Eintritt für alle: Der Naumburger Dom und die Kulturlandschaft an Saale und Unstrut
Abstract
Im Kontext des Bewahrens, Forschens und Vermittelns von Kulturerbe ermöglichen die vielfältigen Zugänge sowohl über die Professionen als auch die formale, non-formale und informelle Bildung exzellente Voraussetzungen, um bei möglichst vielen Menschen in der produktiven ebenso wie rezeptiven Auseinandersetzung mit dem (UNESCO-)Kulturerbe Bezüge zu eigenen Interessen herzustellen bzw. diese zu wecken. Zumal: Alle wachsen in Räumen, in Ortschaften, in Landschaften auf. „Man sieht nur, was man weiß“, sinnierte bereits Goethe. Jedoch: Wie kann Wissen generiert werden? Wie kann die Wahrnehmung von – den von Menschen über Jahrhunderten gestalteten – Räumen und Natur vermittelt sowie das Interesse für Religion, Geschichte, Baukultur, Kunst, Materialen und Techniken geweckt werden? Welche Formate bieten in einer diverser und ahistorisch werdenden Gesellschaft Anreize zur Auseinandersetzung mit Denkmälern und ihrer Geschichte? Wie können kirchlicher Raum, biblische Geschichten und christliche Rituale atheistischen Besucher*innen vermittelt werden? Welche Synergien gibt es zwischen singulärem Bau und gewachsener Kulturlandschaft? Exemplarisch wird diesen Fragen in diesem Artikel anhand von Vermittlungsformaten des Naumburger Doms St. Peter und Paul und der hochmittelalterlichen Kulturlandschaft an Saale und Unstrut nachgegangen.
(Bau-)Kulturelle Bildung
Kulturelle Bildung – als Oberbegriff – ist die produktive und rezeptive Auseinandersetzung in, durch und mit den Künsten und verbindet transdisziplinäre, -kulturelle, -generative und interaktive künstlerisch-kulturelle, ästhetische Angebote in formalen und non-formalen Kultur- und Bildungsinstitutionen. Kulturelle Bildung ist „kein starrer Begriff, sondern variiert je nach Profession“ (siehe: Birgit Wolf „Bundesweite Akteure der Kulturellen Bildung: Eine Einführung in die Strukturen“) und verändert sich entsprechend zeitgemäßer Praxen und Theorien.
Im letzten Jahrzehnt gewann Baukulturelle Bildung als Teil der Kulturellen Bildung an Bedeutung. Sie vereint die interdisziplinären Perspektiven der Kunstgeschichte und Denkmalpflege und -vermittlung, Architektur, Stadt- und Raumplanung, Landschaftsarchitektur sowie Kunst am Bau, des Urbanen Lernens und der ästhetischen Erfahrungen. Als „Bilden über, von und durch Räume“ (kubi-online Dossier 2020 „Baukulturelle Bildung”) verbindet die Baukulturelle Bildung Traditionen und Geschichte mit Gegenwart und Zukunft in gebauten Räumen und der Umwelt. Somit betrifft die Baukulturelle Bildung bewusst oder unbewusst alle tagtäglich: Sie beeinflusst unser Wahrnehmen und Empfinden in Räumen, Orten und Natur und befördert die „Bewusstseinsbildung für den Wert des Gebauten“ (Bundesstiftung Baukultur 2020:23). Wissen und das Bewusstsein für (historische) Baukultur, die individuelle oder gemeinschaftliche Auseinandersetzung mit Bauten, Geschichte und Geschichten von den Menschen stiften Identität und Zugehörigkeit. Gerade in einer diverser werdenden Gesellschaft bildet die lebendige Auseinandersetzung mit dem (bau-)kulturellen Erbe vielfältige Bezugspunkte für alle.
