KUBI-ONLINE » DER WISSENSSPEICHER ZUFORSCHUNG, THEORIE & PRAXIS KULTURELLER BILDUNG
Historische Perspektiven auf die Schnittstelle von Musik- und Heilpädagogik: Charlotte Pfeffers Tätigkeitsfelder zwischen Sozialer Arbeit und Kultureller Bildung
Charlotte Pfeffer (1881–1970) als historisches Beispiel für innovative Ansätze an den Schnittstellen zwischen Rhythmik, Musik- und Heilpädagogik, Sozialer Arbeit und Kultureller Bildung
Die grundsätzliche Bedeutung Kultureller Bildung im Kontext Sozialer Arbeit ist bereits vielfach und verschiedentlich betont und beschrieben worden. Vergleichsweise selten aber wird eine historische Perspektive auf die beiden Themenfelder eingenommen und es gibt somit auch nur ausnahmsweise historische Forschung zu Personen, die innerhalb der Felder Kulturelle Bildung und Soziale Arbeit tätig waren.
Charlotte Pfeffer (1881 in Berlin – 1970 in Freiburg, Breisgau) war eine solche Person, deren Schaffen (rückblickend) in diesen Kontext eingeordnet werden kann. Charlotte Pfeffer war Rhythmikerin und arbeitete aus musik- bzw. rhythmikbezogener Perspektive mit verschiedenen Zielgruppen, die heute der Sozialen Arbeit zugeordnet werden können: Sie arbeitete vielfach mit Kindern mit Beeinträchtigungen, aber auch mit Arbeiterinnen. Sie entwickelte aus ihrem praktischen Tun heraus eine Heilpädagogische Rhythmik und Psychomotorische Heilerziehung: Neben ihrer umfänglichen praktisch-musikalischen Arbeit insbesondere mit Kindern mit Beeinträchtigungen veröffentlichte Charlotte Pfeffer ebendiese Ansätze, sowie eine Anzahl an weiteren Schriften. Die Schriften stellen einen Glücksfall dar: Auf ihrer Basis lassen sich Aussagen zu Charlotte Pfeffers musik- und rhythmikpädagogischem Handeln treffen und ihre pädagogischen Ansätze lassen sich (teilweise) rekonstruieren.
Aufgrund ihrer vielfältigen beruflichen Tätigkeiten kann Charlotte Pfeffer als ein historisches Beispiel für die Schnittstelle zwischen Sozialer Arbeit und Kultureller Bildung gelten. Als Grenzgängerin zwischen der Rhythmik- und der Heilpädagogik, mit einem Fokus auf das Musizieren mit Kindern mit Beeinträchtigung, kann in ihr eine Person mit innovativen Ansätzen gesehen werden.
Einleitung
Zu den Zusammenhängen zwischen Kultureller Bildung und Sozialer Arbeit ist bereits zahlreiches veröffentlicht worden und es ist auch und insbesondere die grundsätzliche Bedeutung Kultureller Bildung im Kontext Sozialer Arbeit herausgearbeitet worden (z.B. Hammerschmidt 2024, Hill 2013/12, Treptow 2016). Es existieren außerdem zahlreiche Projekte und Programme an genau dieser Schnittstelle.
Es gibt wenig historische Arbeiten, die sich mit Kultureller Bildung und/oder der Schnittstelle zu Sozialer Arbeit beschäftigen. Vergleichsweise selten also wurde bislang eine historische Perspektive auf die beiden Themenfelder eingenommen. Ebenfalls selten wird ein biografisch-individueller Schwerpunkt gesetzt und einzelne Personen untersucht, die an der Schnittstelle zwischen Kultureller Bildung und Sozialer Arbeit tätig waren.
Vor diesem Hintergrund werden nun die heute im Wesentlichen unbekannten Rhythmikerin Charlotte Pfeffer und ihre Tätigkeitsfelder (punktuell) vorgestellt. Manfred Berger konstatiert, dass Charlotte Pfeffer im Kontext Musik „eine bedeutende Persönlichkeit war und innovative Impulse setzte“ (Berger 1994). Doch nicht nur innerhalb der um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert gerade in der Entstehung und Entwicklung begriffenen Rhythmik war Charlotte Pfeffer eine zentrale Persönlichkeit (zur Rhythmik als Fach oder Disziplin folgen später detailliertere Erläuterungen). Charlotte Pfeffer fällt auch aufgrund ihrer herausragenden Karriere ins Auge; sie erhielt als eine der wenigen weiblichen Personen zu dieser Zeit eine Professur an der Königlich akademischen Hochschule für Musik zu Berlin (heute: Universität der Künste Berlin).
Charlotte Pfeffer war außerdem bereits um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert an der Schnittstelle von Kultureller Bildung und Sozialer Arbeit tätig, indem sie mit Kindern musikpädagogisch arbeitete. Eine größere Anzahl dieser Kinder würden im 21. Jahrhundert als Kinder mit Beeinträchtigungen bezeichnet werden. Charlotte Pfeffer war nicht nur praktisch musikpädagogisch tätig, sondern entwickelte auch auf theoretischer Ebene eine Heilpädagogische Rhythmik und Psychomotorischen Heilerziehung (Berger 1994).
Zwar ist Charlotte Pfeffer noch nicht vollständig aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden: Immerhin gibt es einen Wikipedia-Artikel unter ihrem Namen und es gibt eine Charlotte-Pfeffer-Schule mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung. Im Kontext verfolgter Musiker*innen in der NS-Zeit wird ihr Name aufgrund ihrer erzwungenen Emigration ebenfalls genannt (z.B. Rhode-Jüchtern 2004). Einige Aufsätze und Veröffentlichungen (Manfred Berger, Songrid Hürtgen-Busch) setzen sich mit Charlotte Pfeffer auseinander. Dennoch erfährt ihr Schaffen insgesamt eine eher geringe Rezeption: Eingang in die musikpädagogische oder -wissenschaftliche Forschung sowie die Heilpädagogikforschung hat Charlotte Pfeffer bislang nicht gefunden. Gründe hierfür sind vermutlich ihr (weibliches) Geschlecht, fehlende repräsentative Kompositionen und eine grundsätzliche mangelnde Sichtbarkeit (musik-)pädagogischer Tätigkeitsfelder.
Eine umfassende Einordnung der musikpädagogischen Tätigkeitsfelder von Charlotte Pfeffer steht somit noch aus: Ihre Tätigkeitsfelder sind bislang noch nicht im Sinne einer umfangreichen internationalen Quellenrecherche und – auswertung untersucht worden. Insbesondere Charlotte Pfeffers schriftliches Werk bedarf einer umfassenden Untersuchung und Einordnung sowohl in heil-, als auch musikpädagogische Kontexte. Darüber hinaus fehlt eine Einordnung von Charlotte Pfeffer in das Feld Soziale Arbeit und Kulturelle Bildung.
Im vorliegenden Beitrag werden nun Charlotte Pfeffer und ihre Tätigkeitsfelder in den Blick genommen. Zunächst wird hierzu ein biografisch orientierter Ansatz gewählt und ihr Lebenslauf mit zentralen Stationen und Ereignissen chronologisch skizziert. Hernach werden Charlotte Pfeffers theoretisch-konzeptionelle und außerdem insbesondere ihre heilpädagogischen Ansätze beleuchtet. Zuletzt wird ihr musikpädagogisches Handeln in den Kontext Soziale Arbeit und Kulturelle Bildung eingeordnet.
Exkurs: Entstehung und Entwicklung der Rhythmik
Abbildung 1: Pfeffer Bestand, Nr. 1, 2633, Archiv der Universität der Künste Berlin.
Eine Klärung und Definition der Rhythmik scheint herausfordernd zu sein, insbesondere vor dem Hintergrund, dass unterschiedliche Bezeichnungen wie Rhythmische Gymnastik, Rhythmisch-musikalische Erziehung, Methode Jaques-Dalcroze oder Dalcroze-Rhythmik firmieren. Die Abgrenzung zur Elementaren Musikpädagogik mit Dorothee Günther (vgl. Maier 2018), Gunild Keetmann (vgl. Maier 2018a) und Carl Orff erscheint aufgrund der vielfältigen Schnittmengen von Rhythmik und Elementarer Musikpädagogik als eine besondere Herausforderung. Inwiefern es sich bei der Rhythmik um ein Fach, eine Disziplin oder einen eigenständigen Teilbereich der Musik- oder Heilpädagogik handelt, kann diskutiert werden.
