisse jedoch mit den dort dominierenden Mitteln Kontrolle, Macht und Zwang (vgl. Misamer 2023:19-26). Die Bewältigungskultur des Strafvollzugs verhindert demnach eine notwendige Auseinandersetzung mit Konflikten und erzeugt stattdessen einen Abspaltungsdruck. Daher darf die Bearbeitung der institutionellen Bedingungen für einen erfolgreichen Resozialisierungsprozess nicht unterschätzt werden (vgl. Böhnisch/Schröer 2013:36; Guéridon/Suhling 2018:246).

Einen solchen Raum schafft das Forumtheater. Es versteht sich als Erkenntnisinstrument, das die Lebensrealitäten der Unterdrückten mit theatralen Mitteln thematisiert (vgl. Wrentschur 2019:61). Erfahrungen mit Machtmissbrauch, Hierarchie oder Ungerechtigkeit werden in den Szenen nicht nur dargestellt, sondern auch zur Diskussion gestellt. Dadurch werden Machtverhältnisse, die im Alltag oft unsichtbar bleiben, im theatralen Spiel erkennbar und kritisch reflektierbar (vgl. Haug 2012:90; Wrentschur 2003:o. S.). Bereits die Proben entfalten einen kulturellen und politischen Charakter, da sie eine intensive Auseinandersetzung mit bestehenden Strukturen anstoßen (vgl. Staffler 2009:91). Das Forumtheater ermöglicht durch die Distanzierung von Erfahrungen und Empfindungen, persönliche Handlungsspielräume zu reflektieren. So trägt das Forumtheater zur Bewusstmachung von Machtstrukturen bei und schafft Resonanzräume, in denen Unsichtbares sichtbar und vermeintlich Gegebenes in Frage gestellt wird (vgl. Wrentschur 2019:60-988; Zielke 2019). Davon profitieren jedoch nicht nur die Jugendlichen, sondern auch die Fachkräfte. Es ermöglicht ihnen, die Sichtweisen und inneren Konflikte der Jugendlichen besser zu verstehen und die komplexen sozialen Dynamiken im Strafvollzug differenzierter zu reflektieren (vgl. Sandberger 2004:242; Wrentschur 2019:60-988). Auf dieser Basis lassen sich teilhabeorientierte Interventionen entwickeln, die weniger von institutioneller Logik geprägt sind und näher an der Lebenswelt der Jugendlichen liegen (vgl. Misamer 2023:5-97).