Beispiel: Kulturlandschaft an Saale und Unstrut
Aus der (kultur-)historischen Perspektive betrachtet kann die Region an Saale und Unstrut, im Süden Sachsen-Anhalts nachweislich auf eine über 7.000 Jahre währende Besiedlung zurückblicken. Zeugen hierfür sind das Gosecker Sonnenobservatorium aus der Jungsteinzeit, die Himmelsscheibe von Nebra aus der frühen Bronzezeit, aber auch Kaiserpfalz und Kloster Memleben, dem Sterbeort der Ottonen Heinrich I. im Jahr 936 sowie seines Sohns Otto I. 973. Um 1000 war die Region an der Saale die Landesgrenze zwischen den thüringischen Landgrafen und den Markgrafen von Meißen, die durch Burgen markiert wurde. Burgen thronen noch heute entlang der Saale wie die Neuenburg, Schönburg, Saaleck und Rudelsburg (Abb. 1). Im Jahr 1028 wurde der Bischofssitz von Zeitz nach Naumburg verlegt, die Domfreiheit begründet und mit dem Bau des Doms St. Peter und Paul begonnen. Im Umfeld des Naumburger Doms siedelten sich Mönche und Nonnen an und gründeten Klöster wie in Pforte, Goseck und Zscheiplitz. Insbesondere im 13. Jahrhundert bildete sich an Saale und Unstrut eine einmalige hochmittelalterliche Kulturlandschaft mit Klöstern, Kirchen, Burgen, Städten und Dörfern entlang der Handelswege sowie fruchtbaren Äckern und Weinbergen heraus.
Über Jahrhunderte blieb diese hochmittelalterliche Kulturlandschaft weitestgehend erhalten. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich der Begriff „Mythos Naumburg“, der sich auf den Dom und die Werke des Naumburger Meisters bezog – den Westlettner und Stifterfiguren, allem voran auf die Uta (Abb. 5 und s.u.) –, jedoch auch die geschichtsträchtige und liebliche Landschaft mit ihren Burgen und Bauten einbezog. Künstler*innen wie der Maler Max Klinger, der Architekt Paul Schultze-Naumburg und die Puppenmacherin Käthe Kruse errichteten hier zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihre Werkstätten.
Auf dem Weg zum UNESCO-Weltkulturerbe
Kunst, Kultur und Natur zeichnen die Region – trotz der Veränderungen durch die Bodenreform, Kollektivierung und Industrialisierung der Landwirtschaft im 20. Jahrhundert – bis in die Gegenwart aus und werden durch das Engagement zahlreicher aktiver Vereine, Institutionen, Kommunen sowie aus persönlichem Interesse erforscht, bewahrt und lebendig gehalten und in vielfältiger Weise vermittelt.
Der Naumburger Dom (Abb. 2) gehört zu den kunsthistorisch bedeutendsten mittelalterlichen Bauwerken. Der hohe Stellenwert der Architektur und der Bildwerke verschaffte ihm einen Platz unter den großen Kathedralen Europas. Bereits 1989 wurde der „Naumburger Dom St. Peter und Paul in die UNESCO-Vorschlagsliste der DDR“ (Kunde et al 2020:5) aufgenommen. Nach dem Beitritt der DDR zur BRD dauerte es bis 1998, ehe der Naumburger Dom auf die UNESCO-Vorschlagsliste Deutschlands eingetragen und 2005 um die hochmittelalterliche Kulturlandschaft erweitert wurde. Unter dem Motto ‚Saale-Unstrut. Meine Welt. Mein Erbe.‘ initiierten Kommunen, Stiftungen, Heimat- und Kulturvereine, lokale Tourismus- und Wirtschaftsunternehmen sowie Privatpersonen 2008 die Gründung des Fördervereins Welterbe an Saale und Unstrut e.V. Es galt, die Menschen der Region zu aktivieren, die das Ansinnen verband, die einmalige Kulturlandschaft an Saale und Unstrut sowie den Naumburger Dom als UNESCO-Welterbe anerkennen zu lassen.
