Community Care, Community Art: Voraussetzungen für die Kunst- und Kulturproduktion mit marginalisierten Menschen

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von Leyla Ercan, Leila Haghighat

Erscheinungsjahr: 2026

Abstract

Der Beitrag untersucht, wie durch künstlerische und kulturvermittelnde Praxis in den Community Arts „Caring Communities“ entstehen können. Die Zugänge passieren dabei aus einer Haltung der soziodynamisch explorativen und reflektierenden künstlerischen Praxis. 

Leyla Ercan war Mit-Initiatorin, Kuratorin und Organisatorin des ersten transkulturell-postmigrantischen partizipativen Kunst- und Kulturfestivals „Fluid Identity 2.0“ in Hannover. Sie entwickelte einen spezifisch auf migrantisierte/rassifizierte Menschen zugeschnittenen Communitybuilding- und Ermächtigungsansatz: gemeinsam mit über 300 Teilnehmenden wurde dabei in einem 12-monatigen künstlerisch-ästhetischen Ko-Kreations-Prozess ein dreitägiges Festivalprogramm erarbeitet. Sie entwickelte dabei künstlerische und kunstvermittelnde Praxen, die einem hegemonialkritischen Kunstbegriff und denen Prinzipien transformativer Gerechtigkeit, Fürsorglichkeit und Inklusivität inhärent sind. 

Leila Haghighat arbeitet aus der Reflexion von gemeinschaftsbildenden künstlerischen Praxen in Nachbar*innenschaften in Berlin, Istanbul und Marseille an der Konzeption einer „Ästhetik der Fürsorge“. Diese basiert auf postkolonialen und feministischen Theorien und versteht Fürsorge als ethische und ästhetische Praxis, die Beziehungen in den Mittelpunkt stellt, um der Herausforderung zu begegnen, Differenzen zu verhandeln ohne in essentialisierende Diskurse zu verfallen.

In dem Podcast gehen Ercan und Haghighat praktisch und theoretisch den Fragen nach, welche Formen von Zuhören nötig sind, damit Bedürfnisse artikuliert werden können, wie wir mit Menschen unterschiedlichster Positionierungen arbeiten können, wie wir Projekte mit Menschen unter ungleichen Voraussetzungen (Sprechfähigkeit, Ressourcen, Kompetenzen, Bildungsvoraussetzungen, gesellschaftlichen Positionierungen) umsetzen können und welche Strukturen und welches Bewusstsein vorhanden sein müssen, damit Augenhöhe überhaupt möglich wird. 

Diese Praxen, die im Projektkontext und im sozialen Miteinander mehrfach marginalisierter Gruppen (junge migrantisierte und rassifizierte Menschen, migrantisierte und rassifizierte Frauen, queere rassifizierte Menschen) erprobt und dynamisch angepasst wurden, werden dabei in Resonanz mit Theorien, u.a. der feministischen Fürsorge-Ethik gebracht, die ein kritisches, machtbewusstes Zuhören als Gegenkraft zu einer persistenten epistemischen Gewalt und somit als zentrale transformative Praxis in den Fokus stellt. Ergänzend zum Podcast werden die theoretischen Bezüge und Rahmungen auch textlich vorgestellt.

Der Podcast

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Theoretische und konzeptionelle Rahmung

Community Arts und Caring Communities 

Mit Community Arts werden verschiedenste künstlerische Praxen/Aktivitäten bezeichnet, bei der professionelle Künstler*innen gezielt mit Menschen zusammenarbeiten, anstatt Kunst lediglich für sie zu produzieren. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen Kunst, sozialen Praxen und politischem Aktivismus.

Diese Kunstform, die in gesellschaftlichen Gruppen und in unterschiedlichen räumlichen, situationalen, sozialen Kontexten stattfinden kann, stellt dabei die relationalen Aspekte des Menschen in seinen gesellschaftlichen Verbindungen in den Vordergrund (vgl. Lichtenstein 2023). Dabei sind „Gemeinschaften“ keine einfachen, bereits existierenden Einheiten, die nur darauf warten, von denen angesprochen zu werden, die „Gemeinschaftsbeteiligung“ anstreben (Crehan 2012). Vielmehr müssen sie erst durch Beziehungsarbeit hergestellt werden. 