Das Forumtheater beschränkt sich jedoch nicht auf die bloße Analyse. Boal betonte stets, dass Reflexion ohne Handlung nicht ausreicht und Erkenntnis mit Aktion verbunden sein muss (vgl. Thorau 2003). Damit knüpft die Methode unmittelbar an das in der Sozialen Arbeit zentrale Konzept des Empowerments an (vgl. Marx 2008:75-76). Das Empowermentkonzept zielt auf die Selbstermächtigung des Individuums ab. Es umfasst die aktive Aneignung von Macht und Gestaltungsfähigkeit durch diejenigen, die von Ohnmacht und Hilflosigkeit betroffen sind, um selbstbestimmt handeln zu können (vgl. Herriger 2020:13-17). Das Theater kann Menschen, die sich in ihrem Alltag ohnmächtig fühlen, dabei unterstützen, sich aus ihrer passiven Rolle des Objektseins herauszuspielen (vgl. Boal 1989:56-66). Im Forumtheater werden dazu individuelle Handlungsmöglichkeiten identifiziert, die trotz einschränkender Strukturen bestehen (vgl. Marx 2008:75-76). Diese sind nicht nur auf die Bewältigung von Extremsituationen beschränkt, sondern können auch im Kontext alltäglicher Machtverhältnisse angewendet werden (vgl. Wrentschur 2019:226). Auf diese Weise wird Jugendlichen die Möglichkeit gegeben, selbstbestimmt zu handeln und so Abhängigkeits- und Fremdbestimmungsverhältnissen entgegenzuwirken (vgl. Haug 2012:79). Es sollte jedoch nicht außer Acht gelassen werden, dass Macht ein unumgänglicher Faktor in der Beziehung zwischen Fachkräften und Adressierten ist (vgl. Herriger 2020:240). Auf der praktischen Handlungsebene kann die Partizipation der Adressierten jedoch als Korrektiv wirksam werden. Von besonderer Relevanz sind dabei Mitentscheidungsmöglichkeiten und die Einflussnahme der Adressierten auf die Ergebnisse des Hilfeprozesses (vgl. Rieger 2015:344-345). Diese Aspekte werden durch die Methode des Forumtheaters gezielt gefördert. Durch das Forumtheater als Mitspiel- und Improvisationstheater wird ein Widerspruch zu den hierarchischen und geschlossenen Verhältnissen im Strafvollzug geschaffen (vgl. Boxberg 2018:81; Wrentschur 2003:o. S.). Da der Theaterraum frei von jeglichen Zwängen ist, können die rigiden Gefängnisregeln temporär aufgehoben werden (vgl. Fehrmann et al. 2020:221-224). Das Theaterspiel ermöglicht es, in Rollen zu schlüpfen, die von den alltäglichen Einschränkungen und Zwängen abweichen (vgl. Baim et al. 2002:163). Auf diese Weise wird das Selbstbestimmungs- und Kontrollgefühl gestärkt, was wiederum das Erleben von innerer Freiheit fördert (vgl. Fehrmann et al. 2020:221-224). Durch den partizipativen Prozess werden die Jugendlichen dazu befähigt, sich selbst als aktive Akteur:innen wahrzunehmen, die ihre eigene Realität gestalten können (vgl. Boal 1989:98; Wrentschur 2019:532-533).

Gleichzeitig ist das Empowermentkonzept jedoch nicht frei von Kritik. So wird bemängelt, dass es an einer differenzierten Machtkritik fehle, wodurch die Fähigkeit zur Ausübung von Gegenmacht unzureichend gefördert werde (vgl. Staub-Bernasconi 2021:371). Die Auseinandersetzung mit Handlungseinschränkungen, sozialer Ungleichheit und eingeschränkter Dialogfähigkeit ist jedoch ein zentrales Merkmal dieser Methode (vgl. Jost 2020:78). Die Erarbeitung und Aufführung von Forumtheaterstücken deckt bisher unerkannte Machtquellen auf und schärft das Bewusstsein für eigene Machtquellen und persönliche Ressourcen. Zudem wird die Gefahr betont, Machtlosigkeit ausschließlich auf individuelle Ursachen zurückzuführen und dabei die gesellschaftliche Verantwortung auszublenden (vgl. Wrentschur 2019:218-226). Das Forumtheater setzt hier jedoch korrigierende Impulse. Indem individuelle Erfahrungen in kollektive Lern- und Veränderungsprozesse überführt werden, rücken gleichzeitig auch gesellschaftliche Strukturen in den Blick. Boals Ansatz bleibt stets aktionistisch ausgerichtet. Forumtheater versteht sich als Probe für die Zukunft, in der das Mögliche erprobt und neue Wege gesellschaftlicher Veränderung sichtbar werden (vgl. Fritz 2013:356; Thorau 2003).