Bündelung des bürgerschaftlichen Engagements
Der Förderverein Welterbe an Saale und Unstrut e.V. und insbesondere die Vereinigten Domstifter zu Merseburg und Naumburg und des Kollegiatstifts Zeitz als Eigentümer des Naumburger Doms bündelten die Kräfte, beriefen einen wissenschaftlichen Beirat, lancierten 2011 die Landesausstellung „Der Naumburger Meister“ im Dom St. Peter und Paul sowie 2014 die Ausstellung „Welterbe? Welterbe!“ im Naumburger Schlösschen und reichten dreimal den Antrag zur Aufnahme beim UNESCO-Welterbe-Komitee ein. Nach 20 Jahren wurde 2018 der „außergewöhnliche universelle Wert des Naumburger Doms", so die Begründung des UNESCO-Welterbe-Komitees, dessen Architektur und Bildwerke als UNESCO-Welterbe anerkannt. Das ehemalige Zisterzienser-Kloster Pforte, das unweit von Naumburg liegt, erhielt 2024 als „eines der 17 Partner aus fünf europäischen Ländern“ (Cisterscapes conneting Europe) das Europäische Kulturerbe-Siegel. Gewürdigt wurden die Leistungen des Ordens bei der „Entwicklung der europäischen Kulturlandschaft sowie im Kulturaustausch des Mittelalters“ (KMK 2024). Die Spuren des Klosterlebens – wie Mühlbäche und Weinberge – haben sich bis heute in die Kulturlandschaft eingeschrieben. In den letzten Jahren wurden zudem die Weinkultur, Flößerei und das Töpfer- und Keramikhandwerk in das Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbe Deutschlands aufgenommen: weitere Schritte, um traditionelle Besonderheiten der Region zu bewahren und zu vermitteln, aber auch weithin sichtbar zu machen.
Um diese bemerkenswerte Dichte des Bewahrenswerten zu vermitteln, verfolgte der Förderverein Welterbe an Saale und Unstrut e.V. während des Anerkennungsprozesses zwei Strategien: Einerseits die wissenschaftliche Forschung und Veröffentlichungen, um die UNESCO zu überzeugen, andererseits die Vermittlung der kulturhistorischen Besonderheiten durch mannigfaltige Formate, um die Menschen vor Ort und in der Region mitzunehmen. Dieser zehnjährige Prozess veränderte so unweigerlich auch den Slogan, der fortan lautet ‚Saale-Unstrut. Unsere Welt! Unser Erbe.‘. Zugleich ist dieser Ausdruck des gelebten Zusammengehörigkeitsgefühls der ländlichen Region.
Zur Stärkung der regionalen Identität tragen themenspezifische Führungen, Seminare und Publikationen zum Wissenstransfer ebenso wie wiederkehrende Lese- und Konzertreihen sowie Festivals an wechselnden historischen Orten als besondere Erlebnisse bei. Parallel stiften überregionale Formate wie Jubiläen ästhetische Erfahrungen: beispielsweise 800 Jahre St. Marien in Freyburg (2025) oder 1000 Jahre Naumburg (2028). Und ebenso tragen lokale Feste wie Advent in den Weinbergen, Kirschfest oder gemeinschaftliches Stollenbacken, aber auch traditionelle Märkte wie der Tauben- oder Töpfermarkt in Naumburg zu authentischen Erfahrungen bei: Getragen von den Akteur*innen vor Ort, für die Menschen der Region und anderorts werden diese lebendig gestaltet, glaubwürdig vermittelt und kontinuierlich weiterentwickelt.
Hierzu werden überregionale Partnerschaften wie mit der Deutschen UNESCO-Kommission, der Straße der Romanik oder Saale-Unstrut-Tourismus zur touristischen Vermarktung eingegangen und mannigfaltige Kooperationen u.a. mit Kommunen, Schulen und Jugendherbergen, Heimat- und Kulturvereinen sowie Stifter*innen und Stiftungen gelebt. Auf diese Art sollen möglichst viele Menschen neugierig gemacht werden, die Besonderheiten der Region zu erfahren, um sich bestenfalls als Botschafter*in und als Zeit- oder Geldspender*in einzubringen.
Tourismus als Treiber
Mit lieblichen Landschaften, historischen Orten, architektonischen Schätzen, gelebtem Brauchtum und lebendiger Kultur (vgl. Saale-Unstrut-Tourismus) wird die Region beworben. „Vor allem im Tourismus sind Denkmäler ein zentraler Attraktionsfaktor“ (siehe: Birgit Mandel „Zwischen Schutz, Inwertsetzung und partizipativer Neuverhandlung: Ziele und Qualitäten in der Denkmalvermittlung“). Der Magnet der Region ist der Naumburger Dom. Jährlich zieht er über 100.000 Besucher*innen an: ein relativ beständiges Interesse über die Jahrzehnte (Abb. 3). Ein Plus an Besucher*innen verzeichnen vor allem besondere Veranstaltungsformate und Projekte wie z.B.