Brigitte Steinmann beschreibt Rhythmik wie folgt:
„Die Rhythmik ist ein seit Anfang des 20. Jahrhunderts gewachsenes Fach, ein musikalisch-künstlerisches, pädagogisches Verfahren, dessen Basis in der Art der Verbindung und Verknüpfung von Musik und Bewegung sich seit Anfang nicht verändert hat, aber dessen Ausrichtungen entsprechend dem gesellschaftlichen und individuellen Zustand und Wandel bedürfnisgerecht variierbar sind. Sie hat den Nachteil, dass der Laie – und auch viele Fachleute aus den Erziehungswissenschaften – weder mit dem Begriff ‚Rhythmik‘ noch mit dem der ‚Rhythmisch-musikalischen Erziehung‘ eine zutreffende Vorstellung verbindet. Auch die Erweiterung auf den nur schriftlich wirksamen Begriff ‚Musik und Bewegung / Rhythmik‘ ist nicht aussagekräftig genug. Im Gegensatz zu Musikhochschulen im nahen und fernen Ausland gibt es in Deutschland kaum noch ausdrücklich nur auf Rhythmik bezogene Studiengänge.“ (siehe Brigitte Steinmann (2016): Rhythmik und Elementare Musikpädagogik – Ein historischer Abriss und eine kurze Betrachtung der heutigen Situation der beiden Fächer)
Das Element der Bewegung scheint also für Rhythmik zentral zu sein, wenngleich auch die Elementare Musikpädagogik vielfach mit Bewegung arbeitet. Carl Orff beschrieb die Rhythmik in seinem Aufsatz Musik aus der Bewegung als einen „Schwesterversuch, die Musik durch Bewegung zu aktivieren“ (Orff 1932:179).
Die Entwicklung der Rhythmik wird in nahezu allen historisch orientierten Schriften Émile Jaques-Dalcroze zugeschrieben bzw. auf ihn zurückgeführt. Émile Jaques-Dalcroze (geboren 1865 in Wien) war Kapellmeister, Komponist sowie Rhythmiker und Ballettpädagoge. Er studierte in Genf und Paris und lehrte 1892–1910 am Conservatoire de Musique de Genève. Er entwickelte noch in Genf die Methode Jaques-Dalcroze (Oberzaucher-Schüller/Fastl 2023), welche heute als Rhythmik bekannt ist (Kugler 2019). Im Anschluss gründete er die Bildungs-Anstalt Jaques-Dalcroze (auch: Dalcroze-Schule) in Dresden-Hellerau, welche von Songrid Hürtgen-Busch als „Kristallisationsort“ der Rhythmik bezeichnet wird (Hürtgen-Busch 1996:13). In einer Broschüre zu der Bildungsanstalt heißt es:
„Die Bildungsanstalt Jaques-Dalcroze hat den Zweck, musikalische Menschen zu erziehen. Den musikalischen Unterricht will sie nach der Seite der Charakterbildung vertiefen. In der Rhythmischen Gymnastik entwickelt die Methode Jaques-Dalcroze das rhythmische Empfinden. Durch den Rhythmus will sie den Körper und Geist bilden, das Nervensystem stärken, den Willen entwickeln und den Weg zu einer harmonischen Entwicklung der Persönlichkeit frei machen.“ (Bildungsanstalt Jaques-Dalcroze o.J. a:2)
Als Hauptbestandteile der Methode Jaques-Dalcroze lassen sich laut der Broschüre der Bildungsanstalt Gehörbildung, Rhythmische Gymnastik, Harmonielehre und Improvisation ausmachen (Bildungsanstalt Jaques-Dalcroze o.J. a:2, siehe auch Bildungsanstalt Jaques-Dalcroze o.J.:4) - genau die Fächer, die Charlotte Pfeffer später ihrerseits in Berlin unterrichtete. In der Broschüre heißt es weiter:
„Die Methode Jaques-Dalcroze, besonders die Rhythmische Gymnastik, ist Sache persönlicher Erfahrung. Wie sie sich nicht aus Büchern – auch nicht aus den Werken von Jaques-Dalcroze – lernen läßt, so auch nicht in Aufsätzen beschreiben [sic].“ (Bildungsanstalt Jaques-Dalcroze o.J. a:8)
Dieses Zitat kann als ein Verweis auf die Ganzheitlichkeit und Bewegungsintensität der Rhythmik gelesen werden. Charlotte Pfeffer selbst beschreibt Rhythmik wie folgt:
„Als Jaques Dalcroze vor fast 50 Jahren die ersten Anfänge seiner Rhythmischen Gymnastik schuf, war sein Blick ausschließlich auf musikpädagogische Ziele gerichtet. Aber sehr bald, als der Kreis erwachsener Schüler aus allen Ländern wuchs, wurde dem Lehrer wie den Schülern klar, daß die Wechselwirkung von Körperbewegung und Musik den Menschen in seiner Ganzheit erfaßte. Schon damals waren Ärzte und Psychiater überzeugt, daß diese umwälzende pädagogische Idee eine entscheidende Rolle als Vorbeugungs- und Heilfaktor bei Nervenkrankheiten zu spielen bestimmt war. Gerade die medizinische und psychologische Forschung, die den Ganzheitsgedanken vertritt, ist berufen, sich der Rhythmischen Erziehung als eines wesentlichen Behandlungsmittels zu bedienen.“ (Charlotte Pfeffer o.J. a).
Charlotte Pfeffer stellt also zum einen die Verbindung von Musik und Bewegung heraus und beschreibt ein Phänomen, welches heute vermutlich als Ganzheitlichkeit bezeichnet werden würde. Sie weist in ihren Äußerungen im Übrigen in den Bereich der Musiktherapie hinein, sowie auf Transfereffekte hin.
Songrid Hürtgen-Busch hält außerdem fest, dass insbesondere weibliche Personen an den Kursen zur Rhythmischen Gymnastik teilnahmen:
„Wie hier dargelegt werden wird, haben bereits von Anfang an überwiegend Frauen an den Seminaren der Rhythmischen Gymnastik teilgenommen. Wie sie waren vielen Frauen um die Jahrhundertwende auf der Suche nach einem Beruf, der für sie Befreiung, Selbstständigkeit und Unabhängigkeit bedeutete. Einige Frauen machten Rhythmik zum Mittelpunkt ihres Lebens, Rhythmik war ihr Leben. Denn Familie und Beruf zu verbinden, war damals nur wenigen möglich. Wenige wagten den Schritt in die Öffentlichkeit und bereiteten den Boden für einen neuen Frauenberuf.“ (Hürtgen-Busch 1996:12).
Der Beruf der Rhythmikerin scheint insbesondere zur Entstehungszeit der Rhythmik eine Möglichkeit der Berufstätigkeit für diese Frauen gewesen zu sein. Songrid Hürtgen-Buch bezeichnet die Rhythmik als „weiblich“ (Hürtgen-Busch 1996:40). Und es waren in der Tat in der Rhythmik ausgebildete Frauen – neben Charlotte Pfeffer beispielsweise Nina Gorter, Marie Adama von Scheltema oder Elfriede Feudel -, welche Émile Jaques-Dalcrozes Rhythmik unterrichtet und damit verbreitet und bewahrt haben (Hürtgen-Busch 1996).
Forschungsstand
Charlotte Pfeffer hat bereits das Interesse von forschenden Personen auf sich gezogen. Songrid Hürtgen-Busch hat beispielsweise umfangreich zu Charlotte Pfeffer recherchiert und die Ergebnisse in einem Buch zu den Wegbereiterinnen der Rhythmik in der „zweiten Generation“ (Hürtgen-Busch 1996:11) veröffentlicht. Während Songrid Hürtgen-Buschs Buch zahlreiche umfassende und bedeutende Forschungsergebnisse zur Rhythmik und zu einigen Wegbereiterinnen bereithält (neben Charlotte Pfeffer Nina Gorter, Marie Adama von Scheltema und Elfriede Feudel), sind zu manchen Aspekten die Quellen nicht eindeutig herauszulesen und zu überprüfen. Insofern leuchtet es nicht immer ein, warum es an manchen Stellen Ungenauigkeiten zu geben scheint und woher Songrid Hürtgen-Busch ihre Informationen bezieht.