Ziel ist dabei, über die künstlerischen Praxen Gemeinschaften zu schaffen und Zugehörigkeitsangebote zu gestalten – gemeinsam mit und für Menschen, die gesellschaftlich und im Kunst- und Kulturbereich Marginalisierung erfahren. Es geht also um „Caring Communities“, fürsorgende und inkludierende Gemeinschaften, die entlang der Bedarfe und Bedürfnisse vulnerabler Gruppen gestaltet werden. Die künstlerische und kulturvermittelnde Arbeit mit Gemeinschaften ist eine Arbeit mit und durch Beziehungen sowie an Beziehungsweisen, die ethische Implikationen hat. 

Community Art folgt einem erweiterten Kunstbegriff: das Ziel von Kunst ist hier nicht die Produktion eines erkennbaren Objekts (beispielsweise eines Gemäldes) oder einer abgrenzbaren künstlerischen Praxis (z. B. Theaterstück), sondern die Kunst wird als prozesshaftes Ereignis, als Beziehung begriffen. Der Mensch und seine Beziehungen, sozialen Handlungen, Gespräche, Konflikte innerhalb einer Gruppe sind die zu gestaltenden „Werkstoffe“. 

„In den Community Arts haben politische und soziale Ideen einen deutlich größeren Stellenwert als das künstlerische Subjekt“ (Liechtenstein 2023). Die mitwirkenden professionellen Künstler*innen sind hier keine einsamen Genies, die ein Werk erschaffen. Vielmehr nehmen sie die Rolle als Prozessbegleitungen oder Moderator*innen ein, die den Rahmen schaffen und halten, in dem sich eine Community entfalten und selbst kreativ werden kann. 

In den Community Arts wird in letzter Konsequenz auch die Frage nach der Urheber*innenschaft von Kunst obsolet, weil das entstanden Werk eine soziale Dynamik aufweist, die von der Gemeinschaft geschöpft wurde, von dieser getragen wird und der Gemeinschaft gehört. „Ein einsames Künstler:innen-Ich, wie es das klassische eurozentrische Kunstverständnis formuliert, ist dabei nur eine Randerscheinung“ (Liechtenstein 2023). 

Feministische Fürsorge-Ethik

Einer der zentralen Referenzpunkte unseres Ansatzes ist die feministische Fürsorge-Ethik, in der Fürsorge als eine umfassende Aktivität begriffen wird, die darauf abzielt, Körper, Selbst und Umwelt in einem komplexen, lebenserhaltenden Netz zu erhalten, fortzuführen und zu reparieren (vgl. Tronto 1993: 103). Fürsorge ist hierbei in eine „Welt der Beziehungen“ eingebettet, in der das Bewusstsein für die Verbindung zwischen Menschen zur Anerkennung von Verantwortung füreinander führt (Gilligan 1982: 30). Bei Fürsorge geht es um die Schaffung und Aufrechterhaltung von Beziehungen, was die Ablehnung des patriarchalen Ideals der Autonomie zugunsten einer Akzeptanz gegenseitiger Abhängigkeit impliziert (vgl. Graeber 2018). Gleichzeitig wird eine bloß „empathische“ Projektion des Selbst auf den anderen abgelehnt und vielmehr eine sich selbst zurücknehmende Offenheit für die Realität der anderen, ihre Bedürfnisse und Wünsche, gefordert (vgl. ebd.). Mit ihren Grundbausteinen von Stimme und Beziehung („grounded in voice and relationship“) wird der Wert darauf gelegt, dass jede*r eine Stimme hat, der aufmerksam und mit Respekt zugehört wird (Gilligan 2011). Die Interdependenz und Abhängigkeit unseres Daseins impliziert eine prinzipielle Verletzlichkeit (Butler 2005; 2016; 2020: 64). Die grundsätzliche Verletzlichkeit des Menschen ist zugleich seine wesensbestimmende Offenheit, die erst sein Entwicklungs- und Transformationspotenzial ausmacht und durch die er zugleich seiner Umwelt ausgesetzt ist (vgl. Maio 2024: 47). Zwar sind alle Menschen grundsätzlich verletzlich, aber nicht alle auf die gleiche Weise, die situativ je nach sozialen, wirtschaftlichen und politischen Bedingungen (vgl. ebd.: 29) variiert. Die Anerkennung der Bedeutung von Interdependenz einer „Ethik der Fürsorge“ zielt daher auch immer darauf ab, die Verletzlichkeit anderer zu respektieren und zu schützen (Butler 2020: 92 f.). Da Beziehungen je nach Kontext in unterschiedliche Machtverhältnisse eingebettet sind, ist auch das Nachdenken über und die Auseinandersetzung mit Fürsorge untrennbar mit bestehenden Macht- und Ungleichheitsstrukturen verbunden (Tronto 1993: 21).