- die Korrespondenzausstellung „Otto der Große, Magdeburg und Europa“ (2001), die den Naumburger Dom mitbewarb;
- die Einweihung der Glasfenster von Neo Rauch in der Elisabethkapelle des Naumburger Doms (2007) und
- insbesondere die Landesausstellung „Der Naumburger Meister“ (2011).
Auch die Verleihung des UNESCO-Welterbe-Titels 2018 ließ die Besucher*innen-Zahlen steigen (siehe Abb. 3). Doch 2020 kam die Pandemie. Besucher*innen bleiben aus, besonders Reisebusse bleiben seitdem fern. Ein (Generationen-)Wechsel wurde eingeläutet: Während der Pandemie entdeckten die Menschen die Natur als (kostenfreien) Erlebnisraum und das Internet als Buchungsportal. Reisen werden seitdem individueller, zudem das (Haushalts-)Budget oft geringer.
Altes mit Neuem vermitteln und alle einbinden
Um lokale Kultur und die Attraktivität der Saale-Unstrut-Region nachhaltig bekannt zu machen, verbinden sich die Akteur*innen, um Neues zu erproben und Vermittlung anders anzugehen. Welche konkrete Vermittlungsformate entwickelt und weiterentwickelt wurden, um unterschiedliche Publika von nah und fern anzusprechen, wird folgend exemplarisch anhand von vier Formaten beschrieben.
Zeitgenössische Kunst zur Interpretation christlicher Themen
Die Säkularisierung der Bevölkerung wurde zu DDR-Zeit befördert. Gegenwärtig sind nur noch ca. „13,8% der gesamten Bevölkerung Sachsen-Anhalts Mitglied in einer der beiden großen christlichen Konfessionen“ (Evangelische Landeskirche Anhalt 2024): Ein deutschlandweiter Negativrekord, der nach anderen Wegen der Vermittlung christlicher Themen verlangt.
Der Naumburger Dom bietet insbesondere mit dem Westlettner und den Stifterfiguren, den Werken des Naumburger Meisters, sowie den Glasmalereien im Zusammenspiel von Architektur und Kunst ein einzigartiges Zeugnis des 13. Jahrhunderts. Bildnerische Darstellungen christlicher Themen der Gotik wie die Passionsgeschichte am Westlettner treten mit Werken zeitgenössischer Künstler*innen in Dialog, überraschen durch ihre Gegenüberstellung und knüpfen somit an die ästhetischen Erfahrungswelten der Betrachter*innen an. So zeigt der Marienaltar von Michael Triegel (2022) mit den Seitenflügeln von Lukas Cranach d.Ä. (1519) (Abb. 4) gegenwärtige Menschen: Petrus trägt ein Basecap, Paulus einen Hut. Bezüge mit dem eigenen Sein entstehen, der „Erfahrungsraum“ Kirche ermöglicht einen Selbstbildungsprozess, der „berührt uns unmittelbar, denn es widerfährt uns, das macht es so authentisch und evident“ (siehe: Fabian Hofmann/Kristine Preuß „Der Erfahrung Raum geben: Vorschläge zur Theoriebildung in der Kunstvermittlung und Museumspädagogik“).
Erzählungen der Bibel bzw. der Heiligen-Verehrung erfahren im Naumburger Dom zeitgemäße Interpretationen wie u.a. die Handläufe „Der heilige Franziskus und die Tiere“ (1972) oder „Der schmale Pfad ins Paradies“ (1983) von Heinrich Apel oder die drei Glasfenster zum Wirken der Heiligen Elisabeth von Neo Rauch (2007). Die Einweihung der Werke renommierter, zeitgenössischer Künstler bringen Schlagzeilen in überregionalen und fachspezifischen Medien und ziehen andere Publika an. Zugleich erfährt kulturelles Erbe einen Gegenwartsbezug und führt auch zu Kontroversen bezüglich des UNESCO-Status, wie es der Marienaltar von Michael Triegel dokumentiert.