Darüber hinaus sind die Veröffentlichungen zu Charlotte Pfeffer durch Manfred Berger zu nennen. Manfred Berger sammelte insbesondere Archivalien zu Charlotte Pfeffer im Ida-Seele-Archiv (zum Ida-Seele-Archiv: Berger 2013). Sowohl Manfred Berger, als auch Songrid Hürtgen-Busch haben sich aus sozialpädagogischer Perspektive mit Charlotte Pfeffer auseinandergesetzt (Hürtgen-Busch 1996:12).
Charlotte Pfeffer taucht außerdem in Veröffentlichungen rund um die Geschichte der heutigen Universität der Künste Berlin auf, so beispielsweise in einem Band von Antje Kalcher und Dietmar Schenk zu den Lehrenden an den Vorgängerinstitutionen der Universität der Künste Berlin (Kalcher/Schenk 2024).
Keine umfassende Forschung gibt es jedoch bislang zu Charlotte Pfeffers musik- und insbesondere rhythmik- sowie heilpädagogischen Positionen. Songrid Hürtgen-Busch setzt sich zwar mit Charlotte Pfeffers Veröffentlichungen auseinander, ohne diese jedoch systematisch zu untersuchen. Ein umfassendes und/oder kommentiertes Werkverzeichnis von Charlotte Pfeffer wurde bislang nicht vorgelegt.
Insbesondere Charlotte Pfeffers musikpädagogische Tätigkeit mit Arbeiter*innen ist aus der Perspektive der Sozialen Arbeit aus mehreren Gründen von großem Interesse, denn sie bewegte sich mit ihren Kursen mutmaßlich im Bereich früher Formen ästhetischer und kultureller Praxis und Bildung. Darüber hinaus ist ihre mutmaßliche Verbindung zu Anna von Gierke (1874-1943, Sozialpädagogin, Pionierin der Jugendfürsorge, Reinicke 1998:199) und Alice Salomon (1872-1948, Sozialreformerin, Wegbereiterin der Sozialen Arbeit als Wissenschaft, Gründerin der ersten überkonfessionellen sozialen Frauenschule Deutschlands in Berlin, Maier 1998:507) von Interesse. Verlässliche historische Forschung gibt es hierzu jedoch bislang nicht.
Methodische Anmerkungen
Um Charlotte Pfeffer und ihr musikpädagogisches Handeln beforschen zu können, wurde ausgehend von bestehenden Forschungsergebnissen und Archivbeständen vertiefter recherchiert. Eine Anzahl an schriftlichen Quellen konnte im Ida-Seele-Archiv in Dillingen durch die freundliche Unterstützung des Leiters Manfred Berger gesichtet werden. Dieses Quellenmaterial bildet den Ausgangspunkt dieses Beitrags. Darüber hinaus gibt es im Archiv der Universität der Künste Berlin Akten zu Charlotte Pfeffer: Zum einen zu ihrem eigenen Studium dort, zum anderen zu ihrer beruflichen Tätigkeit zunächst als Lehrbeauftragte, später als Professorin. Im heutigen HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste gibt es kein eigenes Archiv und somit auch keine Akten. Inwieweit es im Dresdner Stadtarchiv Quellen gibt, ist derzeit unklar. Jedenfalls gibt es Jahresberichte der Bildungsanstalt Dresden-Hellerau, die an unterschiedlichen Orten archiviert sind (z.B. Archiv der Universität der Künste Berlin).
Eine Anzahl an Schriften von Charlotte Pfeffer wurden in zeitgenössischen Zeitschriften und Sammelbänden veröffentlicht. Für den vorliegenden Aufsatz fanden insbesondere die im Ida-Seele-Archiv archivierten Schriften Berücksichtigung; teilweise erfolgte ein Rückgriff auf sekundäre Quellen.
Der Kalliope-Verbundkatalog weist keine passenden Treffer aus. International könnte es dennoch eine Anzahl von archivierten Materialien geben: Es existieren offenbar Briefe und andere Materialien bei der Bibliothèque de Genève. Möglicherweise lassen sich auch an Charlotte Pfeffers Wirkungsstätten in Russland sowie in Italien Archivalien finden.
Grundsätzlich wurde zur Auswertung der Materialien das von der Musikwissenschaftlerin Beatrix Borchard beschriebene Verfahren des Lückenschreibens verwendet (z.B. Borchard 2004). Nach Beatrix Borchard werden insbesondere entstehende Lücken nicht zu füllen versucht, sondern als Leerstellen markiert. Es wird außerdem auch der Archivierungs- und Rechercheprozess in den Forschungsverlauf einbezogen (Borchard 2005:32). Die Materialien werden nicht als vollständig betrachtet, sondern als Bruchstücke. Ein Aufsatz des Geschichtswissenschaftlers Arnold Esch verdeutlicht im Übrigen das Spannungsfeld zwischen (zufällig) überlieferten Materialien und der Fülle der Materialien, die es einmal gegeben haben könnte (Esch 1985).
Für die für historische Forschung notwendige umfängliche Quellenbewertung und -kritik wird auf die Darstellung in einem Forschungsprojekt zu Charlotte Pfeffers Zeitgenossin und Kollegin an der Staatlich-akademische Hochschule für Musik zu Berlin Lula Mysz-Gmeiner verwiesen (Maier 2017). Inwieweit sich die beiden Musikerinnen kannten, muss offenbleiben: Es sind derzeit keine Quellen verfügbar, die Hinweise auf eine Bekanntschaft der beiden enthalten. Punktuell werden die verwendeten Quellen im vorliegenden Beitrag kommentiert, um die Herkunft der dargestellten Sachverhalte transparent zu machen.
Im Folgenden werden insbesondere die Begriffe Musikpädagogik/musikpädagogisches Handeln/musikpädagogische Tätigkeit verwendet. Zwar wäre für Charlotte Pfeffers Tätigkeiten der Begriff rhythmisches oder rhythmikpädagogisches Handeln treffender, da allerdings teilweise unterschiedliche Begriffe und Kontextualisierungen verwendet werden und wurden, fällt die Vereinheitlichung schwer. Um der Begriffsvielfalt abzuhelfen und um eine potentielle Abstrahierung zu erleichtern, werden Charlotte Pfeffers pädagogische Handlungsfelder unter den Begriff musikpädagogisches Handeln subsumiert.
Teilweise wurden auch andere Begrifflichkeiten im Lauf des Texts zur besseren Übersichtlichkeit vereinheitlicht. Bei dem Begriff Kinder mit Beeinträchtigungen handelt es sich beispielsweise um einen im Verlauf des Beitrags zur besseren Verständlichkeit durchgängig verwendete Anachronismus, genau wie bei Soziale Arbeit oder Kulturelle Bildung.
Bei dem Begriff Kinder mit Beeinträchtigungen handelt es sich außerdem um einen Sammelbegriff, der eine Vielzahl unterschiedlicher Beeinträchtigungen zusammenfasst (z.B. geistige Beeinträchtigung, körperlich-motorische Beeinträchtigungen, Sehbeeinträchtigungen, Hörbeeinträchtigungen und vieles mehr). Charlotte Pfeffer scheint mit unterschiedlichen Kindern tätig gewesen zu sein, eine Differenzierung wird allerdings im Verlauf des Textes nicht vorgenommen.
Charlotte Pfeffer: Biographische Eckdaten
Abbildung 2: Charlotte Pfeffer, o.J., Ida-Seele-Archiv.