Machtkritische Praxen des Hinhörens

Die theoretischen Impulse bringen wir dabei in einen Resonanzraum mit den praktischen Erfahrungen aus den eigenen Community-Building-Projekten. In Rekurs auf das Festival „Fluid Identity 2.0“ (Landeshauptstadt Hannover 2023–2025, FLUI.D. - BIPoC Netzwerk Hannover 2023 – 2026, h1 – Fernsehen für Hannover 2024, Gohlisch 2024, Kähler 2024, Start2Dance 2023-2026) und „Was aus ihnen geworden ist: ein erinnerungskünstlerisches Projekt zu 70 Jahren FLINTA-Migration in Hannover“ (Ercan 2025) illustrieren und reflektieren wir die Beziehungsarbeit und setzen insbesondere den Fokus auf ein neues, engagiertes und subversives Zuhören und Hinhören (hin- und zugewandtes Hören), welches das Gegenüber ernst nimmt und es als Subjekt und Expert*in des eigenen Lebens anerkennt. Diese Emphase auf ein machtkritisches Hören und Hinhören wird nicht zufällig auch in der postkolonialen Theorie gelegt. Eine reine Repräsentation marginalisierter Stimmen reicht nicht aus für eine transformierte, verbesserte gesellschaftliche Gerechtigkeit. Denn wie die postkoloniale Theoretikerin und Philosophin Gayatri Chakravorty Spivak in ihrem kanonischen Text „Can the Subaltern Speak“ anführt, sind Sprechakte hegemonial strukturiert und erst vollendet, wenn sie nicht nur ausgesprochen werden, sondern von der dominanten Seite auch gehört werden (Spivak 1988). 

Für solch ein Zuhören reicht es nicht, marginalisierte Menschen zum Sprechen zu bringen, sondern es braucht vor allem ein zurückgenommenes Gegenüber. Menschlicher Austausch vollzieht sich über das Symbolische und Symbolsysteme, wie die Sprache. Verharren Denkformen – und somit Zuhören – in den eigenen angelernten und verinnerlichten Bezugssystemen, bleibt die symbolische Dimension des sozialen Austauschs versperrt (Tosquelles in Oury et al. 1985: 100). Das bedeutet, in Beziehung zu treten, um die Bedürfnisse anderer zu erkennen; auch – wenn dies mit Grenzen verbunden ist, wie die Konzepte der radikalen Alterität (Spivak 2012) und der Opazität (Glissant 1990) zeigen. Ein wirkliches „caring about“ ist somit eine aufmerksame, machtstrukturell informierte Sorge, die über reine Empathie- und Sympathiebekundungen hinausgeht.