Gesellschaftliche Ebene – Forumtheater als Instrument öffentlicher Beteiligung

Auch Resozialisierungsmaßnahmen sind gefordert, an dieser Stelle anzuschließen. Die Wiedereingliederung einer straffälligen Person in die Gesellschaft beruht auf einer wechselseitigen Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft (vgl. Cornel 2022:734). Böhnisch macht deutlich, dass Lebensbewältigung immer auch ein Ergebnis gesellschaftlicher Rahmenbedingungen ist, die über die Verfügbarkeit von Ressourcen den Handlungsspielraum des Einzelnen mitbestimmen. Fehlende Zugänge zu Bildung, prekäre Lebenslagen oder eingeschränkte Rechte wirken sich unmittelbar auf die Chancen aus, kritische Lebenskonstellationen zu bewältigen und ein Leben ohne Straftaten zu führen (vgl. Böhnisch/Schröer 2015:124-131). Kriminalität darf daher nicht als individuelles Versagen verstanden werden, sondern muss immer unter Berücksichtigung der sozialstrukturellen Belastungsfaktoren sowie der Anforderungen an die individuelle Bewältigung dieser Problematiken betrachtet werden (vgl. Steindorff-Classen 2020:115). Resozialisierung kann folglich weder in der ausschließlichen Verantwortung individueller Bemühungen liegen noch auf den geschlossenen Raum restriktiver Institutionen beschränkt bleiben (vgl. Cornel 2022:734).

In diesem Kontext eröffnet das Forumtheater eine besondere Perspektive. Seine Stücke eignen sich sowohl für interne pädagogische Prozesse als auch für öffentliche Aufführungen. Damit positioniert sich das Forumtheater nicht nur als Methode individueller Förderung, sondern tritt auch als Instrument des sozialen Wandels auf und schaltet sich aktiv in gesellschaftliche Prozesse ein (vgl. Koch 2012:87; Wrentschur 2006:37). Beim Forumtheater werden individuelle Herausforderungen auf die Bühne gebracht und dadurch in ihrem gesellschaftlichen und politischen Kontext sichtbar gemacht. Auf diese Weise wird das Problembewusstsein dafür geschärft, dass persönliche Krisen nicht isoliert entstehen, sondern Ausdruck struktureller Defizite sind (vgl. Anklam 2012:234; Böhnisch/Schröer 2015:131; Böhnisch 2017:116-117). Öffentliche Aufführungen können damit einen Diskurs über gesellschaftliche und politische Fragen anstoßen und zugleich Möglichkeiten für Veränderung sichtbar machen (vgl. Wrentschur 2006:37).

In öffentlichen Aufführungen werden Prozesse sozialer Zuschreibung sichtbar. Jugendliche, die durch die Inhaftierung oft auf das Bild des Kriminellen reduziert werden, können im Forumtheater alternative Rollen einnehmen und so ihre Vielschichtigkeit zeigen (vgl. Jost 2020:78). Indem Zuschreibungsmechanismen, die sonst unsichtbar bleiben, theatral zugespitzt werden, entsteht ein Raum für kritische Reflexion (vgl. Sandberger 2008:124). Durch die Möglichkeit, Szenen zu unterbrechen und selbst in Rollen zu schlüpfen, wird das Publikum mit seiner Verantwortung in solchen Prozessen konfrontiert (vgl. Wrentschur 2019:943-988). So wird deutlich, dass Abweichung nicht naturgegeben, sondern sozial konstruiert und damit veränderbar ist (vgl. Wrentschur 2003:o. S.). Auf diese Weise trägt das Forumtheater zur Dekonstruktion stereotyper Bilder bei und eröffnet Jugendlichen Sichtbarkeit jenseits gängiger Zuschreibungen (vgl. Sandberger 2008:65-206).