Charlotte Anna Pfeffer kam am 29.10.1881 in Berlin auf die Welt (Personalblatt Charlotte Pfeffer und Berger 1994). Sie wurde in eine bürgerliche Familie hineingeboren und erhielt dem zeitgenössischen Bildungsideal und Frauenbild entsprechend Ballett- und Musikunterricht (Berger 1994). Sie besuchte die Höhere Töchterschule (Berger 1994)und erhielt damit auch eine den damaligen Standards für Mädchen entsprechende Bildung. Einige Zeit nach der Beendigung des Schulbesuches nahm sie offenbar gegen den Willen ihrer Eltern ein Musik- und Gesangsstudium an der Königlich Akademischen Hochschule für Musik in Berlin auf (Berger 1994). Eingeschrieben war sie ab dem Sommersemester 1905 bis zum Wintersemester 1907/08 (Schülerlisten WS 1898/90 bis SS 1923 Teil 2). Sie studierte Gesang bei Meta Lippold und schloss ab mit der Reifeprüfung (Jahresbericht für den Zeitraum vom 1. Oktober 1907 bis zum 30. September 1908, Akademische Hochschule für Musik Schülerlisten WS 1898/90 bis SS 1923 Teil 2, Berger 1994). Die genauen Umstände wie Finanzierung, Wohnsituation, (kurze) Studiendauer, Studienverlauf und Verhältnis zu den Eltern, sind derzeit nicht zu klären. Genauere Informationen zu diesem Lebensabschnitt Charlotte Pfeffers sind möglicherweise über das Archiv der Universität der Künste in Berlin erhältlich, welches allerdings derzeit wegen Umbaumaßnahmen geschlossen ist.
Songrid Hürtgen-Busch erklärt, Charlotte Pfeffer sei durch Herrmann Kretzschmar mit der Methode Jaques-Dalcroze in Kontakt gekommen (Hürtgen-Busch 1996:179). Offenbar im Anschluss an ihren Studienabschluss reiste Charlotte Pfeffer nach Genf, um bei Émile Jaques-Dalcroze persönlich zu lernen (Berger 1994). Warum sie keine sängerisch-künstlerische Laufbahn anstrebte oder einschlug und wie genau sich ihre Orientierung nach Genf gestaltete, bleibt derzeit offen.
Émile Jaques-Dalcroze war Anfang des 20. Jahrhunderts Lehrer für Harmonielehre und Solfège am Conservatoire de Musique de Genève (Sauer 2025). Ab 1906 hatte er in Genf begonnen, ‚Ferienkurse‘ durchzuführen (Hürtgen-Busch 1996:32). 1907 und 1908 gab es außerdem ‚Normalkurse‘ (Hürtgen-Busch 1996:32). Im Archiv des Conservatoire de Musique de Genève sind keine Informationen über ein Unterrichtsverhältnis zwischen Charlotte Pfeffer und Émile Jaques-Dalcroze zu finden, sodass vermutet werden kann, dass Charlotte Pfeffer privaten Unterricht bei ihm nahm. Wahrscheinlich war Charlotte Pfeffer insbesondere an Émile Jaques-Dalcrozes eigener Methode interessiert, sodass sie aus diesem Grund nicht erneut ein Studium an einem Konservatorium auf sich nehmen wollte.
1909-1910 war Charlotte Pfeffer nach ihren eigenen Angaben als Gesangslehrerin am städtischen Uhlandlyzeum in Schöneburg tätig (Pfeffer Bestand, Nr. 1, 2690). Bei Émile Jaques-Dalcrozes Schulneugründung in Hellerau bei Dresden schloss sich Charlotte Pfeffer ihm an. Émile Jaques-Dalcroze wählte Charlotte Pfeffer offenbar um 1911 als Hilfslehrerin für Rhythmische Gymnastik (in den Kinderklassen) aus, um an der neu gegründeten Hellerauer Institution in den Ausbildungskursen zu unterrichten (Berger 1994, Hürtgen-Busch 1996:41). 1912 legte Charlotte Pfeffer dann wohl ihr „Diplomexamen“ - ein Abschluss für das Unterrichten der Methode Jaques-Dalcroze - in Hellerau ab (Hürtgen-Busch 1996:179). Im gleichen Jahr wurden Zweiganstalten der Bildungsanstalt in St. Petersburg und Moskau gegründet. Charlotte Pfeffer übernahm die dortige Leitung (Bildungsanstalt Jaques-Dalcroze o.J.:4, Pfeffer Bestand, Nr. 1, 2633, siehe auch Abbildung 2) und unterrichtete auch selbst (Berger 1994). Sie verbrachte zwei Jahre im Ausland (Pfeffer Bestand, Nr. 1, 2690).
Abbildung 3: Bildungsanstalt Jaques-Dalcroze (o.J.), Hauptanstalt Hellerau bei Dresden, Leipzig, S. 4, Pfeffer Bestand, Nr. 1, 2633, Archiv der Universität der Künste Berlin.
Ab 1915 übernahm Charlotte Pfeffer den Unterricht in den Fächern rhythmische Gymnastik, Gehörbildung und Improvisation an der Königlich Akademischen Hochschule für Musik in Berlin. Ab dem Jahresbericht 1918-1919 wird Charlotte Pfeffer für das Fach Gehörbildung aufgeführt (Jahresbericht für den Zeitraum vom 1. Oktober 1918 bis zum 30. September 1919:3). Ab dem Jahresbericht 1920-1921 wird sie der Abteilung Komposition und Theorie zugeordnet und taucht dort wieder mit den Fächern Gehörbildung und Rhythmische Gymnastik auf (Jahresbericht für den Zeitraum vom 1. Oktober 1920 bis zum 30. September 1921), 1924/25 wird sie dann mit einem Professor*innentitel aufgeführt (Jahresbericht für den Zeitraum vom 1. Oktober 1924 bis zum 30. September 1925:3). Charlotte Pfeffer war zunächst der Abteilung für Gesang zugeordnet, ab 1918 der Abteilung Komposition und Theorie mit dem Fach Gehörbildung (Jahresbericht für den Zeitraum vom 1. Oktober 1914 bis zum 30. September 1915:3, Jahresbericht für den Zeitraum vom 1. Oktober 1918 bis zum 30. September 1919:3) und ab 1920-1921 wieder mit den Fächern Gehörbildung und Rhythmische Gymnastik (Jahresbericht für den Zeitraum vom 1. Oktober 1920 bis zum 30. September 1921:3).
1924/25 wird Charlotte Pfeffer in den Jahresberichten der Königlich akademischen Hochschule für Musik in Berlin mit einem Professor*innentitel aufgeführt (Jahresbericht für den Zeitraum vom 1. Oktober 1924 bis zum 30. September 1925:3); sie erhielt eine Professur für Rhythmische Erziehung. Offenbar gab es unter den Kolleg*innen und Verantwortlichen an der Hochschule unterschiedliche Perspektiven auf Rhythmik als (Hochschul-)Fach (Hürtgen-Busch 1996:188, 189, Kalcher/Schenk 2024:159 ff). Im Archiv der Universität der Künste Berlin sind insbesondere Dokumente zu einer befristeten Teilzeit-Professur für Rhythmische Erziehung (teilweise auch: Lehrerin für körperliche Ausbildung) an der 1925 neu gegründeten Staatlichen Schauspielschule der StaatlichenHochschule für Musik Berlin archiviert (Vereinbarungen mit den nicht-vollbeschäftigen außerordentlichen Lehrkräften der Staatlichen Schauspielschule, Pfeffer, Bestand Nr. 1, Nr. 2634). Für die Musikabteilung sind offenbar keine detaillierten Akten verfügbar. Im Jahresbericht 1925-27 wird Charlotte Pfeffer zusätzlich als Professorin im Seminar für Musikerziehung aufgeführt (Jahresbericht für den Zeitraum vom 1. Oktober 1925 bis zum 30. September 1927:33). Auch dieses Seminar war erst im Jahr 1925 neu eingerichtet worden (Hürtgen-Busch 1996:197). 1926 schied Charlotte Pfeffer wieder aus der Schauspielschule aus. Aufgrund der Quellenlagen bleibt die genaue Ausgestaltung von Charlotte Pfeffers Professur derzeit noch unklar.
Bemerkenswert ist im Zusammenhang mit Charlotte Pfeffers Professur ihr Geschlecht: Antje Kalcher und Dietmar Schenk führen in ihrer Veröffentlichung zu den Lehrenden an den Vorgängerinstitutionen der Universität der Künste Berlin in der Rubrik Vorlesungen und Übungen insgesamt 30 Personen auf. Nur eine davon – Charlotte Pfeffer selbst – ist als weibliche Person zu identifizieren (Kalcher/Schenk 2024:188 ff). Welche Bedingungen und Umstände es ihr im Vergleich zu vielen anderen weiblichen Personen ermöglichten, eine Professur zu erhalten, bleibt derzeit ebenfalls noch offen.