Die Unmöglichkeit von Augenhöhe 

Caring Art setzt immer ein kritisches Bewusstsein für unsichtbar gemachte Machtverhältnisse voraus. So wird etwa in vielen Kunst- und Kulturprojekten mit Marginalisierten von Ansätzen „auf Augenhöhe“ und einem „wertschätzendem Miteinander“ gesprochen. Erfahrungen aus unseren Projekten bestätigen hingegen die Erkenntnisse aus der Ungleichheitsforschung: Augenhöhe in Projekten mit Marginalisierten gibt es i.d.R. nicht, sie wird lediglich behauptet, während die tatsächlichen Machtasymmetrien in den Beziehungen unsichtbar gemacht werden. Es kann zwischen gesellschaftlich ungleichen Menschen innerhalb eines temporären Projekts keine Augenhöhe hergestellt werden: „Augenhöhe wird in diesem Kontext zu einer paternalistischen Geste, in der die kultur- und theatermachende Person sich auf ein hierarchisch gedachtes, „niedrigeres“ Niveau als das eigene herabbegibt. Diese imaginierte Distanz zur eigenen Arbeit, zum eigenen Geprägtsein gibt es nicht“ (Abou 2025: 131).

Augenhöhe, die gesamtgesellschaftlich aufgrund sozialer Ungleichheit und Diskriminierungsformen fehlt, kann nicht innerhalb eines Projekts wie durch Wunderhand plötzlich hergestellt werden – insbesondere da sich diese beim Zutritt in die hochselektiven Kultureinrichtungen erfahrungsgemäß potenzieren. Zudem ist die Auseinandersetzung mit Augenhöhe und Machtfragen häufig sowohl von intersektionaler Überforderung als auch von fehlendem Wissen gekennzeichnet, da sich verschiedene Diskriminierungsformen und Machtdimensionen überlagern. Dabei sind Aushandlungen der Machtrelationen durch direkte Adressierung und offene Diskussion essentiell, um diese abbauen zu können, was wiederum Beziehungsarbeit und damit auch Zeit, Raum und Ressourcen benötigt.

Empathie förderliche Raum- und Wissenspraktiken

Einen produktiver Ansatz, um die notwendige Beschaffenheit und den möglichen Aufbau von Räumen zu gestalten, in denen sich fürsorgesensible künstlerische Praktiken entfalten können, bietet die französische Bewegung der institutionellen Psychotherapie, die seit den 1940er Jahren versucht, in den räumlichen Strukturen des psychiatrischen Krankenhauses Beziehungen zu schaffen, um die dort entstehenden Ausgrenzungen aufzuheben (Bonnafé 1991: 212). Ihr Ziel war es, die Institution Krankenhaus in eine fürsorgliche Gemeinschaft umzuwandeln (Tosquelles 1987). Dafür identifizierte sie die Arbeit an einer gemeinsamen Sprache, um Erkennen/Wiederkennen/Anerkennen und Zugehörigkeit zu ermöglichen (Tosquelles in Oury et al. 1985: 101). Die praktischen Erfahrungen aus künstlerischen und kulturvermittelnden Projekten mit marginalisierten Gruppen, die die Ausgrenzungserfahrungen der Beteiligten durch transformierte gegenhegemoniale Verhältnisse und Praktiken zu suspendieren suchen, zeigen, dass Wissensproduktion, Wissenshierarchien, Kommunikation, Sprache das Fundament der fürsorgebasierten Kulturarbeit bilden. Denn Menschen werden nicht nur mit ihren Körpern marginalisiert, verdrängt, unsichtbar gemacht, sondern mit ihrem gesellschaftlich situierten Wissen und ihrer Erkenntnis, die ihren Körpern in der affektiven Dimension eingeschrieben sind. Die von Sandra Harding und Donna Haraway eingeführte Theorie des situierten Wissens widerspricht der Vorstellung von neutralem, objektivem Wissen und stellt die Untrennbarkeit von Wissen und von sozialen, kulturellen und politischen Kontexten heraus, in denen Subjekte verkörpert sind (Harding 1991; Haraway 1988; Haraway/Kenney 2015). Dazu gehören auch körperliche Verfasstheit, individuelle Erfahrungen und materielle Bedingungen (Singer 2010: 293). Empowernde Kulturprojekte mit Marginalisierten stoßen besonders auf Resonanz, wenn diesem verdrängten, verkörperten und affektiven Wissen Raum gegeben, dieses abgerufen und im künstlerischen Prozess einbezogen wird. 