Dabei darf der Strafvollzug nicht als von der Gesellschaft isoliertes System betrachtet werden, sondern muss als integraler Bestandteil dieser verstanden werden (vgl. Kawamura-Reindl/Schneider 2015:69). Die Aufführung selbst stellt einen Akt dar, an der gesellschaftlichen Öffentlichkeit zu partizipieren (vgl. Koch 2012:87). So erhalten die Jugendlichen die Möglichkeit, ihre subjektive Sicht auf ihre konkrete Alltagswirklichkeit in den öffentlichen Diskurs einzubringen. Die Sprache des Theaters ermöglicht es, komplexe Zusammenhänge und Wirkungsfaktoren darzustellen und damit eine kritische Auseinandersetzung anzuregen (vgl. Koch 2012:88-89; Wrentschur 2019:992). Auf diese Weise erweitert sich der Diskurs, der ansonsten außerhalb des Vollzugs stattfindet und lediglich über die Straffälligen geführt wird, um die Stimmen der Betroffenen selbst. So können sie trotz ihres marginalisierten Status ihre Geschichten sichtbar machen und alternative Perspektiven in die Gesellschaft tragen (vgl. Anklam 2012: 234; Deu 2008:16-17; Sandberger 2004:242). Damit wird das Forumtheater zu einem Modell gesellschaftlicher Beteiligung mit ästhetischen und politischen Implikationen, das als „politisch-ästhetische Zukunftswerkstatt“ verstanden werden kann (vgl. Koch 2012:89). „Das Forumtheater wurde zur partizipativen Beobachtungs- und Untersuchungsstation, um die Zuschauer_innen auf Realitäten aufmerksam zu machen und für einen anderen Blick auf Politik und Gesellschaft zu sensibilisieren“ (Wrentschur 2019:992). Insofern kann es als eine Form des eingreifenden politischen Handelns betrachtet werden, die es den Jugendlichen ermöglicht, den öffentlichen Raum zurückzugewinnen (vgl. Anklam 2012:234). Auf diese Weise trägt das Forumtheater dazu bei, Kommunikation und Dialog zwischen exkludierten und inkludierten Gesellschaftsgruppen zu ermöglichen (vgl. Deu 2008:16-17; Sandberger 2008:16). In diesem Sinne übernimmt das Forumtheater eine Brückenfunktion zwischen Sozialer Arbeit, Strafvollzug und politischer Öffentlichkeit (vgl. Böhnisch/Schröer 2013:45).

Öffentliche Aufführungen von Forumtheaterstücken im Strafvollzug bergen neben ihren Chancen jedoch auch Risiken. Im Vordergrund steht die Schutzfunktion der Institution, die die Sicherheit von Bediensteten, Mitgefangenen und der Allgemeinheit gewährleisten muss. Die Einbindung eines externen Publikums erhöht die Komplexität und kann die Einhaltung der strengen Sicherheitsmaßnahmen erschweren, etwa durch Risiken wie Schmuggel oder Flucht (vgl. Laubenthal 2019:132-595; Sandberger 2008:47-163; § 2 JStVollzG NRW). Diese Risiken lassen sich jedoch durch eine enge Zusammenarbeit mit den Vollzugsbediensteten, klare Aufführungsregeln sowie eine sorgfältige Auswahl der Teilnehmenden und Zuschauenden erheblich reduzieren. Auch die Präsenz von Bediensteten und räumliche Beschränkungen tragen zu einem kontrollierten Ablauf bei (vgl. Syrbe 2020:96-105; Laubenthal 2019:210-286). Ebenso muss der Datenschutz gewahrt bleiben (vgl. Syrbe 2020:100). Anonymität kann durch die Verwendung von Pseudonymen und die Abstraktion individueller Erfahrungen gesichert werden (vgl. Fritz 2013:356; Laubenthal 2019:934). Indem persönliche Geschichten verdichtet und auf grundlegende Unterdrückungsmuster zurückgeführt werden, entsteht eine Arbeitsdistanz, die Anonymität sichert und zugleich gesellschaftlich relevante Dynamiken sichtbar macht (vgl. Fritz 2013:356; Haug 2012:51). Eine Alternative zu öffentlichen Aufführungen kann die mediale Berichterstattung sein, die sowohl Anonymität und Sicherheit gewährleistet als auch ein breiteres Publikum erreicht. Auf diese Weise können die gesellschaftliche Relevanz des Gefängnistheaters und der Resozialisierung sowie die pädagogischen Wirkungen des Forumtheaters im Jugendstrafvollzug hervorgehoben und eine Auseinandersetzung im sozialpolitischen Diskurs angestoßen werden (vgl. Deu 2008:47-48; Haas 2020:272-291; Sandberger 2008:61; Syrbe 2020:100).