1933 schied Charlotte Pfeffer gleichzeitig mit anderen „vollbeschäftigen Lehrkräfte[n]“ (Jahresbericht für den Zeitraum vom 1. Oktober 1925 bis zum 30. September 1927:8) aus, Dietmar Schenk zufolge wurde sie aufgrund ihrer Verbindung zu dem jüdischen Musikpädagogikreformer und Pianisten Leo Kestenberg und ihrer eigenen jüdischen Religionszugehörigkeit entlassen (Schenk 2004:160).
Neben Charlotte Pfeffers Lehrtätigkeit an der Hochschule, war sie auch in weiteren Institutionen musikpädagogisch tätig. 1921/22 gab sie offenbar Rhythmik-Kurse für Arbeiter*innen und junge berufstätige Mädchen im Rahmen der Volkshochschule Berlin (Hürtgen-Busch 1996:191). Über Charlotte Pfeffers Beweggründe für diese Kurse lässt sich nur mutmaßen. Vermutlich waren die der Methode Jaques-Dalcroze zugerechneten positiven Wirkweisen dafür ursächlich: Die Methode Jaques-Dalcroze sollte bildend für Körper und Geist wirken, stärkend auf das Nervensystem wirken, den Willen entwickeln können und eine harmonische Persönlichkeitsentwicklung fördern (Bildungsanstalt Jaques-Dalcroze o.J. a:2).
Charlotte Pfeffer war außerdem an Kindergärtnerinnen- und Hortnerinnenseminaren im Sozialpädagogischen Seminar des Vereins Jugendheim e.V. Charlottenburg (gegründet durch die bereits erwähnte Anna von Gierke) und im Pestalozzi-Fröbelhaus (detaillierter zum Pestalozzi-Fröbel Haus: Berger 2019) tätig (Hürtgen-Busch 1996:191). In diesen Einrichtungen bewegte sich Charlotte Pfeffer mutmaßlich fernab von musikpädagogischen Zielsetzungen und Kontexten im Bereich der (späteren) ästhetischen Praxis und Kulturellen Bildung und somit im Kontext der (späteren) Sozialen Arbeit.
Charlotte Pfeffer emigrierte im gleichen Jahr nach Italien, wo sie sich zunächst in Neapel und dann in Rom aufhielt (u.a. Schenk 2004:160). Quellen zu ihrer pädagogischen Tätigkeit dort existieren in Form einiger kurzer berichtartiger, erzählender Absätze in Charlotte Pfeffers Schriften. Spätestens in Italien entwickelte sie theoretischen Ansätze zur Arbeit mit Kindern mit Beeinträchtigungen, insbesondere ihre Heilpädagogische Rhythmik und Psychomotorische Heilerziehung (Berger 1994).
Im Anschluss an den Zweiten Weltkrieg entschied sich Charlotte Pfeffer zur Rückkehr nach Deutschland (Berger 1994). 1946 arbeitete sie als Rhythmiklehrerin an einer Hilfsschule – vermutlich im heutigen Sprachgebrauch eine Förderschule - in Berlin und unterrichtete dann wieder als Professorin (Hürtgen-Busch 1996:181).
1955 zog Charlotte Pfeffer nach Freiburg im Breisgau (Berger 1994). Auch hier war sie weiterhin mittlerweile 74-jähig als Rhythmikerin tätig; sie gab Rhythmikunterricht für Kinder und leitete Fortbildungskurse (Berger 1994). Teilweise war sie offenbar ehrenamtlich tätig, so beispielsweise gegen Unterkunft und Verpflegung in einem Caritas Kinderdorf mit schwerstmehrfachbeeinträchtigten Kindern. Die Kinder nannten sie offenbar „Tante Ima“.
Immer wieder wirkte Charlotte Pfeffer bei öffentlichen Rhythmik-Vorführungen mit (Hürten-Busch 1996:190). Wie diese gestaltet waren und inwiefern hierbei die Kinder mit Beeinträchtigungen ebenfalls teilnehmen durften, ist unklar. Parallel zu ihrer umfänglichen praktisch-musikalischen Arbeit insbesondere mit Kindern mit Beeinträchtigungen veröffentlichte Charlotte Pfeffer theoretische Betrachtungen (z.B. „Psychomotorik der Blinden“, „Bewegung aller Erziehung Anfang“, „Musik- und Turnunterricht in Mädchenschulen; ihre Berührungspunkte und Widersprüche“). 1970 verstarb Charlotte Pfeffer in Freiburg (Berger 1994).
Charlotte Pfeffers Tätigkeitsfelder: Ausgewählte Aspekte
Grundsätzliche Überlegungen zu Charlotte Pfeffers Tätigkeitsfeldern
Als Charlotte Pfeffers zentrales Tätigkeitsfeld darf wohl ihr praktisches pädagogisches Handeln betrachtet werden. Genau darum machte sich Charlotte Pfeffer verdient: Ihre musikalisch-praktische Arbeit vor allem mit Kindern mit Beeinträchtigungen wird in allen über sie verfassten Texten beschrieben. Bei einer Untersuchung der zugrunde liegenden Quellen wird allerdings deutlich, dass den Texten der Entstehungszeit entsprechend keine eigene Recherche- oder Forschungsarbeit vorausgegangen ist, sondern dass sie sich in der Regel auf Charlotte Pfeffers eigenen Texte beziehen. Charlotte Pfeffer beschreibt die Tätigkeit mit Kindern mit Beeinträchtigungen in der Tat in mehreren ihrer Texte. Ihren Beschreibungen liegen allerdings wie damals in der Regel üblich keine stützenden Quellen (und auch bislang keine vertiefendere Forschung) zugrunde und es ist wohl vor allem ihre eigene Erinnerung für die Schilderungen maßgeblich.
Charlotte Pfeffer: Streiflichter auf Charlotte Pfeffers pädagogische Haltung
Zu Charlotte Pfeffers praktischer musikpädagogischer Arbeit lassen sich aus den genannten Gründen kaum Aussagen treffen. Ein Lehrgangsbericht lässt ihr Vorgehen bei pädagogischen Handlungen erahnen. Im Bericht über einen Staatlichen Lehrgang für Musiklehrer an Kindergärtnerinnen-Seminaren im Jahr 1930 in Berlin schreibt Max Galle:
„Ein großer Teil der Übungen [, die Charlotte Pfeffer im Rahmen des Lehrgangs vorstellte, Anmerkung R.L.] war äußerst geschickt als Spiel in Verbindung mit kleinen Erzählungen, mit Erscheinungen aus dem Leben zusammengestellt, so daß dadurch eine Reihe von Anregungen gegeben wurde, wie solche Übungen an das Kind herangebracht werden sollten.“ (Galle 1930)
Charlotte Pfeffer scheint also spielerisch gearbeitet zu haben und könnte so die Kinder zum Mitmachen motiviert haben. Insbesondere die Frage, wie Charlotte Pfeffer mit sprachlichen Herausforderungen in Russland und Italien umging, bleibt offen: Es gibt derzeit keine Quellen, die darauf hinweisen, dass Charlotte Pfeffer eine oder beide Sprachen fließend sprechen konnte. Ob sie auf non-verbaler Ebene kommunizierte oder auf eine dolmetschende Person zurückgriff oder sich die Sprachen tatsächlich kurzfristig aneignete, bleibt somit ungeklärt.
Songrid Hürtgen-Busch hielt fest, dass für Charlotte Pfeffer die „Erziehung des Kindes durch Kunst“ (Hürtgen-Busch 1996:108) zentrales Anliegen gewesen sei. Charlotte Pfeffer lässt sich außerdem in der reformpädagogischen Tradition einer „Erziehung vom Kind“ (Hürtgen-Busch 1996:184) aus verorten.