UTA-Treffen: Eine Ikone stiftet Verbundenheit mit den Namensträgerinnen
Die mittelalterliche Skulptur der Markgräfin Uta im Naumburger Dom (Abb. 5) ging in die Kunstgeschichte als eine der genialsten Schöpfungen deutscher Bildhauerkunst ein. Als Idealvorstellung einer edlen Frau wurde Uta im 20. Jahrhundert zur Ikone und zur Namensgeberin vieler Mädchen. Ihre geheimnisvolle Aura regte die Fantasie von Künstler*innen an: Ihr Antlitz inspirierte u.a. Walt Disney zur Figur der Stiefmutter in „Schneewittchen“ und Umberto Eco betitelte sie als die „schönste Frau des Mittelalters“. Diesen Hype um Uta griffen die Stadt Naumburg und die Vereinigten Domstifter auf und luden 2008 Frauen ein, die wie die berühmte Stifterfigur heißen. Überwältigend war die Resonanz: Fast 500 Teilnehmer*innen kamen aus allen Teilen Deutschlands – 262 Utas, die Jüngste war 15 Monate und die Älteste 87 Jahre alt, sowie ihre Begleitpersonen. Acht weitere UTA-Treffen folgten, zu denen über 2.200 Teilnehmer*innen anreisten – davon 1.405 Utas, die gar aus Frankreich und Jamaica kamen. 2026 begeht das UTA-Treffen sein 10-jähriges Jubiläum.
Mit dem UTA-Treffen wird eine Zielgruppe angesprochen, die „ihr“ Original persönlich kennenlernen und mehr noch über sie erfahren will. Das Programm verbindet die feierliche Begrüßung im Dom sowie dem Gruppenbild im Westchor zu Füßen der Stifterfiguren (Abb. 6) mit Domführungen, einem Vortrag über die Rezeptionsgeschichte der Uta ebenso wie mit Konzerten, Weinproben und Besichtigungen weiterer Sehenswürdigkeiten der Stadt und der Saale-Unstrut-Region.
Persönliches wird in Gemeinschaft erlebt: Die „schönste Frau des Mittelalters“ verbindet Frauen verschiedener Herkünfte und Generationen, die sich mit der Lebens- und Rezeptionsgeschichte Utas bis in die Gegenwart sowie den Lebensgeschichten der Namensvetterinnen auseinandersetzen, und somit ein anderes Bewusstsein für ihren Namen bekommen.
Erlebnisse wie das UTA-Treffen zeigen, wie Kulturerbe lebendig und nahbar werden kann. Aus einer historischen Ikone wird eine Gegenwartserfahrung mit Wissensvermittlung sowie realen Begegnungen mit Namensvetterinnen und Emotionen. Kulturerbe wird lebendig, verständlich und relevant.
Kulturpädagogische Angebote: KinderDomBauhütte
Der Naumburger Dom ist wie eine „in Stein gegossene, real erlebbare europäische Kulturgeschichte. Die Wertschätzung dieser Kulturleistungen und eine grundsätzliche kunstgeschichtliche und kulturhistorische Einordnung sind im Konzept einer Baukulturellen Bildung eingebettet. Baukulturelle Bildung ist auch Denkmalvermittlung und kann in diesem Sinn zu Wertschätzung und Identifikation mit dem gebauten Erbe führen.“ (siehe: Stephanie Reiterer „Baukulturelle Bildung – Vom Begriff der Baukultur zum Bildungskonzept Baukulturelle Bildung“). Ein Schlüssel hierzu sind kulturpädagogische Angebote im Wechselspiel zwischen (Bau-)Kultur und Pädagogik. Dergleichen Angebote ermöglichen sowohl eigenaktiv als auch rezeptiv neue Erfahrungen in künstlerisch-ästhetischen Prozessen und schulen die Wahrnehmung. Sie sind „situationsadäquat für alle zugänglich und subjektiv nützlich gewinnbringend zum fakultativen und selbstverantworteten Gebrauch“ (Schwencke 1984:3) und beinhalten Aspekte „zur Sinnsicherung und Sinnstiftung individuellen und gemeinschaftlichen Lebens“ (ebd.).