Empathie-Gap und epistemische Gewalt

Die Voraussetzungen einer Caring Art liegen darin, wie Leyla Ercan in ihren Projekten beobachtet, den strukturellen Empathie-Gap zu überwinden: Der Empathie-Gap ist nur auf den ersten Blick ein subjektiver, emotionaler Graben zwischen dominanzkulturell sozialisierten und positionierten Menschen und Marginalisierten. Im Kern geht es allerdings um einen Mangel an Wissen – einem Wissen, das erforderlich wäre, um sich in die Perspektive anderer Menschen hineinversetzen zu können. Zum einen fehlen Repräsentationen des situierten, verkörperten Wissens Marginalisierter innerhalb dominanzkultureller Wissensordnungen und -logiken. Zum anderen mangelt es sehr oft an einem (fundierten) Wissen über historische, politische und gesellschaftliche Zusammenhänge und Dynamiken. Ohne Beziehung läuft Empathie Gefahr, das ungleiche und hierarchische Verhältnis zwischen den Mitfühlenden und den Leidenden zu manifestieren, da „die Anderen“ (die absolute, nicht einholbare Fremdheit eines Gegenübers, das sich einer Vereinnahmung durch das eigene Selbst entzieht) nicht gesehen und verstehen können und so die Gefühle der Mitfühlenden im Mittelpunkt bleiben (Spelman 1997). 

Hierbei geht es auch um den Effekt von Wissenshierarchien: Wer ist anerkannte Wissensträger*in? Wessen Wissen gilt als selbstverständlich? Wessen Wissen wird als „anders" markiert? Wessen Wissen wird systematisch hinterfragt, muss immer wieder begründet und hergeleitet werden? Im Anschluss an die postkolonialen Denker*innen Edward Said (1978; 1993) und Gayatri Chakravorty Spivak (Spivak 1988) benennt der Begriff der Epistemischen Gewalt (epistemic violence) die Tragweite von vor allem wissenschaftlichen Wissens in der (Re)Produktion globaler asymmetrischer Ungleichheits-, Macht- und Herrschaftsverhältnisse (vgl. Brunner 2020: 9, 17). Er beschreibt die hegemoniale Wissensproduktion, die beispielsweise koloniale Herrschaft legitimierte und stabilisierte (vgl. Castro Varela 2015: 17). 

Der Empathie-Gap, den viele Marginalisierte als wiederholte Erfahrung in Kunst- und Kulturprojekten schildern, hat seinen Kern in einer sehr fundamentalen epistemischen Gewalt, die fast alle Ebenen und Bereiche der Arbeit durchzieht: den Kunst- und Kulturbegriff, den Qualitätsbegriff in der Kunst, die Themen, Inhalte, Stoffe, Narrative, Fragestellungen in den Kunstproduktionen, die Zielgruppenwahrnehmungen und -angebote in Kultureinrichtungen etc. 

Transformative Gerechtigkeit und neue Referenzuniversen

Demgegenüber wollen wir einen Diversitäts-/Inklusionsansatz anführen, in dem nicht nur Ressourcen zur Verfügung gestellt werden, sondern diese Ressourcen so eingesetzt und genutzt werden, um tatsächlich „ein gutes Leben“ nach den eigenen Wünschen und Bedürfnissen zu führen (Nussbaum/Sen 1993; Nussbaum 2000). Um die eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu artikulieren, sich selbst repräsentieren zu können, eine Sprechfähigkeit und Subjektfähigkeit zu erlangen, braucht es Kommunikationsformen und entsprechende Räume, die so geschaffen sind, dass jede*r seinen*ihren Platz darin findet und sich frei äußern und ausdrücken kann (Tosquelles in Oury et al. 1985: 101). Oder wie Theodor W. Adorno es auf die Formel bringt: wo jeder Mensch „ohne Angst verschieden sein darf“ (2016: 116).