Charlotte Pfeffer hat parallel zu ihrer pädagogischen Tätigkeit eine Anzahl an Schriften vorgelegt. Songrid Hürtgen-Busch listet 46 veröffentlichte Publikationen durch Charlotte Pfeffer in ihrem Literaturverzeichnis auf. 18 davon erschienen in der Reihe „Lobpreisung der Musik“, der „Hauszeitung der Schweizer Rhythmikerin und Heilpädagogin Mimi Scheiblauer“ (Hürtgen-Busch 1996:181). Die übrigen Veröffentlichungen erschienen zumeist ebenfalls in rhythmikbezogenen Kontexten. Eine Aufsatzsammlung ist im Sämann-Verlag erschienen: Charlotte Pfeffer (1958): Bewegung aller Erziehung Anfang. Der Sämann-Verlag wurde 1942 durch Charlotte Pfeffers Rhythmik-Kollegin Mimi Scheiblauer gegründet und geleitet. Mimi Scheiblauer war genau wie Charlotte Pfeffer insbesondere mit Kindern mit Beeinträchtigungen tätig (zu Mimi Scheiblauer). Eine Untersuchung der (beruflichen) Beziehung der beiden Frauen und insbesondere eine Gegenüberstellung der Tätigkeitsfelder der beiden Rhythmikerinnen steht noch aus.
Bei der Veröffentlichungsfülle von Charlotte Pfeffer handelt es sich um einen Glücksfall für die historische Forschung: Eine große Anzahl an künstlerisch und künstlerisch-pädagogisch tätigen – und insbesondere weiblichen - Personen hat keine Fachpublikationen verfasst und veröffentlicht. Charlotte Pfeffer publizierte zu ihren pädagogischen Ansätzen, sowie zu weiteren Themenfeldern (z.B. „Psychomotorik der Blinden“, „Bewegung ist aller Erziehung Anfang“, „Musik- und Turnunterricht in Mädchenschulen; ihre Berührungspunkte und Widersprüche“).
Sie veröffentlicht insbesondere auch im Feld der Heilpädagogik – und damit im weitesten Sinn auch im Feld der heutigen Sozialen Arbeit, die zweifelsfrei starke Bezüge zur Heilpädagogik aufweist. Charlotte Pfeffers Schriften lassen sich in ihrer inhaltlichen Ausrichtung nicht trennscharf voneinander abgrenzen. Ihre Positionierungen erscheinen besonders vor dem Hintergrund interessant, dass sie in ihrer berufsqualifizierenden Ausbildung wie damals üblich keine explizit pädagogischen Kurse belegt zu haben scheint. Sie hat sich also offenbar selbstständig in diesem Bereich weitergebildet und sich ihre Positionen selbst erarbeitet.
Teilweise lesen sich Charlotte Pfeffers Formulierungen in ihren Veröffentlichungen im heutigen (sozial-)pädagogischen Verständnis befremdlich. Ihre Formulierungen lassen insgesamt auf eine zeitspezifische, medizinisch-pathologische Perspektive schließen. Sie setzt sich außerdem mit zentralen Begriffen der Pädagogik auseinander und positioniert sich zu Bildung, Erziehung und Pädagogik.
Charlotte Pfeffer beschreibt verschiedene Bildungsmöglichkeiten, die heute als äquivalent zu formaler und materialer Bildung gesehen werden können. Sie beschreibt außerdem eine Allgemeinbildung jenseits der Schulbildung und eine Bildung, die als empathischer Umgang mit anderen Menschen betrachtet werden kann (Pfeffer 1967). Eine sogenannte „Dressur“ (Pfeffer 1967) stellt Charlotte Pfeffer als negativ dar.
Wie schon im Vorangegangenen anklang, war neben dem Spiel Erziehung für Charlotte Pfeffer ein zentraler Aspekt. Sie formuliert außerdem die Möglichkeit, verschiedene Sinneswahrnehmungen in musikpädagogisches Handeln einzubeziehen:
„So entstehen in einem einzigen Spiel verschiedene Elemente der Erziehung zum Schauen und Horchen, zum Erleben des Raumes, in welchem man sich bewegt und zum Zusammengehörigkeitsgefühl.“ (Pfeffer o.J. b:4) „Gerade diese selbstständige Lösung dieser ‚Probleme‘ ist der erziehliche [sic!] Faktor bei diesem Spiel, das zu den beliebtesten gehört, weil die eigene Entscheidung zur Bewältigung von Schwierigkeiten und damit zur Ermöglichung von selbstständigen Leistungen führt.“ (Pfeffer o.J. b:4)
Durch das (musikalisch-rhythmische) Spiel also fand nach Charlotte Pfeffer Erziehung statt. Diese allerdings sah Charlotte Pfeffer eher als indirekte Erziehung, wie das folgende Zitat verdeutlicht:
„Viele Worte in unserem deutschen Sprachgebrauch könnten viel mehr aussagen und würden nicht so abgenutzt und bedeutungsarm werden, wenn wir mehr über sie nachdenken würden. Ist das Wort Erziehung etwa ein schönes, sinnvolles Wort? Sollten wir wirklich ein Kind ‚ziehen‘ zu seinem Ziel, das uns vorschwebt, das aber vielleicht gar nicht auf dem natürlichen Werdegang dieses Kindes liegt? Ziehen mit dem Hintergedanken ‚und folgst du nicht willig, so brauch ich Gewalt‘! Ist nicht sehr viel sinnvoller das in den romanischen Sprachen gebräuchliche educare, führen, das dem griechischen ‚Pädagogik‘ entspricht? Ein Pädagoge, ein Führer des Kindes, schließt ja auch die Möglichkeit ein, ein Kind nicht nach unserem Ziele, sondern nach dem in der Veranlagung des Kindes gesetzten Ziel hinzuführen.“ (Pfeffer o.J. c:5-6)
Auch diese Positionierungen weisen auf reformpädagogische Konzepte hin und lassen außerdem insofern Parallelen zum heutigen Begriff der Kulturellen Bildung zu, als Charlotte Pfeffer offenbar (Selbst-)bildung und Ressourcenorientierung hin zu den Kindern möglichen Zielen in den Mittelpunkt rückte. Sie grenzte sich an vielen Stellen insbesondere von einer stark angeleiteten und von der Erwartungshaltung der lehrenden Person geprägten Haltung ab, indem sie beispielsweise betonte, dass im Kontext mit Kindern mit Beeinträchtigungen „das Leistungsprinzip vergessen“ werden dürfe „und sich zunächst mit dem zufriedenzugeben, was ihm vom Kinde gebracht wird.“ (Pfeffer 1957 zitiert nach Berger 1994)
Aus Charlotte Pfeffers Veröffentlichungen lässt sich außerdem Prozessorientierung herauslesen, die Charlotte Pfeffer auch von Songrid Hürtgen-Busch zugeschrieben wird (dort als „‘ Prozeßorientiertheit‘ “, Hürtgen-Busch 1996:213) und heute insbesondere in der Elementaren Musikpädagogik und im Bereich Musik in der Sozialen Arbeit üblich ist.