Im Zuge der Landesausstellung 2011 wurde im Areal des Domgartens ein Ort für die Vermittlung kulturpädagogischer Angebote geschaffen: die KinderDomBauhütte. In Zusammenarbeit mit dem Landesinstitut für Schulqualität und Lehrerbildung Sachsen-Anhalt wurden 2008 bis 2012 Angebote entwickelt, die den Kathedralbau, Grundkenntnisse zur Baustilkunde und Kirchenaufbau vermitteln sowie Einblicke in die mittelalterliche Handwerkspraxis geben (vgl. Bildungsserver Sachsen-Anhalt).
Seitdem führen kurz- und langfristige kulturpädagogische Projekte Kinder und Jugendliche in die faszinierende Welt der Bauhütten des 13. Jahrhunderts ein: fächerverbindend für alle Schuljahrgänge und Schulformen. Jedes Projekt beinhaltet eine, auf das jeweilige ausgewählte Thema, inhaltlich abgestimmte Erkundung des Naumburger Doms. Somit wird „bewusst gegen eine Zapping-Kultur, die einer realistischen Wertschätzung des kulturellen Erbes oftmals entgegensteht“ (Abschlussbericht der LISA 2012:12) gesteuert. Die formalen und non-formalen Bildungs- und Vermittlungsangebote nutzen nicht nur Naumburger Schulen und Hortgruppen, sondern durch Kooperationen mit Jugendherbergen auch Kinder und Jugendliche von außerhalb. Darüber hinaus gibt es Familien- und Ferienangebote: Ob Bleiglas- oder Bildhauer-Werkstatt (Abb. 7) – in der KinderDomBauhütte werden Materialien, Formen, Handwerkstechniken selbst erprobt. So wird „das Wie, das Gemachtsein eines Bauwerkes“ (Dolff-Bonekämper 2021:245) jungen Menschen vermittelt.
Generell bietet der Naumburger Dom mittels seiner Substanz diverse kulturpädagogische Anknüpfpunkte, um das Denkmal anhand der verschiedenen Epochen seiner Entstehung, die Geschichten hinter den Kunstwerken, die Spuren der Vergangenheit und Gegenwart zu lesen und so bewusst individuell wertschätzen und sodann den sozialen Wert des Kulturerbes bestimmen zu können. Denn es geht nicht nur darum, wie das kulturelle Erbe Naumburger Dom und die umgebende Kulturlandschaft an Saale und Unstrut „nachhaltig zu schützen ist, sondern auch wie es für zukünftige Generationen zu modifizieren und zu transformieren ist, um dessen Kontinuität zu garantieren“ (Ratzenböck/Wulz 2016:5). Ein Lernort, der junge Menschen zu einem eigenständigen, entdeckenden Zugang und kritischen Umgang mit dem architektonischen Erbe anleitet und zum wiederholten Besuch anregt.
Community Building: Welterbe-Wandertag
Der Förderverein Welterbe an Saale und Unstrut e.V. initiierte 2014 den Welterbe-Wandertag. Gemäß dem Motto ‚Saale-Unstrut auf dem Weg zum Welterbe, folgen Sie uns!‘ fand der Auftakt in und um Freyburg (Unstrut) statt. Gemeinsam mit Akteur*innen der Region – sie wissen am besten, was spannend ist und wer Ansprechpartner*innen sind – wurden fünf Touren mit geologischen, botanischen, kultur- und kirchenhistorischen ebenso wie genüsslichen und musikalischen Themen angeboten. Die Teilnehmenden konnten wählen, ob sie lieber zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs sein wollten. Es galt die Vielfältigkeit und Schönheit der Region gemeinsam zu entdecken.
Von Anfang an ist der Welterbe-Wandertag äußerst beliebt sowohl bei Teilnehmenden als auch Tourguides, die 2025 teilweise zum 11. Mal dabei waren. Orte wechseln – Naumburg, Kloster Schulpforte, Schloss Goseck, Kloster Memleben, Arche Nebra, das Prinzip bleibt gleich: Die Menschen vor Ort werden von Anbeginn in die Planung einbezogen. Am Tisch sitzen dann Bürgermeister, Pfarrerin, Ortschronistin, Wanderwegewart, Naturschutzbeauftragte, Tourismusmanagerin, Unternehmer, Engagierte aus örtlichen Vereinen und dem Förderverein Welterbe sowie Bürger*innen: Sie gestalten die Touren, Themen, Formate sowie das Rahmenprogramm, inklusive der Verköstigung mit Kaffee und Kuchen.