Resozialisierung setzt gesellschaftliche Einbindung voraus. „Eine erfolgreiche Resozialisierung Straffälliger kann es unter Ausschluss der Öffentlichkeit nicht geben, da sie dort beginnt, wo auch Kriminalität ihren Ursprung nimmt: inmitten, nicht abseits unserer Gesellschaft und unserer Wertsysteme“ (Haas 2020:292). Vor diesem Hintergrund erscheint es legitim, vertretbare Risiken einzugehen, um dieses Ziel zu erreichen (vgl. Laubenthal 2019:134).

Die im Forumtheater gesammelten Erfahrungen und Erkenntnisse entfalten ihre Wirkung jedoch nicht nur im Theaterraum, sondern auch darüber hinaus (vgl. Deu 2008:42). Die durch das Theaterspiel erworbenen Fähigkeiten können so die Wahrscheinlichkeit verringern, dass die Jugendlichen eine dauerhafte kriminelle Karriere einschlagen (vgl. Wißner 2018:486).

6. Fazit

Das Forumtheater kann seine Wirksamkeit im Jugendstrafvollzug auf drei Ebenen entfalten. Es fördert soziale und emotionale Kompetenzen, stärkt das psychosoziale Gleichgewicht und kann so delinquentem Verhalten präventiv entgegenwirken. Als Erkenntnisinstrument macht es Machtverhältnisse sichtbar, wirkt durch seinen emanzipatorischen und partizipativen Charakter der vorherrschenden Fremdbestimmung entgegen und eröffnet zugleich Wege der Selbstermächtigung, die Hindernisse im Resozialisierungsprozess mindern können. Gleichzeitig rückt es die gesellschaftlichen Bedingungen in den Blick, die die Handlungsfähigkeit einschränken und delinquentes Verhalten begünstigen. Damit schafft das Forumtheater Ansatzpunkte für eine Praxis, die bestehende Strukturen nicht ignoriert, sondern produktiv bearbeitet.

Die Verknüpfung ästhetischer Erfahrung und sozialpädagogischer Zielsetzung eröffnet damit nicht nur für Jugendliche neue Handlungsspielräume. In der Zusammenarbeit mit Theaterpädagog:innen erweitert sie zudem das Handlungsrepertoire der Fachkräfte. Durch die gemeinsame Praxis entstehen Zugänge, die innovative Arbeitsformen im restriktiven Kontext des Strafvollzugs ermöglichen. Zugleich wird sichtbar, dass die Methode ein tragfähiges Konzept bildet, das an die theoretischen Anforderungen der Sozialen Arbeit anknüpft. Damit ergibt sich die Möglichkeit, Resozialisierungsmaßnahmen sowohl inhaltlich als auch methodisch weiterzuentwickeln und zu einer zukunftsorientierten Praxis beizutragen.

Das Forumtheater zeigt exemplarisch, wie sich Kulturelle Bildung und Soziale Arbeit produktiv miteinander verbinden lassen. In diesem Sinne verdeutlicht es, dass Kulturarbeit nicht als ästhetisches Zusatzangebot, sondern als ernstzunehmender Bestandteil der Sozialen Arbeit im Strafvollzug verstanden werden sollte.

 

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Sabrina Eschweiler (2026): Kulturelle Bildung hinter Gittern? Das Forumtheater im Resozialisierungsprozess jugendlicher Inhaftierter. Eine Potenzialanalyse. In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE: https://kubi-online.de/artikel/kulturelle-bildung-hinter-gittern-forumtheater-resozialisierungsprozess-jugendlicher (letzter Zugriff am 20.04.2026).

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