Zu Charlotte Pfeffers heilpädagogischer Tätigkeit
Charlotte Pfeffer war also auch und insbesondere mit Kindern mit Beeinträchtigungen musikpädagogisch tätig. Sie verortete sich unter anderem im Feld der Heilpädagogik. Gleichwohl hatte sie keine heilpädagogische Ausbildung oder ein heilpädagogisches Studium absolvieren können. Der Begriff Heilpädagogik wurde 1861 von Jan Daniel Georgens und Heinrich Marianus Deinhardt eingeführt (Eder-Georg/Speta 2018 und Selbmann 1982:40). Im Rahmen von Jan Daniel Georgens Überlegungen zu einer Geistigbehindertenpädagogik und heilpädagogischen Grundlegung spielten Gymnastik, Gesang und Zeichnen im Übrigen auch eine Rolle (Selbmann 1982: 100, 130, 132). Bereits 1856 war bei Wien die Heilpflege- und Erziehungsanstalt Levana eröffnet worden, wo Beschäftigung, Spiel und Gymnastik zentrale Bedeutung erlangten. Offenbar lebten und arbeiteten Ärzt*innen, Lehrer*innen, Künstler*nnen und Erzieher*innen dort, sodass möglicherweise auch dort musiziert wurde (Selbmann 1982:36). Die erste heilpädagogische Professur in Europa aber wurde erst 1931 durch Heinrich Hanselmann (1885-1960) an der Universität Zürich besetzt. Charlotte Pfeffers Zeitgenossin und Kollegin Mimi Scheiblauer stand in engerem Kontakt zu Heinrich Hanselmann und arbeitete mit ihm in Zürich zusammen (Späni 2011). Zu dieser Zeit war Charlotte Pfeffer bereits 50 Jahre alt und stand mitten im (Berufs-)Leben. Songrid Hürtgen-Busch geht davon aus, dass Charlotte Pfeffer neben Mimi Scheiblauer auch mit Heinrich Hanselmann in Kontakt stand (Hürtgen-Busch 1996:215). Manfred Berger schreibt Charlotte Pfeffer die Initiierung einer Heilpädagogischen Rhythmik und Psychomotorischen Heilerziehung zu (Berger 1994:243). Und auch Songrid Hürtgen-Busch konstatiert, dass Charlotte Pfeffer führend auf dem Gebiet der Heilpädagogischen Rhythmik war und ihre deutschen Kolleginnen im Übrigen dieses Gebiet befremdet wahrnahmen (Hürtgen-Busch 1996:182). Konkrete Gründe für das Befremden nennt Songrid Hürtgen-Busch nicht, sie stellt lediglich fest, dass es scheint, als sei Charlotte Pfeffer stigmatisiert (Hürtgen-Busch 1996:182). Bislang gibt es keine Studien zu musikpädagogischem Handeln mit oder musikalisch-künstlerischem Handeln von Kindern mit Beeinträchtigung im 19. oder in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, sodass weder eine Kontextualisierung, noch eine Gegenüberstellung mit anderen Positionen oder anderem musikpädagogischen Handeln vorgenommen werden kann. Aufgrund der Besonderheit und des Alleinstellungsmerkmals von Charlotte Pfeffers Arbeit mit Kindern mit Beeinträchtigung, wird auf diesen Aspekt ihrer Tätigkeit nun ein besonderes Augenmerk gelegt.
In der Tat publizierte Charlotte Pfeffer im Feld der heutigen Heilpädagogik. Sie schrieb in einem Aufsatz von „wir Heilpädagogen“ (Charlotte Pfeffer o.J. b:4). Durch den Begriff des „heilens“ wird ihre Nähe zur Medizin deutlich (Hänsel 2024:31).
Charlotte Pfeffer beschreibt ihren vermutlich ersten Kontakt mit einem Kind mit Beeinträchtigungen wie folgt:
„Vor drei Jahrzehnten übernahm ich als Praktikantin der Dalcrozeschen Rhythmik in Dresden meine erste Kinderklasse. In dem Dutzend fröhlicher Kinder fiel ein kleines Mädchen auf, das mit ausdruckslosem Gesicht und tappenden Schritten den Kreis der anderen verliess und in der Mitte des Saals einsam um sich selbst marschierte. Nie werde ich das schmerzhafte Erschrecken vergessen, mit dem ich erkennen musste, dass hier ein anormales Kind in die Schar der frischen, gesunden Kinder geraten war. Die Mutter bat mich inständig, die Kleine nicht zurückzuweisen, sie liebe sehr die Musik und werde ganz gewiss nicht stören. Nach kurzer Zeit hatten wir alle uns an die seltsame Mitschülerin gewöhnt, um so mehr als sie offenbare Fortschritte machte durch ihre Einfügung in das Klassenganze, durch Disziplinierung ihrer Bewegung mit Hilfe der Musik und durch die Anforderungen, die an Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Nachahmung, Erfindung usw. gestellt wurden. Auch im Privatunterricht mit einer erfahrenden Pädagogin wurde eine offensichtliche Entwicklung des Auffassungsvermögens, der Begriffsbildung sowie der Sprache und des Schreibens festgestellt.“ (Pfeffer 1941:26 zitiert nach Berger o.J.)
Die Begebenheit muss sich um 1910 zugetragen haben, wenn Charlotte Pfeffers Erinnerung als zutreffend anzusehen ist. Anhand des Zitats lässt sich der zeitgenössische Blick auf Kinder mit Abweichungen von der Norm erkennen („anormal“, „merkwürdig“). Welche Beeinträchtigung das Kind hatte, lässt sich hingegen aus dem Text nicht herauslesen. Die Mutter des Kindes war offenbar bestrebt, ihr Kind in einer Kindermusikgruppe unterzubringen. Inwieweit diese Bestrebungen im zeitgenössischen Geschehen als angemessen oder aber als sehr innovativ anzusehen sind, kann derzeit nicht geklärt werden. Charlotte Pfeffer stimmte jedenfalls der Aufnahme des Kindes zu und berichtete außerdem überzeugt von den Transfereffekten, die sie an dem Kind beobachtet. Auch diese Ereignisfolge lässt sich aufgrund fehlender weiterer Informationen nicht in den zeitgenössischen Kontext einordnen.
In ihrer Zeit in Russland arbeitete Charlotte Pfeffer offenbar ebenfalls mit Kindern mit Beeinträchtigungen, insbesondere mit Vladimir Bechterew an seinem Neurophysiologischen Institut (Hürtgen-Busch 1996:184). Songrid Hürtgen-Busch zufolge war Vladimir Bechterew für Charlotte Pfeffers heilpädagogische Orientierung eine zentrale Leitfigur (Hürtgen-Busch 1996:184).
Charlotte Pfeffer richtete sich im Übrigen auch mit ihren Texten an Heilpädagog*innen:
„Will ein Heilpädagoge mit solchen Grundbegriffen der Psychomotorik arbeiten, so muß er vor allem das Leistungsprinzip vergessen und sich zunächst mit dem zufriedengeben, was ihm vom Kinde gebracht wird. Das klingt sehr bedenklich in den Ohren des zukünftigen Lehrers, dessen Daseinszweck ja eben die größtmögliche Steigerung der Leistung, d.h. nach Vervollkommung [sic!] einer von ihm selbst entdeckten Fähigkeit. Dieses geradezu ‚autogene‘ Training ist eine Kraft mit der der Heilerzieher in den weitaus meisten Fällen rechnen kann, ohne sie von außen her anders zu beeinflussen, als indem er ihr die Gelegenheit darbietet, an denen sie sich entwickeln kann. Also nicht das von außen her Lehren, sondern das von innen her Entwickeln ist die Aufgabe des Heilpädagogen. Wir lehren immer noch zuviel; das ist eine üble Angewohnheit aus Jahrhunderten mißverstandener Erziehung; wir erziehen das Kind, statt es geduldig kommen zu lassen.“ (Pfeffer 1957 zitiert nach Berger 1994)
Aus dem Text kann eine den Kindern sehr zugewandte Haltung herausgelesen werden. Charlotte Pfeffer vertrat außerdem die Ansicht, dass ein individueller Ansatz in der Arbeit mit Kindern mit Beeinträchtigungen zentral sei:
„Es soll aber auch darauf hingewiesen werden, daß es mißlich ist, sich heilpädagogischen Methoden und Systemen anzuvertrauen, die eine möglichst allgemeingültige Form der Therapie prägen und verbreiten wollen. So viele Tausende von armen geschädigten Kindern es in der Welt von heute gibt, so viele Wege müssen gesucht und gefunden werden, um zu ihnen zu gelangen, denn sie sind meist sehr schwer zu erreichen in ihrer Absonderlichkeit.“ (Pfeffer o.J. b:4).
Songrid Hürtgen-Busch notiert weiter zu Charlotte Pfeffers heilpädagogischem Handeln:
„Konsequent folgte sie dem Grundsatz, von der Individualität und den Befindlichkeiten der SchülerInnen auszugehen, und wählte nach Bedarf aus der Palette der ihr bekannten Methoden aus (Mensendieck, Bode): Die ‚Methode Jaques-Dalcroze‘ genügte nicht für die Körperbildung, zur Vorbereitung dienten Übungen anderer Bewegungssysteme.“ (Hürtgen-Busch 1996:200).
In demselben Aufsatz beschreibt Charlotte Pfeffer außerdem die Notwendigkeit der schrittweisen Annäherung an verschiedene Sinneserfahrungen und bewegt sich damit aus heutiger Sicht auch im Bereich der ästhetischen Bildung (Pfeffer o.J. b:4), bei der die sinnliche, leibliche Erfahrung im Zentrum der Bildungsprozesse steht.