Wie die Erfahrungen aus den partizipativen Prozessen der Kunst- und Kulturprojekte zeigen, können Zughörigkeitsstrukturen oder -kulturen nur entstehen, wenn jede*r unzensiert etwas von sich einbringen kann. Das gilt insbesondere für die Teile, die sonst aufgrund dominanzkultureller Ausschluss-Macht-Dynamiken versteckt werden müssen, um Anerkennung in der Mehrheitsgesellschaft zu bekommen. Im Anschluss an François Tosquelles sind Strukturen als ein (lebendiges) Zusammenspiel von Teilen zu verstehen, in dem jedes Element durch seine Beziehung zu den anderen und zum Ganzen steht, wobei es immer um die Gesamtbeziehungen, um „ensembles“ geht (vgl Tosquelles 1970: 15). Denn jeder Ort, der ein Ort für Transformation werden will, müsse sich auf die Beteiligung aller stützen (Tosquelles 1973: 12 f.). Deshalb liegt das oberste Anliegen in der Schaffung verschiedener Strukturen der Sprechproduktion, welche die Beteiligung jeder*s Einzelnen ermöglichen (Tosquelles 1973:13). Felix Guattari bringt es auf den Punkt: Es geht um das Schaffen neuer Referenzuniversen (Guattari 2014: 12 f.).

Die Schaffung von „Caring Communities“ geht über eine reine Gemeinschaftsbildung hinaus. Joan Tronto spricht von „caring with“ als demokratischer Form von Fürsorge, die gemeinsame und gemeinschaftliche Verantwortung betont und sich nicht auf persönliche oder familiäre Fürsorge beschränkt (Tronto 2013:35). Caring Communities streben in letzter Instanz eine nachhaltige transformative Gerechtigkeit an, d.h. sie schaffen Praxen und Projekte, bei denen die beteiligten Menschen und die Gesellschaft, in die das Kulturangebot eingebettet ist, transformiert werden. Die Verhältnisse, die im und durch die Praxen hergestellt werden, sind andere als die gesellschaftlichen Verhältnisse, die die Teilnehmenden außerhalb des Projekts vorfinden und durch die sie definiert werden. 

Verwendete Literatur

  • Abou, Tanja (2025): Kollaboration und Klasse. Digitale und analoge Ausschlüsse in der Zusammenarbeit zwischen Museen, Universitäten und Aktivismus. In: Byroum-Wand, Pegah (Hrsg.): MachtKritikKollaboration. Praxisreflexionen Aktivismus, Museum und Universität, 120-139.
  • Adorno, Theodor W. (2016/1969): Minima Moralia, Frankfurt/Main.
  • Bonnafé, Lucien (1991): Désaliéner? Folie(s) et sociétée(s), Toulouse.
  • Brunner, Claudia (2020): Epistemische Gewalt - Wissen und Herrschaft in der kolonialen Moderne, Bielefeld, in: https://oa2020-de.org/blog/2018/07/31/empfehlungen_qualit.
  • Butler, Judith (2005): Gefährdetes Leben. Politische Essays, Frankfurt am Main.
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  • Nussbaum, Martha C. (2000): Women and Human Development. The Capabilities Approach, Cambridge.
  • Nussbaum, Martha C. / Sen, Amartya (Hrsg.) 1993: The Quality of Life, Oxford.
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  • Tronto, Joan C. (1993): Moral Boundaries. A Political Argument for an Ethic of Care, New York / London.

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Leyla Ercan, Leila Haghighat (2026): Community Care, Community Art: Voraussetzungen für die Kunst- und Kulturproduktion mit marginalisierten Menschen. In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE: https://kubi-online.de/artikel/community-care-community-art-voraussetzungen-kunst-kulturproduktion-marginalisierten (letzter Zugriff am 21.02.2026).

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