2025 war der 11. Welterbe-Wandertag ein Baustein im Jubiläumsjahr ,800 Jahre St. Marien in Freyburg‘. Der Sonntag begann mit einer Andacht. Den Startschuss für die zwölf Touren mit ca. 200 Teilnehmenden zwischen 3 und 88 Jahren gaben der Landrat sowie der Bürgermeister. Speziell für die Kleinen wurden die Entdecker-Tour rund um die Kirche St. Marien (Abb. 8) sowie die Esel-/Pony-Tour zu Neuenburg angeboten. Besonderen Anklang fanden die Orchideen-, Sagen- und Triathlon-Tour. Zwei Drittel der Teilnehmenden kamen aus dem Burgenlandkreis, ein Drittel aus den umliegenden Landkreisen. Sie schätzen die fachkundigen Führungen, das Unterwegssein mit anderen, mit denen man ganz unkompliziert ins Gespräch kommt, und erkunden gemeinsam die Region. Auch wenn die hochmittelalterliche Kulturlandschaft an Saale und Unstrut nicht den Welterbe-Titel errang, bleibt das Credo ‚Saale-Unstrut. Unsere Welt! Unser Erbe.‘ 2026 findet der Welterbe-Wandertag in und um Laucha statt. Die Stadt präsentiert sich insbesondere mit ihrer Industriekultur.
Ansinnen und Format des Welterbe-Wandertages im Sinne der Teilgabe und Teilhabe vieler entspricht dem Community Building, auch wenn der Begriff 2014 noch nicht in den Diskurs Kultureller Bildung eingezogen war. Community Building bedeutet, strategisch und „aktiv eine engagierte Gemeinschaft zu schaffen und zu pflegen. Durch den gezielten Aufbau von Beziehungen, Förderung der Partizipation, transparente Kommunikation und gemeinsame Werte entsteht ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl. Dieses „Wir“-Gefühl schafft Verbindlichkeit“ (Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt 2024). Der Welterbe-Wandertag ist ein nachhaltiges Beispiel hierfür.
Vom Wert der (Kulturerbe-)Vermittlung: Fazit
Die vier Beispiele zeigen auf: Es braucht vor allem regionale und überregionale Netzwerke, Partner*innen sowie Kontinuität, um qualitätsvolle und zielgruppenspezifische Angebote zu offerieren, die langfristig Wirkung entfalten können. Ob individuelles oder gemeinschaftliches Erleben: Es sind insbesondere emotionale Momente, die Wissen vermitteln. Darüber hinaus schafft die Vielfalt der Angebote mit verschiedenen Zugängen zu Religion, Geschichte, Baukultur, Handwerk, Ökologie, Natur und Landschaft, Heimatkunde und Alltagskultur individuelle Optionen, das Wissen beständig zu vertiefen: Optionen für alle, um die (bau-)kulturellen Besonderheiten im Alltag wach zu halten und in Einbeziehung und Kooperation mit vielen ehrenamtlichen Akteur*innen in der Gesellschaft fest zu verankern.
In Deutschland existieren aktuell 55 Welterbe-Stätten, davon 52 Weltkulturerbe-Stätten: Nach Italien und China ist dies Platz drei der weltweiten Welterbe-Liste. Trotz des außergewöhnlichen Kulturerbe-Reichtums hat Deutschland die Faro-Konvention des Europarates bisher nicht ratifiziert. Die Faro-Konvention stellt klar, dass „das Recht auf Kulturerbe dem Recht auf Teilhabe am kulturellen Leben innewohnt“ (Faro-Konvention:Art.1) und somit „jeder Mensch, allein oder als Teil einer Gemeinschaft, das Recht hat, am Kulturerbe teilzuhaben und zu seiner Bereicherung beizutragen (ebd.:Art.4). Die dargestellten Beispiele dokumentieren, wie Teilhabe und Vermittlung sowohl von Architektur und Kunst als auch Landschafts- und Naturschutz sowie Heimatpflege und -kunde für alle gelingen. Zugleich zeigen die Vermittlungsformate der Vereinigten Domstifter und des Fördervereins Welterbe an Saale und Unstrut e.V. auf, dass die Faro-Konvention in der Praxis lebt und stetig weiterentwickelt wird.