Aus Charlotte Pfeffers Schriften geht insgesamt hervor, dass sie mit einer großen Anzahl an Kindern tätig war. Es geht außerdem insgesamt ein spielerischer, wenig autoritärer Ansatz hervor sowie ein individueller Ansatz: Charlotte Pfeffer blickte offenbar differenziert auf die individuelle Disposition jedes einzelnen Kindes.
Charlotte Pfeffer im Kontext Kulturelle Bildung und Soziale Arbeit
Zur Zeit der Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert gab es weder den Begriff Kulturelle Bildung, noch den Begriff der Sozialen Arbeit. Kulturelle Bildung als Begriff gibt es laut Vanessa-Isabelle Reinwand-Weiss seit Ende der 1960er Jahre (siehe Vanessa-Isabelle Reinwand-Weiss (2013 / 2012): Künstlerische Bildung – Ästhetische Bildung – Kulturelle Bildung). Die Professionalisierung Sozialer Arbeit in Deutschland erfolgte Anfang des 20. Jahrhunderts mit der Gründung verschiedener Fachschulen. Soziale Arbeit als Begriff hingegen etablierte sich erst ab den 1980er Jahren als Zusammenfassung der beiden historischen Stränge Sozialpädagogik und Sozialarbeit (Amthor 2015). Insbesondere bei Personen, deren Schaffen vor dieser Zeit datiert, ist somit die Einordnung und Eingrenzung grundsätzlich schwierig.
Trotz oder vielleicht gerade aufgrund der noch nicht etablierten Begrifflichkeiten kann Charlotte Pfeffer dennoch als ein historisches Beispiel für die Schnittstelle zwischen Sozialer Arbeit und Kultureller Bildung gelten: Sie lässt sich als Rhythmikerin und Rhythmikpädagogin aus einer heutigen Perspektive heraus im Kontext der Kulturellen Bildung, Sparte Musik, zuordnen. Hierfür spricht auch und insbesondere Charlotte Pfeffers reformpädagogischer Ansatz, geprägt von einer spielerischen und kindzentrierten Herangehensweise und der Offenheit, mit der sie offenbar den Kindern begegnete.
Charlotte Pfeffer lässt sich außerdem (rückblickend) im Feld der Sozialen Arbeit verorten. Insbesondere Songrid Hürtgen-Buschs Veröffentlichung spricht hierfür: Sie konstatiert, dass es mündliche Berichte gäbe, nach denen Charlotte Pfeffer auch Alice Salomon kannte und zu einem Kreis jüdischer Kindergärtnerinnen, Seminar-Ausbilderinnen und Sozialarbeiterinnen gehört habe (Hürtgen-Busch 1996:191). Aufgrund fehlender Quellenangaben lassen sich diese Aussagen allerdings nicht überprüfen.
Darüber hinaus lässt sich Charlotte Pfeffer auch durch ihre Arbeit mit Kindern mit Beeinträchtigung dem Feld der Sozialen Arbeit zuordnen. Zwar handelt es sich bei der Heilpädagogik grundsätzlich um eine eigenständige Disziplin. Gleichwohl aber findet die Arbeit mit Menschen mit Beeinträchtigung auch in den Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit ihren Platz, eine Anzahl an Publikationen belegt dies (z.B. Röh 2018, Loeken/Windisch 2013). Darüber hinaus lässt sich grundsätzlich feststellen: Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession setzt sich für die Wahrung der Menschenrechte aller Menschen ein – auch der Menschen mit Beeinträchtigungen. Soziale Arbeit beugt außerdem auch für die Gruppe der Menschen mit Beeinträchtigungen potentiellen Benachteiligungen, Marginalisierungen und Diskriminierungen vor. Umgekehrt formuliert sorgt die Soziale Arbeit für die Teilhabe aller Menschen, wofür offenbar auch Charlotte Pfeffer mit ihren Tätigkeitsfeldern sorgte.
Charlotte Pfeffers Bedeutung für beide Felder lässt sich nur erahnen: Zu wenig Studien zu Personen in diesem Zeitraum mit vergleichbaren Tätigkeitfeldern stehen zur Verfügung, sodass (noch) keine Gegenüberstellungen möglich sind. Jedenfalls aber wird am Beispiel von Charlotte Pfeffer deutlich, dass es historische Vorläufer-Positionen zur Schnittstelle von Kultureller Bildung und Sozialer Arbeit gibt und weitere Untersuchungen erkenntnisversprechend sind.
Zusammenfassung und Ausblick
Charlotte Pfeffer kann angesichts ihrer vielfältigen beruflichen Tätigkeiten als ein historisches Beispiel für die Schnittstelle zwischen Sozialer Arbeit und Kultureller Bildung gelten. Als Grenzgängerin zwischen der Rhythmik- und der Heilpädagogik mit einem Fokus auf das Musizieren mit Kindern mit Beeinträchtigung kann in ihr eine Person mit innovativen Tätigkeitsfeldern und Ansätzen gesehen werden. Sie ist gleichzeitig eine Multiplikatorin von Émile Jaques-Dalcrozes Rhythmik, internationale Netzwerkerin, Autorin, Führungsperson und Professorin für ein gerade neu entstandenes Feld. Ihr gesamtes Werk, im Sinne aller praktischen Tätigkeitsfelder und theoretischer Überlegungen, hat einen beachtlichen Umfang.
Aufgrund vieler Aspekte gebührt Charlotte Pfeffer also besondere Beachtung: Charlotte Pfeffer war die einzige Frau aus dem Netzwerk um Émile Jaques-Dalcroze herum, die eine Professur an einer Hochschule erhielt. Auch für den Bereich der Heilpädagogik im Kontext Sozialer Arbeit darf ihre Tätigkeit als innovativ angesehen werden. Insbesondere ist derzeit auch nicht erforscht, wie viele Personen es mit einer musikbezogenen Ausbildung gab, die an der Schnittstelle einer heutigen Kulturellen Bildung und Sozialen Arbeit tätig waren: Maria Offenberg an der Sozialen Frauenschule in Aachen beispielsweise war Sozialpädagogin und keine Musikerin (Gerards 2018:88).
Es nimmt somit Wunder, dass Charlotte Pfeffer bislang in allen Disziplinen von der historischen Forschung nahezu unbeachtet geblieben ist; weder die historische Musik- und/oder Rhythmikpädagogikforschung, noch die historischen Musikwissenschaften oder die historische Heilpädagogikforschung, noch die historische Forschung in der Sozialen Arbeit haben sich bislang mit ihr umfassend beschäftigt.
Womöglich sind jedoch auch gerade Charlotte Pfeffers interdisziplinäre Ansätze ursächlich dafür, dass sich keine Disziplin mit ihr beschäftigt hat: Sie lässt sich keinem Bereich final und unzweifelhaft zuordnen. Ursächlich für die geringe Rezeption von Charlotte Pfeffer sind sicherlich im Übrigen auch Charlotte Pfeffers weibliches Geschlecht und ihre pädagogischen Tätigkeitsfelder: Im Bereich der musikbezogenen Geschichtsschreibungen beispielsweise erfährt pädagogisches Handeln generell weniger Beachtung als beispielsweise künstlerisches Handeln. Und auch künstlerisches Handeln wiederum erfährt weniger Beachtung als kompositorische Schriften.
Der vorliegende Aufsatz hat es sich zur Aufgabe gemacht, Charlotte Pfeffer vorzustellen und ihre Tätigkeitsfelder in den Kontext Kulturelle Bildung und Soziale Arbeit einzuordnen. Zahlreiche Aspekte wurden hierbei skizziert und thematisiert. Zahlreiche weitere Aspekte bleiben jedoch nach wie vor offen und laden zu umfassenderer Forschung ein: Es ist eine vertiefte (internationale) Recherche notwendig, um die in den Schriften enthaltenen Fallbeispiele und Anekdoten besser einordnen zu können. Es sind vergleichende Studien notwendig, damit Charlotte Pfeffers Tätigkeitsfelder eingeordnet werden können. Und es ist eine kriterienbasierte Auswertung aller Schriften von Charlotte Pfeffer notwendig, um ihre pädagogische Haltung nachhaltig und umfassend nachvollziehen zu können. Auf diese Weise ist vermutlich auch eine weitere Einordnung in musikpädagogische, rhythmikpädagogische, musikalisch-künstlerische, reformpädagogische, heilpädagogische und sozialarbeiterische Kontexte möglich.